Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 10-11 (6.3.1919)
- Date
- 1919-03-06
- Page
- Seite 299-300 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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299 VOLK UND LAND 300 dort auch tatsächlich eine Lücke ausfüllt. Das wird uns ab^r nur gelingen! wenn wir die Kolonisation selbst von jeder Sehranke befreien. Das bedeutet einmal, daß man die jüdische Privatinitiative und das jüdische Privatkapital nicht nur nicht fernhält, soniern direkt ermun'ert. Und daß man zum andern keinerlei wirtschaftspolitische Experimente macht. Ein prinzipieller Streit über die Vorzüge der kapitalistischen oder der sozialistischen Wirtschaftsform in unseren Reihen ist völlig zwecklos. Das Wesentliche ist vielmehr folgendes: Wir stehen vor einer überaus schwierigen, ungeheuer großen wirtschaftlichen Aufgabe von furchtbarster Verantwortung. Wie jeder, der nicht von Natur Hazardeur ist, bei der Gründung eines neuen Unternehmens auf den Erfahrungen seiner Vorgänger fußen muß und nur ändert und bessert, so können auch wir nicht eine Wirtschaftsordnung, die nie und nirgends erprobt ist, zur Grundlage unserer Kolonisation machen. Wer möchte — von jugendlichen Heißspornen und Doktrinären abgesehen — die ganze Zukunft unseres Volkes /auf eine Karte setzen und für den Fall, daß der sozialistische Wirtschaftsaufbau zum Untergang führen sollte, den Zionismus dieses Schicksal teilen lassen? Ueber die kapitalistische .Wirtschaftsordnung mag man denken wie man will, jedenfalls eines steht fest: sie ist erprobt! Unter ihr ist jeder Kulturfortschritt möglich, und die wirtschaftliche und kulturelle Stellung der Massen kann durch weitgehende soziale Gesetzgebung immer mehr gehoben werden. Wir dürfen für das unsagbare Elend, das Militarismus und Imperialismus über die Welt gebracht haben, nicht die kapitalistische Wirtschaftsordnung verantwortlich machen; militaristisch und imperialistisch kann sehr wohl auch der Sozialismus sein. Völker, die auf ihrem Territorium sitzen, können sich sozialistische, ja sogar bolschewistische Experimente leisten, ohne im Falle des Mißglückens unterzugehen. Für uns aber bedeutet ein mißlungenes Experiment eine nicht wieder gutzumachende Katastrophe. Und für ebensowenig realisierbar hal e ich die Forderung, daß wenigstens aller Boden unbedingt sofort nationalisiert werden müsse. Erstens glaube ich nicht daran, daß wir ein Enteignungsrecht an arabischem Grund und Boden bekommen werden — ich hielte ein solches Recht wegen unseres Verhältnisses zu den Arabern übrigens direkt für ein Unglück —, und zweitens würden wir, da die Agrarbank ihre Schuldverschreibungen nur mit niedrigstem Zinsfuß (vielleicht U/2%!) verzinsen könnte, um den Grundzins der Erbpächter in bescheidenen Grenzen zu halten, die ganz großen Kapitalien, die für die Nationalisierung des gesamten Bodens erforderlich waren, leider nicht zusammenbekommen. Denn diese sind nur zu haben, wo viel zu verdienen oder wenigstens die Aussicht dazu vorhanden ist. Auch hier müssen „wir, wenn uns wirklich die Hauptsache ist, Palästina zu Erez Israel zu machen und nicht gerade ein bestimmtes Prinzip durchzuführen, dem Privatkapital ein Feld der Betätigung für allen Boden lassen, den Nationalfond und Agrarbank aus Kapitalmangel einfach nicht erwerben können. Gegen wucherische Bodenspekulation und Latifundienbesitz gibt es noch genügend andere sichere Mittel (so z. B. ein Gesetz, daß Grund und Boden nur zum Taxwert, vom zweiten Besitzer nur zum Erstehungswert verkauft werden darf, und daß Nationalfond und Agrarbank sei es als Selbstkäufer, sei es als Kommissionär ein Vorkaufsrecht haben, daß ferner Grund und Boden nur an Landeseinwohner verkauft werden darf, die ihn innerhalb bestimmter Frist selbst bebauen wollen, und daß schließlich jeder Landeseinwohner Boden überhaupt nur bis zu einem bestimmten Höchstmaß besitzen darf). Und die spätere Nationalisierung des Bodens ließe sich gesetzlich etwa dadurch herbeiführen, daß beim Tode des Eigentümers der Boden an die Gemeinschaft fällt und an den Erben nur dann als Erbpacht zu verleihen ist, wenn er ihn selbst bewirtschaftet. Ueberhaupt scheint mir das Erbrecht der Gemeinschaft das beste Mittel zu sein, um soziale Ungerechtigkeit zu verhüten, ohne den im Menschen steckenden, allen Kulturfortschritt bedingenden Trieb nach aufwärts zu ertöten.. Dann ist größerer Besitz nur das Aequivalent für größere Tüchtigkeit, und die Gemeinschaft hat dauernd große Einnahmen, ohne durch drückende Steuern Lebensunterhalt; Verkehr und Erwerb belasten zu müssen. Wenn wir so keine kolonisatorische Möglichkeit von uns weisen, werden wir die Masseneinwanderung meistern, und wird es uns gelingen, für die Einwanderer in Erez Israel in kürzester Frist Arbeit und Brot zu schaffen, ln der ersten Zeit werden Wir allerdings die allgemeine jüdische Wohltätigkeit*) in erheblichem Maße heranziehen müssen, Das ist aber keine Besonderheit gerade der Palästinawanderung, sie hätte auch in Aktion zu treten, wenn sich der Auswandererstrom nach einem anderen Lande lenken würde. Schon diese Wohltätigkeit, die bis zur Arbeitsbeschaffung in jeder Beziehung für die Einwanderer zu sorgen hätte, schafft im Lande eine Reihe Erwerbsmöglichkeiten, die sonst dem Lande und dem Volke verloren gingen. Und ebenso bleibt der größte Teil des für diese Wohltätigkeit aufgewendeten Kapitals im Lande. Alle Einwanderer, die wir infolge mangelnder Eignung oder mangelnden Bedarfs nicht sofort landwirtschaftlich oder industriell werden kolonisieren können, werden bei großzügigen öffentlichen Arbeiten und der Urbarmachung des Landes verwendet, worauf Oettinger und nach ihm Lichtheim ja bereits hingewiesen haben. Ich glaube nur, daß diese Arbeitsgelegenheit für eine erheblich längere Zeit vorhanden sein wird als nur einige Jahre. Die Arbeiter, die so beschäftigt werden, erlangen bald die erste Vertrautheit (so- *) Die Unterbringung und Verpflegung auf den Auswandererschiffen und in den Aus- und Einwandej rungshäfen müßte derart sein, daß die Seereise und der notwendige Aufenthalt in den Häfen für die Leute eine Erholung und keine Strapaze bedeutet. Dadurch ergäbe sich' der ungeheure, für die Kolonisation gar nicht hoch genug anzuschkgende Vorteil, daß man nidlt abgehetzte, übernächtige und entkräftete Menschen ins Land brächte, sondern Leute, die durch eine mehrwöchige Erholungsreise körperlich gekräftigt wären, auf deren Herz und Gemüt das Wunder der Rückkehr in die Heimat ungehemimt wirken und in ihnen un endliche Energien lösen könnte.