Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 8-9 (20.2.1919)
- Date
- 1919-02-20
- Page
- Seite 273-274 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649286--0192-2649533- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
273 . - —— - . - — VOLK UND LAND — —-— - ■■ 274 den nationalen Mittelpunkt des jüdischen Volkes Raum geschaffen wird. Die Judenheit der Welt, 'soweit sie eine sich selbst Ausdruck verleihende Organisation darstellt, verlangt diese Lösung so gut wie einstimmig. j Vom Standpunkt der englischen Interessen aus führt 1 Sidebotham aus, daß das Wohlergehen und die Sicherheit des britischen Reiches verlangen, daß dieser Landstrich einen Pufferstaat bildet, der von Juden bewohnt wird und unter englischem Schutze steht. Sidebotham tritt für den Fall, daß ein englischer Schutz unmögj lieh sein sollte, für einen amerikanischen ein und verj wirft entschieden jedes Kondominium, jede Teilung und jede Internationalisierung Palästinas, da alle diese Lösungen nur zu Schwierigkeiten und unheilvollen Folgen führen würden. Er ist kein Jude und ist Zionist nicht aus Eingebung, sondern aus Ueberzeugung. Glücklicherweise werden seine Anschauungen von allen Zionisten in der Welt geteilt und ‘ebenso von der viel größeren Anzahl Juden, die, ohne zur zionistischen Organisation zu gehören, doch mit ihrer Politik sympathisieren. Sie wünschen die Neuschaffung eines jüdischen nationalen Mittelpunktes in Palästina, dem jüdischen Heimatslande, das nicht sofort ein jüdischer j Staat werden, aber, wie sie hoffen, sich mit der Zeit dazu entwickeln soll. Nicht ein unabhängiger Staat, sondern ein Dominion wie die übrigen Dominien des britischen Reiches. Die Judenheit der Welt kennt die Geschichte zur Genüge, so daß sie jede Zweiherrschaft oder sonsfge Schutzrechte von mehr als einer Macht verwirft Sie kennt auch j die jüdische Geschichte genug, um zu wissen, unter dem Schutze welcher Macht sie die weiteste Freiheit haben | würde, ihre eigene Lösung zu finden. Die Juden, nicht nur Englands, sondern der ganzen Welt, sind zu dem ■ Schluß gekommen, daß nicht nur der Schutz einer Großmacht nötig ist, sondern daß dafür nur England und die | Vereinigten Staaten in Betracht kommen; England aber j wird der Vorzug gegeben, weil zwischen ihm und der Judenheit schon länger Beziehungen bestehen und die Gelegenheiten häufiger gewesen sind, bei denen England für Juden in der Not eintreten konnte; dazu kommt die vermutliche Abneigung der Vereinigten Staaten, Verantwortungen in der alten Welt auf sich zu nehmen, die Nähe Aegyptens als eines Teils des englischen Reichs, [ das gerade als Bindeglied zwischen seinem europäischen j und asiatischen Besitz besonderen Wert hat, und der j ganze Charakter des Systems des britischen Reichs, in j dem ein jüdisches Palästina so gut zu Hause wäre, wie j Indien, ein französisches Mauritius, ein englisch-holländisches Südafrika oder ein englisches Australien. Aus allen diesen Gründen wünscht die Judenheit der Welt ein jüdisches Palästina, das als Schutzgebiet oder sonstwie dem britischen Reiche angehört. Nur eine Wendung ist denkbar, die sie veranlassen könnte, für eine andere Schutzmacht zu stimmen, Und das wäre die Absicht einer Teilung zwischen zwei oder mehr Mächten. Die Juden haben keinen Wunsch nach Uebergriffen auf Nachbarländer, mit denen sie durchaus in Freundschaft leben wollen; dazu müssen aber im voraus alle denkbaren Streitpunkte beseitigt werden. Die Grenzen Palästinas sind: sehr unbestimmt; sie haben mit den Zeiten sehr stark gewechselt. Die nordöstliche Grenze hat zeitweise Mesopotamien berührt. Damaskus hat zeitweise die jüdische Herrschaft anerkannt. Die modernen Juden aber haben keine imperialistischen Pläne. Ihre Ansprüche sind bescheiden, aber nichtsdestoweniger bestimmt. Ueber die Grenzen im Süden und Westen kann kein Zweifel bestehen, sie sind durch die ägyptische Grenze und durch die See gegeben. Im Norden 1 