Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 10-11 (6.3.1919)
- Date
- 1919-03-06
- Page
- Seite 295-296 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649287--0208-2649550- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m stimmte Einheitlichkeit wie bei keinem zweiten europäischen Volke. Trotz aller inviduellen Verschiedenheiten ist der Jude im allgemeinen unter allen Völkern seiner Umgebung leicht zu erkennen. Es gibt auch Juden, die von der allgemeinen jüdischen Erscheinung erheblich abweichen, dahin gehören in erster Linie die Juden Abessiniens. Sie sind so stark, namentlich mit den Angehörigen der Agauvölker gemischt, daß sie auf den ersten Blick mehr Aehnlichkeit mit diesen als mit den Juden zu verraten scheinen. Die jemenitischen Juden stehen den Nordarabern in physischer Beziehung sehr nahe. In Indien gibt es eine kleine Gruppe von sogenannten „schwarzen Juden“ (Black Jews), denen die indischen „weißen Juden“ die Ehegemeinschaft versagen. An der Loangoküste 296 gibt es schwarze Juden, die dem Negertypus sehr nahe stehen, und auf Madagaskar gibt es einheimische Juden, die sich vom Madagassen wenig oder gar nicht unterscheiden. Es ließt sich jedoch nicht feststellen, ob und wie weit auch diese „Juden“ Loangos und Madagaskars jüdischer Religion sind. Aber diese vereinzelten jüdischen Stämme, selbst wenn man die kaukasischen und chinesischen Juden hinzu rechnet, können für den jüdischen Menschenschlag nicht ausschlaggebend sein. Bilden doch die aschkenasischen Juden allein eine Masse von 14 Millionen Menschen, die eine in sich geschlossene Rasse darstellen und von der übrigen Million anderer Juden sind mehr als y2 Million sephardische und arabische Juden, die von den aschkenasischen somatisch in kaum irgend einer Weise abweichen. (Schluß folgt im nächsten Hefte.) VOLK und LAND ZUR PALAESTINA- DISKUSSION Von Dr. Ephraim 'Chamizer (Leipzig.) Mit Inbrunst haben wir seit mehr als zwei Dezennien die Schicksalswende für unser Volk herbeigesehnt. In den ersten Jahren hofften wir in unserem jugendlichen Enthusiasmus, sie spätestens zum nächsten Kongreß zu erleben — und später? Wie viele von uns glaubten überhaupt noch an sie im Herzlischen Sinne? wer glaubte noch an sie in unseren Tagen? Und jetzt ist der große Moment gekommen, mehr durch eine gütige Fügung des Schicksals als durch unser Verdienst, und — er findet bei uns deutschen Zionisten ein kleines Geschlecht. Vor 20 Jahren wurde Herzl verlacht wegen seiner Idee. In jeder Versammlung tönte uns damals das Wort Utopisten entgegen, ein bequemer Begriff für alle Kurzsichtigen und Kleinmütigen. Heute hat Herzte politischer Zionismus den Sieg errungen, und nun erstehen uns in unserem eigenen Lager Männer, die die von Herzl mit Seherblick geschaute Umsetzung in die Wirklichkeit für utopisch halten, denen Arme und Beine schlottern bei dem bloßen Gedanken, es könnte sich nun das jüdische Volk, das überall geknechtete und getretene, anschicken zur Rückkehr in die Heimat. Die Neunmalweisen quälen ihren armen Kopf ab, genau zu errechnen, wieviel Einwanderer Palästina maximal jährlich aufnehmen könne. Ihre Rechnungen sind falsch, wie ich unten beweisen werde, aber — das läßt sich überhaupt nicht berechnen. Denn wer von uns darf sich anmaßen, die in unserem Volke schlummernden Kräfte zu kennen, Kräfte und Energie, die durch die Heimkehr erst zur Entwicklung kommen werden? Und dann die Unsumme von Imponderabilien! Auch im wirtschaftlichen Leben spielen sie eine gewaltige Rolle. Wir sagen Euch: Setzt Euch nicht vor Beginn der Arbeit eine Grenze! Fangt an, fangt endlich an, und Ihr werdet bald gewahr werden, daß alles viel besser, viel leichter, viel schneller geht, als Ihr es Euch ausmalt, daß> Ihr nur Gespenster gesehen! Natürlich dürft Ihr den Wagen, der uns in die ahneue Heimat fahren soll, nicht schon vor der Abreise bremsen, Ihr dürft ihn auch nicht mit allem möglichen bepacken, was mindestens für den Anfang nur ein Bleigewicht an unseren Füßen ist. Mut, Vertrauen und Aufopferung werden uns zum Ziele führen. „Where there is a will, there is a way“ die alte Losung, mit der der Engländer noch stets den Sieg errungen hat, sei auch die unsere! — — Das Lichtheimsche Referat auf dem 15. Delegiertentag der Z. V. f. D. — mit die unglückseligste Kundgebung, die bisher erfolgte — hat in unseren Reihen viel Niedergeschlagenheit bewirkt und bei uns wie in anderen Lagern falsche Vorstellungen hervorgerufen; der Lichtheimsehe Beschränkungszionismus spukt im Zentralverein wie in der Agudah. Ich halte deshalb eine Auseinandersetzung mit Lichtheim auch jetzt noch für nötig, obwohl Weizimann in seinen Ausführungen vor der Friedenskonferenz das Lichtheimsche „Maximal“programm bereits gewaltig überschritten hat (60 000 statt 20 000 Einwanderer jährlich), und sich für jeden Unbefangenen ohne weiteres ergibt, daß Weizimann an größere Zahlen denkt und nur vorsichtshalber eine kleinere nannte. Die ganze Problemstellung ist bei Lichtheim eine falsche. Das hat mit hinreichender Deutlichkeit auch Noack hervorgehoben, indem er fragte, ob wir denn ein Unternehmen zur wirtschaftlichen Erschließung Palästinas seien. Das Problem ist nicht: Wie bauen wir uns vom Galuth aus ein Erez Israel, das so ganz und in allen Stücken nach unserem Geschmack ist, d. h. nach dem .Geschmack immer einer kleinen Gruppe —, sondern das Problem ist jetzt: Wie meistern wir eine binnen kurzem einsetzende Judenwanderung, wie sie in solchem Umfange noch keine Zeit gekannt hat, und die fast ausschließlich Palästina zum Ziele haben wird? Da erscheint es mir ganz^unmöglich, auf Grund irgendeines Kolonisaticwisprogrammes die Einwanderung auch nur theoretisch zu beschränken, geschweige denn praktisch in den Auswanderungsämtern sozusagen Kommissionen zur Fernhaltung des Gros cler Einwanderer teinzusetzen. Fühlen denn die Befürworter solcher Maßregeln nicht, daß sie so den Juden das funda-