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Volk und Land · 1919-02-20 · Heft 8-9 (20.2.1919) · p. Seite 251-252

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 8-9 (20.2.1919)
Date
1919-02-20
Page
Seite 251-252 (sequence 16)
Language
German
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251 VOLK UND LAND 252 gen auf die G e s a m t h e i t des () r 1 e n t S \ eri sprechen dürfen. i In der kleinen bisherigen Entwicklung Palästinas \ hat es sich schon jetzt äußerst wohltuend bemerkbar j gemacht, daß die jüdischen Einwanderer eine große Zahl von Aerzten und hygienischen Einrichtungen und Kenntnissen ins Land gebracht haben, wo ihre Wirkungskreise sich selbstverständlich nicht auf den engeren jüdischen Kreis beschränkte. Wenn eine jüdische Einwanderung großen Maßstabes keine anderen Vorteile bieten würde, als die in dieser Richtung liegenden, so wäre schon damit allein jenen Ländern ein außerordentlicher Dienst geleistet! Auch auf die Kostenfrage und die Beschaffung der Mittel ist es selbstverständlich nicht ohne Einfluß, ob vorwiegend mit Landwirtschaft oder mit Industrie als Grundlage der jüdischen Kolonisation gerechnet wird. Zwar hat sich bei einem der lehrreichsten Vorbilder für das Unternehmen einer großzügigen jüdischen Ansiedlung in Palästina — nämlich bei der Installierung von mehreren tausend griechischen Familien, die im Jahre 1907 aus dem bulgarischen Schwarzmeergebiet nach Thessalien einwanderten — der Kostenpunkt bei landwirtschaftlicher Und städtischer, d. h. meist handwerklicher, Installierung ungefähr gleich hoch (auf rund 2000 Franken für die Familie) gestellt. Dieser Satz kann erstlich einmal auch für Palästina als ausreichend betrachtet werden, und wenn wir von den Kosten der Bewässerungsanlagen und der anderen großwirtschaftlichen Erfordernisse des Ballodschen Planes absehen, deckt er sich auch ungefähr mit dessen übrigen Ziffern für die landwirtschaftliche- Ansiedlung. Außerdem aber werden in unserem Fall auch bei vorwiegend industriellen Berufen gewisse großwirtschaftliche Betriebsformen in der Ansiedlung selbst wesentliche Ersparnisse zu bieten vermögen. Vor allem aber wird der Anfang und Uebergang hierbei beträchtlich erleichtert. Denn wenn es auch von vornherein wohl als das Ideal einer ostjüdischen Massenansiedlung in Palästina gelten muß, den Einwanderern in möglichst weitem Ausmaße in der Form von Gartenstadt oder Industriedorf die Vorteile sowohl der ländlichen wie der städtischen Lebensweise zu bieten, "so wird doch zur Ermöglichung eines vergrößerten oder beschleunigten Anfangs vielfach eine übergangsweise Bevorzugung der industriellen und handwerklichen Berufe am Platze sein. Nun kann im Klima Palästinas sehr viel mit provisorischer Bauweise erzielt werden, ganz abgesehen davon, daß die Wohnfrage auch kapitalistisch im Wege des kleineren oder größeren Unternehmertums gelöst werden kann. Außerdem aber kommen für den Orient Bauweisen in Betracht, bei denen der Wert der A r b e i t im Verhältnis zu dem der Materialien eine viel größere Rolle spielt als etwa in Deutschland, und wobei auch die ungelernte Arbeit in viel höherem Maße verwendbar ist. Dies gilt besonders für die Lehmbauweise, die sich im Orient seit Jahrtausenden als dem Klima entsprechend und billig bewährt hat, und die auf Grund gewisser sehr einfacher Verbesserungen auch weitgehenden europäischen Ansprüchen Genüge leistet. (Die Lehmdraht-Bauweise nach dem patentierten Verfahren des Baurats Paetz in Schönebeck a. d. Elbe beruht auf dem primitiven