Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 10-11 (6.3.1919)
- Date
- 1919-03-06
- Page
- Seite 307-308 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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307 VOLK UND LAND 308 sein dürfte, eine ,,kleine“ Veränderung mit Palästina vor sich gegangen; Zahlreiche Berechnungen, die für die türkische Wirtschaft gemacht waren, sind jetzt völlig wertlos. Ich erinnere nur daran, daß bald Verkehrswege überall sein werden, wo man sie braucht, wodurch intensivere Wirtschaft ermöglicht wird, und daß der vorsintflutliche Zehnt (zirka 15 °n des Rohertrags) sofort verschwinden wird. Ich glaube, durch obige Ausführungen auch den Befangensten überzeugt zu haben, daß sogar bei überwiegend landwirtschaftlicher Kolonisation ein vielmal schnelleres Tempo eingeschlagen werden kann und erheblich geringere Geldmittel erforderlich sind, als Lichtheim und seine Anhänger für möglich halten. Und das stimmt auch mit den von Oettinger angeführten Erfahrungen überein, die in andern Ländern gemacht worden sind. Für uns ist da besonders wichtig die Tatsache, daß sich bei der inneren Kolonisation in Schweden nur 44,6 °/o ehemalige Landwirte und landwirtschaftliche Arbeiter befanden, während die früheren Industriearbeiter 26*3 °,o und die Angehörigen andere Berufe 29,1 o/0 ausmachten! Wir haben also allen Grund,-hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen und können uns nur wundern, daß Lichtheim diese Angaben nicht verwertet hat. Unter den Ostjuden haben wir nicht hauptsächlich Händler, sondern % Handwerker und Fabrikarbeiter, und wir dürfen hoffen, daß ihre Umwandlung in ländliche Arbeiter und Kleinsiedler nicht erheblich größere Schwierigkeiten machen wird als in Schweden. Allerdings dürfen wir nicht den von vielen Theoretikern empfohlenen Weg der landwirtschaftlichen Schulen wählen. Nur durch die Praxis werden wir tüchtige Landwirte und Gärtner heranbilden können. Auch der Bauer und Gärtner Westeuropas lernt sein Fach nicht auf der Schule. i Zum Schluß möchte ich nochmals zusannnen- | fassen; Die unser harrende Aufgabe ist ungeheuer. Wir werden sie nur bezwingen, wenn wir uns keiner alleinseligmachenden Doktrin verschreiben. Jeder Weg, auf dem Palästina überhaupt kolonisiert werden kann, ist der rechte, und keiner schließt den andern aus. Der Zionismus hat jetzt j das Problem der wirtschaftlichen Ausnahmestellung des jüdischen Volkes zu lösen. Es geht nicht an, diese gewaltige Aufgabe dadurch noch weiter zu komplizieren, daß man mit ihr unbedingt noch so und so viel andere Probleme gleichzeitig lösen will. Wenn erst die Bedingungen für das äußere Leben des jüdischen Volkes in Palästina geschaffen sein werden, ist mir nicht bange, daß das innere Leben der Juden in Erez Israel in jedem Sinne ein jüdisches sein wird. Es soll sich niemand durch die in letzter Zeit oft vernehmbaren Unkenrufe erschrecken lassen. * Trotz Fremdenverkehr, Marktschreier und Händler ist Hugo Bergmann in nichtjüdischem Milieu ein so trefflicher Jude geworden. Wie j könnte bei jüdischem Milieu in Palästina die Wir- { kung eine entgegengesetzte sein? Und die letzte! chassidische Klaus des entlegensten polnischen Dorfes wird, nach Palästina gebracht, in ihrem Gehalt an Judentum sicherlich nicht ärmer werden! Das wiederbelebte jüdische Volk in Erez Israel wird sich seine Kultur in absoluter Freiheit schaffen. Wir hier im Galuth, für die in der großen Mehrzahl Palästina bisher leider nur erst ein Begriff ist und ein Gegenstand ihres Wünschens und Sehnens, haben nicht das Recht, eine Vormundschaft über Palästina aufzurichten. Ich fürchte, daß so manches „Judentum“, das jetzt von seinem Apostel als das Judentum reklamiert wird, von der nächsten schon in Erez Israel geborenen Generation, doch ein wenig anders beurteilt werden könnte. ZUR LOESUNG DER HAUSFRAUEN- UND DIENSTBOTENFRAGE IN PALAESTINA Von Emma Trietsch. Ich wage mich mit meinen nachfolgenden Aus- ' führungen auf sehr anfechtbares Gebiet, aber ich wage es trotzdem. Anfechtbar sind meine Ausführungen hauptsächlich jedoch nur deshalb, weil sie mit dem Althergebrachten aufräumen wollen und eine neue Ordnung fordern. Es ist merkwürdig genug, wie wenig Frauen der ganzen Welt sich bis jetzt durch die Flucht in die Oeffentlichkeit aufgelehnt haben gegen das Joch, das sie als Hausfrau und Mutter zu tragen haben. Daß Tausende und Abertausende, und es sind nicht die schlechtesten, ihr Los als Joch und als Frone empfinden, daß Tausende und Abertausende seelisch und geistig daran zugrunde gehen, ist eine Tatsache, die — wenn sie auch jetzt noch; nicht offenbar sein mag — sich einmal für alle heraussteilen wird. Der Glorienschein, den man; um die mehr oder weniger unfreiwillige Sklavin j von aitersher gewoben hat, ist für Unzählige eine i Dornenkrone, von der sie nur zu gern befreit sein möchten. Wir Juden gehen jetzt an den Aufbau eines neuen Staates und alle, die daran teilhaben, alle, die befugt oder unbefugt in ihren Gedanken, Entwürfen und Plänen daran arbeiten, sind von dem Wunsche beseelt, einen kleinen Musterstaat zu schaffen zum Heile des jüdischen Volkes und zum Vorbild für die ganze übrige Welt. . Um einen Musterstaat zu schaffen, ist es aber notwendig, alle Uebel des alten Systems aufzudecken, denn nur so kann man sicher sein, sie in dem neuen Staatsgebäude zu vermeiden. Ein solches schweres Uebel ist das jetzige Leben der Hausfrau. Ich will mich hier nicht in ausführlichen Schilderungen ergehen, wie die ganz unzureichend, meist garnicht für ihren Beruf vorgebildete junge Frau sich plötzlich vor Aufgaben gestellt siebt, denen sie ganz und gar nicht gewachsen ist, die‘ sie aber — ob sie kann oder nicht — einfach erfüllen muß. Solange die Ehe kinderlos ist, wird die Fra» unserer Zeit, die vorher in zahlreichen Fällen