und Süden könnten sich Meinungsverschiedenheiten ergeben, aber hier sind die Juden nicht unvernünftig. Sidebotham ist hier, ohne sich in Einzelheiten einzulassen, offenbar mit den zionistischen Ansprüchen einverstanden, wie sie in der bei Murray erschienenen Schrift über den Zionismus und die jüdische Zukunft niedergelegt sind. Die natürliche Nordgrenze Palästinas verläuft danach von etwas nördlich von Sidon (Saida) an der Küste bis westlich von Damaskus; im Osten bildet die Wüste zu einem Punkte etwa dreißig englische Meilen südwestlich von Damaskus; im Osten bildet die Wüste die natürliche Grenze; aber wenn sie als Grenze genommen würde, so wäre Damaskus, das vermutlich doch eine arabische Stadt sein Soll, von dem arabischen Staate des Hedjas abgeschnitten. Deshalb ist eine Ostgrenze angenommen, die etwas mehr nach Westen bis zum Roten Meere verläuft, das sie bei Akabah erreicht. Türken, Araber, Armenier, Juden Manchester Guardian vom 5. Februar: „Das Prinzip" auf das die Friedenskonferenz festgelegt ist, verlangt, daß die Liga der Nationen der souveräne Nachfolger des Türken sein soll, und daß die Mächte als die Mandatare der Liga auftreten sollen. Aber wie soll dies Prinzip angewandt werden? Welche Mächte sollen ein Mandat erhalten? Ueber welche Gebiete? Der Fall des ottomanischen Reiches ist verschieden von dem der deutschen Kolonien, die türkischen Territorien sind der Sitz alter Zivilisationen und das Heim von Nationen. Sie umfaßten die Griechen an der kleinasiatischen Küste, für die Venizelos eine sofortige Vereinigung mit dem griechischen Königreich beansprucht, die Juden, die in Palästina nur in der Minderzahl sind, die Armenier, die Türken und die verschiedenen Stämme der Araber. Die Konferenz mag gerechterweise entscheiden, daß im Falle der griechischen Territorien das Mandatarprinzip überhaupt nicht zur Anwendung kommt, oder nur in dem Umfange, in dem es ebenfalls auf die neugebildeten Staaten von Mitteleuropa angewandt werden mag. Im Falle der anderen wird es zur Anwendung kommen müssen, um sich den besonderen Umständen eines jeden anzupassen. Man ist übereingekommen, daß die Verteilung der Mandate — d. h. die Zuteilung der Territorien — nach dem Prinzip der Nationalität bestimmt werden soll. Wenn wir von den Griechen absehen, kommen vier Völker in Frage, nämlich die Türken, cfie A r - menier, die Araber und die Juden. Ueber die genauen Grenzen von Anatolien bestehen Meinungsverschiedenheiten, aber es besteht kein Zweifel, daß ein türkisches nationales Gemeinwesen im Werden ist. Wie dasselbe regiert werden soll, ist durch den Umstand kompliziert, daß es einen türkischen Staat gibt, der bis jetzt seinen Sitz in Konstantinopel gehabt hat und sich unter dem Sultan der Unabhängigkeit erfreute. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß ein türkischer Sultan je wieder von Konstantinopel aus eine wirkliche Regierung führen wird, und der verkleinerte türkische Staat Anatolien wird sehr wahrscheinlich einen Schutz nötig haben, den das ottomanische Reich entbehren könnte. Ein armenischer Staat muß errichtet werden, und seine Zukunft und sein Umfang darf nicht durch die traurige Hinschlachtung einer Million Armenier beeinflußt werden. Neu-Armenien wird sicherlich in seiner Kindheit und Jugend Hilfe gebrauchen. Woher soll dieselbe kommen? Die Armenier beantworten diese Frage am besten selbst. Wahrscheinlich ist es, daß sie eine amerikanische Vormundschaft vorziehen würden. Aber Amerika zeigt wenig Neigung, derartige Verantwortlichkeiten in der Alten Welt zu übernehmen. Armeniens zweite Wahl mag entweder auf England oder Frankreich fallen, aber wer immer auch in Armenien regiert, muß mit der Mission beauftragt werden, im Interesse der Armenier zu regieren und Armenien in einem möglichst kurzen, Zeitraum zu einem sich selbst regierenden Staat zu machen. Der Fall der Araber ist komplizierter als der von Armenien. Es gibt mehr eine arabische