Lehmbau des Orients, nur daß dabei du Stampfverfahren mit Schalbrettern angewendet wird, wobei eine Umhüllung von Drahtmaschen und Zement das Mauerwerk gegen Witterungseinflüsse sichert. Dieses Bauverfahren, das auch in Deutschland sehr große Vorzüge nach der Richtung der Billigkeit der Herstellung und Wohnlichkeit hat, spielt übrigens jetzt bei def sehr wichtigen Frage der Kriegeransiedlungshilfe eine beträchtliche Rolle.) Auf die eine odei die andere Weise wird also die Baufrage, die im Kostenpunkt der Ansiedlung einen so wichtigen Platz einnimmt, wesentlich gemildert werden können. Dann bleibt der Kostenpunkt der sonstigen Installierung, die aber bei Industrie und Handwerk in der großen Mehrzahl der Fälle sich sehr viel billiger stellt, als in der Landwirtschaft. Zunächst ist ja auch bei Industrie und Handwerk nicht mit einer so langen Wartezeit bis zu den Erträgen zu rechnen. Der Verdienst setzt meist sofort ein, und wenn größere Anlagekapitalien für Maschinerie und Einrichtung nötig sind, so werden diese von dien Unternehmern gestellt, was nichts mit einer zu organisierenden Massenansiedlung zu tun zu haben — jedenfalls aber sie nicht zu belasten braucht. Dann aber gibt ös industrielle und handwerkliche Berufe genug, bei denen die Ausrüstung pro Mann nur eine minimale zu sein braucht. Schneider, Tischler, Schuhmacher, Bauhandwerker usw. werden bei den einfachen Verhältnissen des Orients mit Beträgen für Geräte und dergleichen auskommen, die im Durchschnitt innerhalb der Hundertmark-Grenze liegen werden. Außerdem ist bei gewissen Maschinen das Abzahlungssystem üblich und läßt sich bei Wohlfahrtsbestrebungen für den Abnehmer nicht nur bequem, sondern auch sehr b i II i g gestalten. Wo es sich um elektrisch betriebene Maschinen handeln sollte, wird das Großunternehmen, das die Zentrale errichtet, es vielfach auch vorteilhaft finden, die Motore nur gegen Leih- und Betriebsgebühr zu stellen usw. usw. Dem Verfasser sind zahlreiche Fälle bekannt, in denen bei irgendeiner der vielen Katastrophen* von denen die Juden Osteuropas heimgesucht zu werden pflegten, auf handwerklicher und industrieller Grundlage Existenzen aufgerichtet wurden mit nicht mehr als 50 oder 100 M. pro Familie. Ein wenig neues Handwerkszeug und Material und die Zahlung eines armseligen Mietsbetrages haben während des letzten Menschenalters mehr jüdischen Familienvätern Osteuropas zur Wiedererlangung einer erträglichen Existenz verhelfen, als die auf landwirtschaftliche Ansiedlung städtischer Juden gerichteten Bestrebungen. Allenfalls sei auch hier auf gewisse „I n d u s t r i e n" hingewiesen, die sofortigen Verdienst und ebenfalls verhältnismäßig sehr geringe Betriebsmittel erfordern. Dies ist die systematische Vorbereitung landwirtschaftlicher Heimstätten für die Ansiedler von morgen oder von übers Jahr, —■ Vorbereitungsarbeiten, die in der Herrichtung von Landparzellen, im Bau von Häusern, in der Anlegung von Bewässerungssystemen usw. bestehen. Hierbei können — wie es übrigens in letzter Zeit auch im jüdischen Ansiedlungs werke in Palästina mit gutem Erfolg begonnen wurde, die Einzahlungen der später Kommenden dazu dienen, auch mittellosen Einwanderern Arbeitsgelegenheit und Verdienst vom ersten Tage an und auf einer durchaus wirtschaftlichen Grundlage zu sichern. Die Arbeit bei solchen Vorbereitungen wird Übrigens auch in der deutschen Innenkolonisktion von städtischen und ungelernten Hilfskräften mittels „Industrieller“ Methoden geleistet.

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