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Volk und Land · 1919-02-20 · Heft 8-9 (20.2.1919) · p. Seite 267-268

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 8-9 (20.2.1919)
Date
1919-02-20
Page
Seite 267-268 (sequence 24)
Language
German
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VOLK UND LAND 268 267 erschien aussichtslos, nachdem die Arbeiter bereits über drei Wochen nicht mehr in Arbeit standen, ihre Wiederaufnahme in einen Riesenbetrieb, wie es die Vulkan-Werft ist, erzwingen zu wollen. Selbst wenn es gelungen wäre, ihre Wiedereinstellung zu erreichen, wäre ihre Stellung inmitten einer mehr als viertäusendköpfigen feindlich gesinnten Arbeiterschaft unhaltbar geblieben. Es erstand daher die Aufgabe, anderweitig Arbeit zu suchen, möglichst dort, wo kein so großer Arbeitsmangel neue Drangsalierungen befürchten ließ. Durch Vermittlung der Landwirtschaftskammer der Provinz Brandenburg wurde schließlich bei einem Forstamt eine Arbeitsstelle ausfindig gemacht. Nun aber begann eine Oppusition, die am wenigsten zu erwarten war; ein hartnäckiger Widerstand von Seiten der Arbeiter. Das Forstamt hatte neben freier Verpflegung und, Unterkunft einen täglichen Lohn von 3,50 Mark angeboten. Auf einer Versammlung der Arbeiter erklärte ein Bundist, daß diese Bedingungen unannehmbar seien. Die jüdischen Arbeiter seien nicht dazu da, sich vom deutschen Kapitalismus Ausbeuten zu lassen. Er fordert seine Kollegen auf, die Arbeitsaufnahme einstimmig abzulehnen, was denn auch prompt geschah. Alle Vorstellungen blieben, erfolglos. Selbst der wiederholte und nachdrückliche Hinweis darauf, daß ihr Verhalten eine geradezu gefährliche Schädigung der Interessen aller ostjüdischen Arbeiter in Deutschland bedeuten würde, da nach den mit ihnen gemachten Erfahrungen das Demobilmachungs-Amt es in Zukunft mit Recht ablehnen würde, irgend etwas’ zugunsten ostjüdischer Arbeiter zu unternehmen, vermochte nicht, sie umzustimmen. Die Gemeinde sperrte hierauf jede weitere Unterstützung. Was seitdem geschehen ist, ist dem Schreiber dieses nicht bekannt, wahrscheinlich ist den Arbeitern nichts anderes übrig geblieben, als nach Polen zurückzukehren. Es schien nötig, den vorstehenden Bericht in dieser Ausführlichkeit abziustatten, um zunächst einmal auf die prinzipielle Wichtigkeit der eben geschilderten Vorgänge hinzuweisen. Sie bekunden mit erschrecklicher Deutlichkeit, wie außerordentlich wenig eine jüdische Groß-Gemeinde unter Umständen von einer sehr wichtigen jüdischen Gruppe in ihrem Verwaltungsbereich weiß. Sie zeigt ferner, wie wenig eine jüdische Groß-Gemeinde unter Umständen darauf eingestellt ist, plötzlich auftauchende politische und wirtschaftliche Fragen, die nicht so ganz glatt in ihrem satzungsgemäßen Wirkungskreis hinein passen, zu erledigen, und zu welchen Konsequenzen esi führen j kann, wenn, wie in Hamburg, auf Grund dieses Mangels an Fähigkeiten die private Initiative auf eigene Faust die Maßnahmen ergreifen muß, die neben ihren erfreulichen Wirkungen dort immer auch eine empfindliche Schädigung des Ansehens der Gemeinde nicht nur in den Kreisen ihrer eigenen Mitglieder, sondern auch bei den Behörden zur Folge haben muß. Sie zeigt vor allen Dingen aber, wie wenig diejenigen Instanzen, die mehr oder weniger berechtigt als Vertretung des gesamten deutschen Judentums fungieren, sich bisher um eine Frage gekümmert haben, deren Auftauchen man voraussehen mußte. Man fragt sich1 erstaunt, ob es denn nicht möglich gewesen wäre, schon zu einer Zeit auf die besondere Lage der ostjüdischen Arbeiter in Deutschland hinzuweisen, als die einsetzende Arbeitsnot noch nicht dazu geführt hatte, in oben genannter Weise Bestimmungen zur Durchführung gelangen zu lassen, die nichts weniger beabsichtigt hatten, als über die ostjüdisdie Arbeiterschaft in Deutschland eine Katastrophe herbeizuführen. Es muß betont werden, daß keine der in Frage kommenden staatlichen Instanzen sich auch nur im geringsten der Unmöglichkeit, Ostjuden heute nach Polen abzuschicken, entzogen hat und 1 daß es möglich gewesen wäre, bei rechtzeitigem Hinweis in den Wortlaut der grundlegenden Verfügung eine Anerkennung hineinzuredigieren, daß die Repatriierungs-Bestimmungen auf Ostjuden keine Anwendung finden dürften. Es ist Izu hoffen, daß die Darstellung der Hamburger Vorgängel jetzt wenigstens zur Folge hat, daß man sich möglichst schnell um die Dinge kümmert, und zu verhindern versucht, daß das, was gestern im Bereich des IX. Armeekorps geschehen ist, im übrigen Deutschland Nachahmung findet. Was die Weigerung der Arbeiter anbetrifft, so stellt sie zwar eine große Torheit Und gefährliche Prinzipienreiterei dar, ist aber aus den zeitlichen Lhnständen heraus zu verstehen. Sie beweist, daß es auch hier an einer Organisation mangelt, Und daß die Zusammenfassung aller ostjüdischen Arbeiter in Deutschland zu einer Art jüdischer Gewerkschaft im selben Augenblick notwendig würde, in dem ihre Zahl einen nennenswerten Aufschwung nahm. Heute scheint es dazu zu spät zlu sein. Jll Liebe Deinen Garten wie Dich selbst! i# Hermann Gottschalk

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