Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 10-11 (6.3.1919)
- Date
- 1919-03-06
- Page
- Seite 297-298 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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297 VOLK und LAND 298 mentalste Recht rauben, das Recht der Rückkehr in das eigene Land? Mit Recht haben wir Juden uns ereifert, wenn früher andere Staaten Einwanderungsbeschränkungen einführten, doch wir vergaßen dabei ganz, daß. jene Staaten eine ihrem Ländern unerwünschte Einwanderung von Fremden fernhalten wojlten. Und wir sollten uns anmaßen dürfen, wegen irgendeines Kolonisationsprogrammes, das Theoretiker für quantitativ nicht überschreitbar halten, oder aus welchem 'Grunde immer, eigene Volksgenossen als unerwünschte Einwanderer zu bezeichnen? Deutschlands Volkswirtschaft und Ernährung ist zurzeit in der denkbar schlimmsten Verfassung. Würde ein Deutscher den Mut haben, die baldige Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen als unerwünscht zu bezeichnen, weil durch die Rückkehr die Bissen und die Erwerbsmöglichkeiten im Lande noch knapper werden könnten? Ich glaube, schon durch diese Parallele die Pläne unserer Theoretiker auf Einwanderungsbeschränkung ad absurdum geführt zu haben. Wichtiger ist aber noch folgendes: Die Mächte haben das Basler Programm anerkannt: sie geben Palästina dem jüdischen Volke als Heimstätte, dem jüdischen Volke ohne Abstrich und ohne Einschränkung, und wenn die Mächte noch irgendein anderes Motiv geleitet hat als die Not des judenvolkes, so sicherlich nur das: die allen Völkern so unbequeme Judenfrage wenn nicht ganz, so doch zu einem wesentlichen Teile endlich zu lösen. Es mag manchem! von uns der Gedanke schmeicheln, daß wir Rechte bekommen wegen unserer Leistungen in der Vergangenheit oder gar wegen der Hoffnung auf unsere Leistungen in der Zukunft. Es ist auch mir heiligste Ueberzeugung, daß wir in Erez Israel wieder Kulturwerte schaffen, vielleicht gar noch einmal in geistigem Sinne revolutionierend auf die Völker einwirken werden, aber man kann es doch nicht anders als anmaßend nennen, wenn wir den Völkern imputieren, sie gäben uns Palästina wegen dieser Erwartung! Wenn irgendein Volk künftig seine Tore der jüdischen Einwanderung verschließen will (im amerikanischen Repräsentantenhaus wurde ja vor mehreren Wochen ein Antrag auf Verbot jeder Einwanderung für die Zeit von vier Jahren nach Friedensschluß eingebracht!), so kann es uns mit gutem Recht auf Palästina verweisen, und es wird für uns keine Entschuldigung sein, wenn wir uns für unfähig erklären, unser Land genügend schnell zu kolonisieren. Man wird auch unsere Einrede nicht gelten lassen, daß wir unbedingt in allem und jedem gleich von Anfang an ein Musterland schaffen müssen. In der Praxis wären die Einwanderungsbeschränkungen überhaupt nicht durchführbar. Denn .von den Befürwortern denkt doch niemand daran, die Einwanderung mit Gewalt zu verhindern. Und so werden wir die Masseneinwanderung haben, ob wir sie wollen oder nicht, und das Problem, das sich vor uns riesengroß erhebt, ist: wie diese Einwanderer unterbringen, daß sie vorerst überhaupt nur leben können, daß keine Katastrophe eintritt. Die Gefahr, die unserem Palästinawerk durch eine überstürzte und unorganisierte Einwanderung j droht, ist gewaltig. Wir beschwören sie aber! nicht dadurch, daß wir sie theoretisch beseitigen, indem wir erklären: sie darf nicht kommen, sie j darf uns nicht stören! Wir müssen vielmehr sofort daran gehen, die Massen Wanderung selbst zu organisieren, die Auswanderung und die Einwanderung. Nur wenn wir im Prinzip jedem zur Seite stehen und keine« ausschließen, werden wir die Bewegung in der Hand behalten, sie nach Zeit und Ort in geregelte Bahnen leiten können. Hierzu ist unbedingt als Vorarbeit erforderlich die Musterung unserer Pioniere und dann — soweit nötig — ihre Vorbereitung für . Palästina. Bei allen Ortsgruppen sind unverweilt provisorische Auswanderungsämter zu errichten, die ein Kataster für alle aufzunehmen haben, die unmittelbar oder in nächster Zeit nach Friedensschluß nach Palästina gehen wollen. Das Kataster hat Angaben zu enthalten über Personalien, Familienstand, Ausbildung, bisherigen Beruf und bisherige Tätigkeit, Absichten für Palästina, Vorhandensein von Kapital, physische Tauglichkeit für Palästina auf Grund eines ärztlichen Zeugnisses. Es ist unbedingt erforderlich, daß unser Büro ein einheitliches Schema entwirft, dieses schnellstens allen Gruppen zustellt, und daß die Gruppen ihre Arbeit schnellstens erledigen. Ich habe einen dahingehenden Antrag bereits Anfang November 1918 gestellt. Der Antrag ist zum Delegiertentag wiederholt worden. Ende Januar habe ich erneut darauf hingewiesen. Noack hat in „Volk und Land“ *) die gleiche Forderung ausführlich begründet, — unsere Leitung aber bleibt im Gegensatz zu anderen Ländern untätig. Und doch gibt es in der Tat zurzeit keine dringlichere Aufgabe. Wenn wir nicht wissen, welche Kräfte uns zur Verfügung stehen, schwebt alles, was wir über praktische Arbeit in Palästina schreiben und reden, völlig in der Luft. Das gilt für jede Tätigkeit, auch für die landwirtschaftliche. Wir nehmen z. B. bisher an, daß nur wenig Landwirte, Bauern und Landarbeiter nach Palästina gehen werden, weil der Prozentsatz dieser Berufe unter den Juden der Diaspora gering ist. Der Schluß kann aber durchaus trügerisch sein, denn entscheidend ist nur der Prozentsatz unter den Auswanderungswilligen, und nur die Musterung kann uns ein richtiges Bild geben. Unendlich viel wichtiger ist aber die Katasteraufstellung für jede industrielle Tätigkeit. Palästina ist durchaus industrielles Neuland. Es wird wenigstens zu Anfang unmöglich sein, andere Industrien zu gründen als solche, in denen Juden als Techniker, Chemiker, Meister, Gehilfen und Arbeiter bereits tätig sind. Aber das sind nicht nur jene umfassenden Industrien, die jedes Kind kennt und die uns immer wieder präsentiert werden. Nur das Kataster kann uns aber Auskunft geben, welch andere Industrien noch in Betracht kommen. Ich gehe nicht so weit wie Trietsch, der sagt, daß jeder Jude eine Lücke ausfüllt, den wir auf welche Art immer nach Palästina bringen, weil er uns zur Majorität verhilft, aber ich sage, daß wir die Verpflichtung haben dafür zu sorgen, daß im palästinensischen Leben soviel „Lücken“ entstehen, daß jeder Jude, der nach Palästina geht, *) Heft 6 Sp. 169 ff.