Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 8-9 (20.2.1919)
- Date
- 1919-02-20
- Page
- Seite 283-284 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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283 VOLK UND LAND 284 politischer Mißgriff wäre, der uns hei den arabischen Bauern und Großgrundbesitzern große Antipathien einbrächte, kann diese Maßregel aus verschiedenen Gründen, auf die ich hier nicht eingeheu möchte, keine Folgen haben, wenn die Jüdische Gemeinschaft nicht imstande ist ad 2) den Boden von den Arabern käuflich zu erwerben. Wenn aber die jüdische Behörde über genügend Geldmittel verfügt, um innerhalb der nächsten 30 Jahre den notwendigen Boden käuflich zu erwerben und in Erbpacht zu geben, dann ist obiges Gesetz überflüssig. Wenn aber die oberste jüdische Behörde den jüdischen Bodenbedarf aus eigenen j Mitteln zu decken nicht imstande ist (was ziemlich wahrscheinlich ist), was geschieht dann? Der Vernünftige wird antworten: dann muß man den Ankauf zu Eigentum gestatten, um nicht die Kolonisation Palästinas aufzuhalten. Was aber werden dife „Volkssozialisten“ sagen? Hat doch der „Hapoel-HazaTr“ ln Palästina bereits Ernten zugrunde gehen lassen, weil jüdische Arbeiter nicht vorhanden warten und arabische nicht verwendet w'erden durften! Hat er doch schon wiederholt erklärt, wenn es nicht nach dem „Prinzip“ geht, dann soll Palästina überhaupt nicht aufgebaut werden! Welche Störungen haben wir von solchen Entweder-ioder-Politiktern zu erwarten, wenn wir ein Prinzip wie die Nationalisierungdes Bodens beschließen, bevor wir uns überzeugt haben, daß wir die politische Möglichkeit und die Geldmittel hierzu besitzen? Ich schätze die Hemmungen nicht gering ein und warne darum, sich hier auf etwas festzulegen, was praktisch von einer gewissen Gefahr ist und dem Geist sozialer Gerechtigkeit, mit denn wir unsere Siedlung einrichten wollen, wedler Abbruch zu tun noch Nutzen zu bieten braucht. Auf Privatinitiative sind wir für die Entwicklung des Landes durchaus angewiesen. In jedem Falle, auch in dem Fall der Erbpacht, weil wir zwecks Ausbildung und ökonomischen Fortschritts Mittelr und Großbauern notwendig brauchen. Von der Privatiniative erhoffen wir uns sowohl in der Landwirtschaft wie im Handel und in der Industrie großen Fortschritt. Es waren Privatkapitalisten, die zuerst nach Palästina gingen und die alle bis heute noch keine reichen Leute geworden sind. Privatleute haben die Erfahrungen gesammelt, auf denen wir heute wfeiter bauen wollen. Uns erscheint ein Mensch nicht deshalb besonders wertvoll, weil er kein Vermögen besitzt, und umgekehrt. Ebenso erscheint es uns nicht ehrenvoller, von Staats wegen angesiedelt zu werden, als sich auf eigene Kosten anzübauen. Für Palästina brauchen wir Leute, die nach anderen Maßstäben gemessen werden. Uns ist jedermann willkommen, den heiße S;ehnsucht hinübertreibt und der drüben ernsthaft arbeiten will.“ Dr. W. Brünn- Jerusalem. (Jüdische Rundschau). Die Araberfrage Zur Araberfrage nimmt Ruppin in einem besonderen Aufsatz im zehnten Heft des „Juden“: „Das Verhältnis der Juden zu den Arabern'- Stellung. Die Eingangsworte sollten üb|erall angeschlagen werden, wo man sich ernsthaft mit jüdischer Kolonisation in Palästina beschäftigt. „Die Frage nach dem zukünftigen Verhältnis zwischen den Juden und Arabern ist vielfach diskutiert worden. Si|e kann hach unserer Meinung nur durch die Herstellung eines harmonischen Zusammenlebens zwischen Juden und Arabern gelöst werde n“.*) Und weiterhin die Forderung: „D|er Friede wird sich nur1 dann erhalten lassen, wenn wir bei allen kolonisatorischen Maßnahmen in Palästina als oberste Richtschnur gelten lassen, daß wir dadurch keine wohlerworbenen Rechte der arabischen Einwohner schädigen dürfen.