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Volk und Land · 1919-02-20 · Heft 8-9 (20.2.1919) · p. Seite 249-250

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 8-9 (20.2.1919)
Date
1919-02-20
Page
Seite 249-250 (sequence 15)
Language
German
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249 VOLK UND LAND 250 An schulmäßigen Institutionen zur hörj derung von Industrie und Handwerk fehlt es ebenfalls! nicht. Die erste jüdische Anstalt dieser Art war die Gewerbeschule der ..Alliance Israelite“ in Jerusalem. Hier wurden hauptsächlich Holzschnitzerei und j Möbeltischlerei, Schmiede- und Klemnnerarbe'ten. so-; wie Weberei gelehrt. Das Ziel der Schule war aber weniger darauf gerichtet, die Industrie in Palästina j zu entwickeln, als vielmehr darauf, ihren Zöglingen j das Fortkommen irgendwo in der Welt zu erleich-! tern. Diese Tendenz der Schule hat denn auch — zusammen mit dem dort gebotenen französischen Unter-! rieht — in der Hauptsache den Erfolg gehabt, daß zahlj reichen jungen Leuten die Auswanderung nach Aegypj ten, Frankreich, Algier usw. erleichtert wurde. I Neben dieser Gewerbeschule, die immerhin für die | industrielle Entwicklung Palästinas und seiner Judenschaft nicht ohne Nutzen geblieben ist*), gibt es eine Reihe anderer Anstalten zur Anleitung der Jugend zu nutzbringendem Erwerb, wobei Tischlerei und Eisenarbeit bevorzugt werden. Außerdem ist die im Jahre 1906 begründete Kunstgevverbeschu'e „Beza'el“ zu erwähnen, die unter den Jerusalemer Juden die Teppichindustrie, die Silberfiligranarbeit und manches andere eingeführt und auch von den herkömmlichen Artikeln der paläj stinensischen Fremdenindustrie einige übernommen und weiter durchgebildet hat. Heute werden in den aus dieser Schule hervorgegangenen Werkstätten bereits sehr schöne Metallgefäße, Holzgegenstände und dergleichen — zum Teil in Anlehnung an die Damaszener Kunstindu- ' strie — hergestellt. Die Schule hat einschließlich der I Werkstätten vor dem Kriege bereits bis zu -103 Arbeitskräfte beschäftigt, und die Betriebsform gehört trotz! des kunstgewerblichen Charakters der Erzeugnisse doch j durchaus zum System der Industrie. Die in diesen Berufen ausgebildeten und beschäftigten Arbeitskräfte würden bei einer industriellen Entwicklung des Landes sich ohne weiters den rein industriellen j Arbeitsmethoden anpassen. Zu erwähnen ist auch noch; eine besondere Spitzenindustrie, die sich auf Veran- ' lassung des Verfassers in den Jahren von 1909 bis zum j Kriege so weit entwickelt hatte, daß ihre sehr geschmackvollen Erzeugnisse ebenfalls bis zu 400 Arbeitskräfte 1 ernährten. Schließlich sind auch hier wieder die üblichen „Nadelberufe“ zu erwähnen. Ein sehr großer Teil der Nähmaschinen und Trikotagenmaschinen, die in steigender Zahl — vielfach aus Deutschland — im Lande eingeführt werden, befindet sich in jüdischen Häusern, j und auch der Vertrieb dieser Maschinen ruht viel fach in jüdischer Hand. Die kunstgewerblichen Industrien, die in Palästina j hauptsächlich von eingewanderten osteuropäischen Juden j ausgeübt wurden, leiten uns hinüber zu der berühmten Damaszener Kunstindustrie, in der ebenfalls viele j Hunderte Juden — in diesem Fall eingeborene syrische! Juden — ihren Erwerb finden. Hier werden haupt-! sächlich in Metall getriebene und ziselierte sowie mit j Drähten von Edelmetall eingelegte Arbe ten hergestellt, j die überall in der Welt wegen der Originalität ihrer j Zeichnung und der unverwüstlichen Technik ihrer Ausführung verdienten Ruf genießen. Freilich ist wohl allgemein unbekannt, daß in dieser Damaszener Industrie jüdische Arbeitskräfte vorherrschen. Auch die Industrie der eigentümlich dekorativen syrischen j Holzgegenstände und Möbel (dunkles Nußbaumholz mit i Schnitzerei, Perlmutter- und Metalleinlegearbeit und j dergj.) ist zum Teil in jüdischen Händen. j In Damaskus befinden sich auch größere Zigarettenfabriken, in denen mehr oder weniger ausschließlich jüdische Arbeitskräfte