Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 8-9 (20.2.1919)
- Date
- 1919-02-20
- Page
- Seite 285-286 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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285 VOLK UND LAND 286 Den geistigen Arbeitern am Judentum hat bisher, — wenigstens in Westeuropa, eine Organisation völlig gefehlt. Darunter litt .nicht nur ihre wirtschaftliche Lage, sondern auch ihr geistiger Zusammenhang und, -- soweit sie sich als die geistigen Führer des jüdischen Volkes empfanden, ihre nationale Aufgabe. Es ist daher mit besonderer Genugtuung zu begrüßen, daß soeben in Wien die „Vereinigung jüdischer Forscher, Schriftsteller und Künstler Haruach“ gegründet worden ist, eine Organisation, die nach ihren Zielen und Prinzipien als geeignet erscheint, die Keimzelle für den Zusammenschluß der gesamten jüdischen Geistesarbeiterschaft zu bilden. Der Zweck der Vereinigung ist die Wahrung der gemeinsamen Interessen ihrer Mitglieder durch 1. Hebung und Förderung der Würde und des Ansehens ihres Standes, der Erwerbsmöglichkeiten und Arbeitsbedingungen, der beruflichen Fortbildung, der Ausbildung des Nachwuchses; 2. Selbsthilfe und Schutz gegen Gewissenszwang in der beruflichen Arbeit wie im öffentlichen Wirken, gegen wirtschaftliche Zurücksetzung, Benachteiligung und Ausbeutung überhaupt, gegen Alter, Krankheit und andere unverschuldete Not. Dieser Zweck soll erreicht werden durch' 1. Mitwirkung, Einflußnahme und Forderungen zur Verbesserung ihrer Lage bei jüdischen wissenschaftlichen Körperschaften, bei anderen jüdischen Organisationen aller Art, bei den jüdischen Buchverlegern und Eigentümern, Herausgebern und Leitern der jüdischen Presse, auf dem Gebiete jüdischen Kunst- und Theaterwesens; 2. Regelung der Arbeitsvermittlung; 3. Ausübung wirtschaftlicher Maßnahmen, und zwar Schaffung von Vereinbarungen mit oder Anschluß an: Wirtschafts(Konsum-, Wohnungsusw.J-Genossensehaften, Versicherungs(Unfall-, Alterusw.)-Anstalten, Krankenkassen und Erholungsheimen, Witwen- und Waisenfonden; 4. Wettbewerbe, und zwar durch Anregung, Schaffung, Veranstaltung und Verwaltung von Preisausschreiben, Stipendien, Stiftungen, Vermächtnissen; 5. Schaffung einer Rechtsschutzstelle und deren erforderlichen Nebenstellen; 6. Gewährung von Hilfe in Fällen von Erkrankung und außerordentlicher Notlage usw.; 7. Belehrung und Unterricht, und zwar Einführung von oder Beteiligung an Fortbildungs- und Ausbildungsvorträgen, Kursen und Anstalten; 8. Anlage von Fachbibliotheken; 9. Abhaltung von geselligen Zusammenkünften und Versammlungen; 10. öffentliche Kundgebungen; 11. Herausgabe einer Verbandszeitschrift und anderer periodischer und einmaliger Druckschriften aller Art; 12. Veranstaltungen wie Ausstellungen, Vorträge, Konzerte, die den Zielen der Vereinigung entsprechen und sie fördern; 13. Schaffung eines Schiedsgerichtes für Disziplinar- und Ehrenangelegenheiten; 14. zeitweiligen oder dauernden An- bzw. Zusammenschluß mit Verbänden ähnlicher Absichten. Wenn es gelingt, dieses Programm in die Wirklichkeit umzusetzen, so wäre damit eine wesentliche Lücke in der Organisation des nationalen Judentums ausgefüllt. Freilich muß erwartet werden, daß die Gründung der Wiener Vereinigung nur den Auftakt bildet für eine