Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 8-9 (20.2.1919)
- Date
- 1919-02-20
- Page
- Seite 247-248 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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247 VOLK UND LAND 248 erzielen, so daß wir es liier keineswegs nur mit industriellen Entwicklungen auf lange Sicht zu tun haben. Innerhalb der islamischen Welt nimmt Palästina in industrieller Hinsicht eine bevorzugte Stellung ein. Im Westen vom Meer und im Osten von der sogen. Wüste — (die in Wirklichkeit nicht Wüste, sondern Steppe ist) begrenzt, bildet es eine Art Landbrücke zwischen Afrika und Asien-Europa. Diese bevorzugte Landverkehrsiage, die durch den Ausbau der wenigen nodh fehlenden Glieder eines zusammenhängenden Schienennetzes innerhalb weniger Jahre zur Geltung kommen muß, wird unterstützt durch eine hafenreiche Küste und ein vorläufig zwar noch nicht mit dem Weltverkehr verbundenes, aber für orientalische Verhältnisse schon recht dichtes und leistungsfähiges Eisenbahnnetz. Werden die Häfen erst entsprechend ausgebaut (was ebenfalls nur eine Frage ganz kurzer Zeit ist), so wird auch die Nähe des Suezkanals unvergleichlich mehr als bisher die Entwicklung des Landes begünstigen und es in auffälligster Weise zu einem wichtigen Schnittpunkt des Weltverkehrs machen. Diese Verkehrslage wird natürlich auch einer Entwicklung günstig sein müssen, die einem industriell sehr leistungsfähigen Palästina auch weitere Gebiete der islamischen Welt öffnen wird. Gehen wir nun zu einer Betrachtung der Frage über, ob die Juden Osteuropas sich zu industrieller Betätigung eignen und inwieweit sie diese Eignung schon innerhalb der bisherigen kleinen Entwicklung in Palästina bewährt haben. Hierzu gehört auch übrigens die Frage, mit welchem Anteil die orientalischen (nicht osteuropäischen) Juden sich an den bisherigen Anfängen der türkischen Industrie betätigt haben. Die industrielle Entwicklung der osteuropäischen Juden hat nun vor allen Dingen darunter zu leiden gehabt, dlaß ihre bisherigen Wohnländer selbst noch nicht lange über eine eigene Industrie verfügen. Innerhalb dieser aber sind die Juden — und zwar sowohl als größere und kleinere Unternehmer, wie auch vor allem als Arbeiterelement — hervorragend beteiligt. Hierbei wird man allerdings Industrie und Handwerk in wesentlich höherem Maße zusammenwerfen müssen, als es bei den durchgearbeiteteren Formen der Industrie in Mittel- und Westeuropa und in den Vereinigten Staaten zutreffend wäre. Besonders in den russischen Westprovinzen stellen die Juden 78 °/o aller Handwerker. Die beliebtesten Handwerke sind, die der Schneiderei, der Konfektion, der Kürschnerei, der Mützenmacherei und ähnlicher „Nadelgewerbe", ferner die Schusterei, das Baugewerbe, die Tischlerei und Drechslerei sowie — was mit den rituellen Vorschriften zusammenhängt — die Schlächterei und Bäckerei, und zwar letztere natürlich in erster Linie und vorwiegend für den Bedarf der jüdischen Bevölkerung, die ja in den osteuropäischen Städten eine außerordentlich dichte ist. Zahlreich sind die Städte Westrußlands, Galiziens und Rumäniens, in denen die Juden eine starke Majorität aufweisen, so daß es ziemlich selbstverständlich ist, daß sie hier den eigenen Bedarf soweit wie möglich mit eigenen Arbeitskräften decken. Dies um so mehr, als sie ja vielfach durch die Feindseligkeit der nichtjüdischen Bevölkerung von deren Versorgung ausgeschlossen oder doch wesentlich daran gehindert sind. Einen ungefähren Ueberblick darüber, welche Bedeutung der Industrie unter den Berufen der Juden Osteuropas zukommt, kann man au« der Aufstellung in Ruppins „Juden der Gegen wart" bekommen, wonach unter je 10000 Juden Rußlands und Oesterreichs 3463 und 2867 (gegenüber christlichen Ziffern von 1144 und 2668) auf die Industrie — die hier ebenfalls mit dem Handwerk zusammengerechnet wird — entfallen. Dabei ist noch zu bemerken, daß die russischen Ziffern für 1807 und die österreichischen für 1000 gelten. Seit dieser Zeit aber hat die industrielle Betätigung der Juden sich in diesen beiden Ländern sicherlich noch viel weiter ausgeprägt. > Jedenfalls besteht darüber kein Zweifel, daß die große ostjüdische Auswanderung, die sich weitaus in erster Linie den Vereinigten Staaten und England zugewendet hat, in diesen neuen Wohnsitzen sich in entschiedenster Weise vorwiegend i n d u s t r i e 11 (und handwerklich) betätigt. Nach den Vereinigten Staaten sind im letzten Menschenalter weit über zweieinhalb Millionen Juden ausgewandert. Im Jahre 1881 lebten dort nur etwa 200 000 Juden, während ihre Zahl gegenwärtig bereits über drei Millionen beträgt. Von diesen leben über eineindrittel Millionen in Groß - New York, und ihre vorwiegende Beschäftigung in den verschiedenen „Nadelgewerben" springt in die Augen. . Die eingewanderten Ostjuden haben hier die früher kaum gekannte Konfektionsindustrie eingeführt und das System der Arbeitsteilung, das ohnehin schon in Amerika besonders gut durchgebildet war, noch wesentlich gesteigert. Bei dieser Entwicklung sprach besonders das mit, daß kein anderer Beruf und keine andere Arbeitsweise es ermöglicht haben würde, den großen Scharen der osteuropäischen Flüchtlinge so schnell zu einer Existenz zu verhelfen. Neben den „Nadelberufen" (die sich hier längst bis zur Verwendung von Spezialnähmaschinen mit elektrischem Antrieb und dergl. mehr weiterentwickelt haben), wiegen wiederum die oben genannten anderen bei den Ostjuden bevorzugten Industrien und Handwerke vor, und ähnlich liegen die Verhältnisse auch in England und Frankreich, deren osteuropäische Einwanderung in derselben Zeit nur etwa 200 000 und 60 000 betragen hat. Auf alle Fälle haben die eingewanderten Ostjuden In diesen hochentwickelten Industrieländern sich industriell aufs beste bewährt, und daß die Juden im allgemeinen sich nicht auf die Eignung zu industrieller Arbeiterschaft beschränken, sondern daß sie hervorragend als industrielle Organisatoren, als Fabrikanten und als Techniker an der Entwicklung und Leistungsfähigkeit der modernen Wirtschaft mitgewirkt haben, wird man wohl kaum ausführlicher zu belegen nötig haben. In der bisherigen Einwanderung nach P a 1 ä s t i n a haben die Ostjuden ebenfalls ziemlich Wesentlich an, der kleinen bisherigen industriellen Entwicklung des Landes mitgewirlct. Schon in der Landwirtschaft haben sie durch die maschinelle B2wässerung, durch die großartigen Weinkellereien, durch die Errichtung zahlreicher Mühlenanlagen im Lande eine industrielle Entwicklung angebahnt. Dabei sind von ihnen verschiedene für jenes Land noch neue Arbeitsmethoden und Masch'nensvsteme eingeführt worden. Auch der Industrie der Abfälle (Verarbeitung der Nebenprodukte der Weinkelterei zu Weinstein und Weinsteinsäure, Extraktion der Rückstände der Olivenpressung usw.) haben sich in Palästina zuerst die Juden zugewendet. In der Eisengießerei, Maschinenfabrikation und im Reparaturwesen hatte lange Zeit eine jüdische Firma die Führung im Lande; außerdem bestand daneben eine Reihe kleinerer Reparaturwerkstätten, Schlossereien und dergl., w^as in diesem Lande primitiver Verhältnisse von wesentlicher Bedeutung war. Im Zusammenhang mit diesen Industrien sind übrigens auch verschiedene Werkstätten zur Herstellung von Eisenbettsteilen und Eisenmöbeln zu nennen. Im Druckereigewerbe Palästinas haben die Juden ebenfalls verhältnismäßig viel geleistet. Schon längst hatten sie eine Steindruckerei und verschiedene Buchdruckereien, und die dort in hebräischer Sprache gedruckten jüdischen landwirtschaftlichen, pädagogischen und sonstigen Zeitschriften zeichnen sich in letzter Zeit durch die europäische Art ihrer Hersteilung sehr vorteilhaft vor anderen orientalischen Druckerzeugnissen aus.