beschäftigt *) Unmittelbar nach dem Kriege dürfte auch das Technikum (in Haifa) des „Hilfsvereins der deutschen Juden“ eröffnet werden. Es ist das erste Technikum im ganzen bisher türfdsdien Orient. sind, wie man überhaupt in dieser Industrie, wie auch in den anderen mit den Tabakmanipulationen zusammenhängenden Berufen auch in anderen Teilen des Orients vielfach ein jüdisches Arbeiterelement findet. Selbstverständlich ist auch das kleine Unternehm e r t u m in der dortigen Industrie vielfach bei Juden anzutreffen, aber vor allen Dingen haben sich die Juden der Türkei auch — soweit man dort davon reden kann — als Großunternehmer ausgezeichnet. Dies trat vor allem in der Industrie von Saloniki zutage, das in seiner türkischen Zeit lange der wichtigste Industrieplatz des Landes gewesen war. Hier haben jüdische Kapitalisten die ersten und größten Mühlen gebaut, Spirtusbrennereien, Bierbrauereien, Dachziegelfabriken, Textilindustrien usw. angelegt und als Pioniere der neuen türkischen Industrie gewirkt. In Salonik stand ihnen ja auch ein jüdisches Arbeiterelement in ausreichendem Maße zur Verfügung. Dort betrug bis zu den Balkankriegen die jüdische Bevölkerung mehr als 50 °/o (der Rest der Bevölkerung bestand aus Türken, Griechen, Bulgaren usw.), und das jüdische Element von Salonik war gerade in den schwersten Berufen, wie denen der Bootsleute, Hafenarbeiter, Lastträger usw. tätig und hat auch zur industriellen Entwicklung der Stadt in allererster Linie beigetragen. So sehen wir, daß nicht nur die osteuropäisehen Juden eine unbezweifelbare industrielle Eig? nung besitzen, die im Orient sicherlich viel stärker in die Erscheinung treten wird als in den hochindustriellen Vereinigten Staaten usw., sondern daß auch die orientalischen Juden einen hervorragenden Anteil an den bisherigen Anfängen der industriellen Entwicklung jener Länder genommen haben. Uebrigens gibt es schon von alter Zeit her im Orient sozusagen jüdische Berufe. So ist die Färberei viel in jüdischen Händen; verschiedene Zweige der Textilindustrie und ihrer Nebenzweige sind vielfach bei Juden anzutreffen (z. B. die Baumwoltschlägerei und die Matratzenmacherei), und schließlich sind in weiten Gebieten der Türkei und sogar ihrer islamischen Nachbarländer die Klempner und die Uhrmacher mit solcher Ausschließlichke't Juden. da3 die Erwähnung des Berufs die konfessionelle Zugehörigkeit in sich schließt*. Außerdem ist übrigens auch die Gold- und Silber schmie derei im Orient ein bevorzugter jüdischer Beruf. Diese Verhältnisse hängen natürlich in erster Linie damit zusammen, daß bis zum Beginn der neuen jüdischen landwirtschaT.ichen Ko’onisit'onshe Ueb ng n das jüdische Element in der Türkei fast nirgends in der Landwirtschaft anzutreffen war. Bei dem weitaus vorwiegend agrarischen Charakter der Türkei war aber naturgemäß das städtische Element wenig zahlreich, und die Auswahl seiner Berufe war so gering, daß wir uns nicht wundern dürfen, wenn die Juden sich in verhältnismäßig hoher Zahl den handwerklichen und kleinindustriellen Erwerbsmöglichkeiten zuwandten. Von großer Bedeutung für die neue Entwicklung des Orients ist es, daß eine starke jüdische Einwanderung aus Osteuropa jenen Gebieten ein europäisches Element von großer Intelligenz und geistiger Regsamkeit zuführen würde. Es braucht nicht bezweifelt zu werden, daß eine Einwanderung und Betätigung ostjüdischer Massen im Orient die stärkste Möglichkeit einer Europäisierung jener Länder — wohlgemerkt: in jedem wünschenswerten Maße — bietet. Den Juden würde dabei die Rolle der Vermittlung zwischen Ost und West und zwischen West und Ost in jedem kulturellen und wirtschaftlichen Sinne zufaüen. Ihre hohe Begabung in Wissenschaft, Technik und Industrie und ihr großes Sprachtalent werden sie dabei unterstützen, und von ihren Leistungen auf dem Gebiet der Medizin und der sozialen Betätigung wird man sich große Wirkun-

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