Bewegung, die in allen übrigen Zentren des jüdischen Lebens in ähnlicher Weise zum Zusammenschluß der geistigen Arbeiter führt und von Anfang an den engsten Kontakt und das gemeinsame Zielstreben all dieser Gruppen gewährleistet. Abgese/ien davon, daß erst der interterritoriale Charakter der jüdischen Gewerkschaft geistiger Arbeiter die Möglichkeit geben würde, wirtschaftliche Interessen erfolgreich zu verteidigen, würde durch diesen Zusammenschluß leicht ein Organismus geschaffen, der als „geistiger Rat“ eine wirklich maßgebende Instanz in allen Fragen des kulturellen Lebens darstellen könnte. Wie wichtig das im Hinblick auf die Aufgabe ist, eine geistige Gemeinschaft des ^gesamten Judentums der Welt zu schaffen, bedarf keiner Erwähnung. Sache der geistig Schaffenden im Judentum wird es sein, ihrer im Entstehen begriffenen Gewerkschaft das Mandat zu verschaffen, in ihrer aller Namen zu sprechen und zu handeln. C. Z. K. Ein jüdischer Schrebergarten in Breslau Im Frühjahr 1917 wurde in Breslau der „Anbau- •garten der Lessingloge“ in der Nähe des Südparks eröffnet, nachdem im vorangegangenen Herbste das ca. 3Vs Morgen große Stück Land ausgiebig gedüngt und umgearbeitet wurde. Als Abgrenzung sind an einem Drahtzaun Bohnenstangen aufgestellt, welche im Sommer durch ihren natürlichen Schmuck wesentlich zur Verschönerung des Gartens beitragen. Das ganze Gelände ist in 75 Parzellen a 100 qmi aufgeteilt, besitzt eine Unterkvnftshalle, in w elcher sich Umjkleideräume und Gerätekammern befinden und umfaßt außerdem einen ca. 230 qm großen Schulgarten. Was nun die Leistungen der einzelnen Anbauer, welche sich durchweg niemals mit Gartenpder Feldarbeiten beschäftigt hatten, betrifft, so ist nur Günstiges zu berichten. Weit über die Hälfte der Pächter versahen unter Anleitung ihr Stüde Acker vollständig allein. Zwar wurde in dem regenarmen Sommer des Jahres 1917 die mit so großer Lust und Liebe begonnene Arbeit auf eine harte Probe gestellt, doch vergalten damals die sonneliebenden Tomaten ihrem Pfleger den Fleiß, und ein Zentner Früchte von 12 Stück Tomatenpflänzchen war ein wiederholtes Ergebnis. Vorsichtigere Pächter legten mehr Wert auf den Anbau von Kartoffeln und erzielten mit 4Va Zentner Ernte von 100 qm einen schönen Erfolg. Die wahre Liebe und Ausdauer der Anbauer konnte man aber erst im darauffolgenden Jahre beobachten. Diejenigen, für welche die Gartenarbeit nur ein Reiz der Neuheit war, beschäftigten sich nur einen Sommer damit und übergaben 1918 ihre Parzellen den Arbeitslustigen, die gern ihren Besitz vergrößern wollten. Mit besonderem1 Fleiß gingen den Erwachsenen die Kinder im Schulgartenkursus voran! Außer ihrem eigenen) 5 qm großem Gemüsebeet, gibt es im Schulgarten gemeinsame Anlagen für Kürbisse, Gurken und Kartoffeln. Neben der Gartenarbeit beschäftigen sich Knaben und Mädchen im Schulgarten auch mit handwerklicher Tätigkeit. Drahtzäune werden aufgestellt, Gartenbähke gezimmert und besonderes Vergnügen machte den Kindern die Anfertigung einer Laube aus Bohnenstangen, deren schöner und praktischer Wert dem Garten zur Zierde gereicht. Das Interesse, das von allen Seiten dem Gartenbauunterricht entgegengebracht wird, veranlaßt die Leiterin, im kommenden Frühjahr auch einen Lebrgarten für Erwachsene einzurichten.