“ Das ist nach Ruppin durchaus möglich. „Schätzt man die landwirtschaftlich benutzbare Flächte Palästinas auf 1/2 der *) Von mir gesperrt. Gesamtfläche, d. i. auf 15 (HK.) qkm glieich zirka 17003 03(1 Dunam, die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Palästina auf SO 000 bis 100 000 und die für jeden Betrieb lerforderliehe Fläche auf 100 Dunam, so bleiben noch 7 000 000 bis 0 030 000 Dunam übrig. Das ist das Doppelte dessen, was die jüdische Kolonisation in den nächsten 30 Jahnen nötighat. Und dabei ist in Betracht zu ziehen, daß eine Fläche von 100 Dunam für den Betrieb zwar für den Getreidebauer notwendig ist. daß aber, wenn Palästina leinmai seiner eigentlichen Bestimmung gemäß das Land der besten Südfrüchte und Frühgemüsie wird*), ein landwirtschaftlicher Betrieb nicht mehr wie 20 Dunam erfordern wird“. . .. „Die jüdischen Kolonisationsgesellschaften sollen niemals bäuerlichen, sondern immer nur Großgrundbesitz kaufen. Der auf dem erworbenen Boden bisher ansässige arabische Pächter soll weiter eine i gleich große Bodenfläche zur Verfügung haben, wie er früher bearbeitet hat. Das einzige, worin er sich eine gewisse Beschränkung wird auferlegen müssen, wird darin bestehen, daß er nicht mehr wie bisher aus dem großen, ihm zur Verfügung stehenden Terrain jedes Jahr ein anderes Stück wird heraussuchen können, sondern daß er gezwungen sein wird, jedes Jahr denselben Boden zu bebauen. Mit anderen Worten, er wird gezwungen sein, von der extensiven zu einer intensiveren Kultur überzugehen“. Ich selbst bin in einem Aufsatz im Juliheft des „Juden“ auf dies Problem ausführlich eingegangen. Es wäre vielleicht dazu zu bemerken, daß, wenn wir verschiedene besonders kleinere - Kolonien zu Koloniekomplexen vereinigen wollen, wir die dazwischen wohnenden Fellachen nicht nur entschädigen, sondern womöglich an anderen Stellen des Landes ansiedeln müssen, wobei die Zentrale des jüdischen Kolonisationswerkes die vorbereitende assanierende und ameliorierende Tätigkeit zu leisten haben wird. Im selben Heft des „Juden“ findet sich ein Aufsatz von Max Rosenfeld; „Soziale Steintafeln“, der für Palästina unter Berufung auf die mosaische Gesetzgebung das Obereigentum des jüdischen Volkes am gesamten Grund und Boden verlangt. Wir werden dieses Problem an anderer Stelle noch eingehender behandeln, da in allen Erörterungen über diesen Gegenstand nur das Prinzipielle bisher betont worden ist, dagegen die außerordentlichen Schwierigkeiten zum Beispiel beim Erbbaurecht, bei der praktischen Verwirklichung in der zionistischen Literatur noch nicht genügend gewürdigt worden sind. Ein Aufsatz von Markus Reiner beschäftigt sich mit dem Industrialismus. Auf diesen werden wir ausführlicher eingehen, als es in diesem kurzen Referat möglich ist, da wir rein (prinzipiell eine Behandlung, Wie Sie dort geschehen ist, nicht für geeignet halten. Fritz Sternberg. SOZIALES Eine Gewerkschaft jüdischer Geistesarbeiter Die Organisierung der geistigen Arbeiter ist von jeher eine der schwierigsten Fragen gewesen. Trotzdem gerade die Geistigen es besonders nötig hätten, für ihre wirtschaftliche Lage auf dem Wege gewerkschaftlichen Zusammenschlusses grundlegende neue Bedingungen zu schaffen, ist erst in allerletzter Zeit damit ein Anfang gemacht worden. Die wirtschaftlichen Kampforganisationen der Künstler, wie sie am entwickeltsten bisher im Bereiche des Bühnenwesens existieren, zeigen alle mehr oder minder noch Mängel, die begründet liegen in der häufig allzu individualistischen Denkungsweise ihrer Mitglieder. Man braucht nur an die Berichte über die Verhandlungen des Nissenschen „Schauspieler- I Parlaments“ zu denken, um sich des Unterschiedes bewußt zu werden, der zwischen den Organisatio- | nen der körperlich und der geistig Arbeitenden! besteht.