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Volk und Land · 1919-02-20 · Heft 8-9 (20.2.1919) · p. Seite 245-246

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 8-9 (20.2.1919)
Date
1919-02-20
Page
Seite 245-246 (sequence 13)
Language
German
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245 VOLK UND LAND 246 auffälligerem Malle der Fall sein müssen. Und da sieht man denn auf dem ersten Blick, daß eine ostjüdische Ansiedlung in Palästina — selbst in dem Ballodschen Umfang von sechs Millionen und noch darüber hinaus — innerhalb des Industriebedürfnisses der bisherigen Gebiete der Türkei volle Existenzmöglichkeit finden muß. Dieses Landgebiet mit gegenwärtig etwa 24 Millionen Einwohnern wirtschaftet fast ausschließlich agrarisch, und auch seine Landwirtschaft ist noch großer Verbesserungen im Betrieb und bedeutender Steigerungen der Erträge fähig. Für eine größere eigene Industrie blieb ihm hiernach kaum ein Bevölkerungselement übrig. Dazu kommt noch, daß schon die letzten Jahrzehnte eine zunehmende Auswanderung der christlichen Bevölkerungselemente gezeigt haben, auf die für die industriellen Möglichkeiten der Türkei noch am ehesten zu rechnen gewesen wäre. Diese Auswanderung mußte auf Grund der neuen politischen Lage, auf Grund der Aushebung von Christen zum Militärdienst usw. immer größeren Umfang annehmen. An Einwanderungselementen kamen für die Türkei nur die verhältnismäßig wenigen Muhadschirs (mohammedanische Rückwanderer aus unter christliche Herrschaft gekommenen Provinzen) in Betracht, deren Hauptstärke aber ebenfalls in der Landwirtschaft liegt, Und eben das ostjüdische Element, das in den letzten Jahren vor dem Kriege Einwanderungsziffern von etwa 4000 bis 6000 jährlich aufwies, wovon die Hauptzahl sich nach Palästina wandte., In Europa sind die fortgeschritteneren Länder zu einer Berufsschichtung gelangt, bei der die Industrie immer mehr die Landwirtschaft überragt. Dieser Entwicklungstendenz kann sich kein europäisches oder Europa nahes Land entziehen, und die technischen Fortschritte in der Landwirtschaft ermöglichen eine solche Entwicklung, ohne daß dadurch die Landwirtschaft zurückgehen muß. Für Deutschland ist sogar mit Sicherheit zu erwarten, daß nach dem Kriege trotz immer weiter gehender Industrialisierung auch die landwirtschaftliche Prpduktion erheblich steigen, und soweit es sich um Produkte handelt, die in diesem Klima zu erzeugen sind, Deutschland von der Einfuhr immer unabhängiger machen wird. Das wachsende Industriebedürfnis des Orients bietet zweifellos Platz für eine vorwiegend industriell sich betätigende ostjüdische Einwanderung von sechs und mehr Millionen. Es kommt noch hinzu, daß eine Einwanderung von sechs Millionen Ostjuden, die ja fürs erste viel stärkere europäische Industriebedürfnisse haben werden als der Durchschnitt der übrigen dortigen Bevölkerungselemente, ja auch einen eigenen Industriebedarf haben werden, in dessen Befriedigung ein ungefähres Drittel der Einwanderung selbst Beschäftigung finden dürfte. Diese beiden Erwägungen werden es auch skeptischeren Beurteilern ermöglichen, daran zu glauben, daß die ostjüdische Frage innerhalb des Industriebedürfnisses des Orients ihre Lösung finden kann. Wir kommen nuirt zu der Frage, ob diese Länder — und im besonderen Palästina — für eine industrielle Entwicklung geeignet erscheinen. Es hat ja eine Zeit gegeben, in der gerade die Länder des vorderen Orient, die dem bisherigen türkischen Gebiet entsprechen, in der Industrie der ganzen bekannten Welt geradezu führend, gewesen waren. Noch heute zeigen zahlreiche in den allgemeinen Besitz der europäischen Sprachen übergegangene Worte die einstige industrielle Ueberlegenheit dieses vorderen Orients. Dies gilt besonders von der Textilindustrie — also gerade derjenigen, jn der die türkischen Länder innerhalb der letzten Generationen am meisten in die Abhängigkeit von Europa geraten sind. Die Bezeichnungen Damast, Musseline, Gaze, Joppe und vielleicht auch Seide, gehen auf die Städte Damaskus, Mossul, Gaza, Jaffa und Saida zurück,! die einstmals Mittelpunkte der Textilindustrie des Orients waren, von denen aus die ganze damalige Welt mit jenen Erzeugnissen versehen wurde. Die europäische Technik hat, wie erwähnt, diese Bezugsverhältnisse umgekehrt, aber schon längst setzt eine neue Bewegung ein, die eine ganze Anzahl noch kürzlich in industrieller Beziehung von Europa abhängiger Gebiete wenigstens zum Teil industriell wieder selbständig macht. Auch hinsichtlich der motorischen Kraft steht das Land nicht ungünstig. Es besitzt große bereits erschlossene und noch viel größere bisher unerschlossene Lager an Kohlen und besonders an Petroleum. Auch elektrische Kraftanlagen finden vielerorts die erforderlichen Voraussetzungen, sowohl hinsichtlich der Wasserkraft wie auch der städtischen und verkehrstechnischen Entwicklung. Hinzu kommt noch eine bisher in den Industrie* ländern noch wenig anerkannte Kraftquelle, die gleichwohl das Anfangsstadium bereits erfolgreich überwunden hat, und von der man schon bei ihrem ersten ernsthaften Auftreten behauptet hat, daß sie geeignet sei, die Industrieverhältnisse der ganzen Welt weitgehend zu beeinflussen, indem sie nämlich der industriellen Entwicklung der Kulturmenschheit gerade in den heißen und trocknen Ländern des Orients die größten Möglichkeiten erschließt. Dies ist die S o n n e n - . wärme, die mit Spiegelsystemen verschiedener Arten zu einer Dampferzeugung ohne Kohle verwendet wird, und die gerade in Palästina in verschwenderischem Maße zur Verfügung steht. Es ist kein Zufall, daß die erste große, praktisch arbeitende Anlage dieser Art in Aegypten aufgestellt ist, wo in der Nähe von Kairo eine hundertpferdige Sonnenkraftmaschine seit dem Winter 1911/12 um sehr viel billiger arbeitet als eine gleich starke Dampfmaschine. Eine Industrialisierung dieses Länderkreises könnte leicht zu einem wesentlichen Ausbau dieser in jedem praktischen Sinne unversiegbarenKraftquelle führen. Außer den genannten Betriebsarten kommt übrigens auch die Windkraft in Betracht, die überall in den küstennahen Gebieten einen verläßlichen Antrieb bietet, und schließlich ist auch die Holzfeuerung für Dampfmaschinen zu erwähnen, die beispielsweise bei besonders konstruierten Sauggasanlagen mit einem Kilogramm Holz für die PS-Stunde auskommt Der vielbeklagte Holzmangel des Orients spräche keineswegs hiergegen, denn die zahlreichen, schnellwachsenden Holzbäume, deren systematischer Anbau ohnehin eine der besten Rentabilitäten in der Bodennutzung des Orients bietet würde Abfallholz in jeder gewünschten Menge zu billigerem Preise liefern als dem, zu welchem die Kohle in jeder größeren Entfernung vom Fundorte sich stellen würde. An Rohmaterialien für die Industrie sind diese Gebiete ebenfalls reich. In besonders hohem Maße gilt dies gerade für die Textilindustrie. Wolle, Baumwolle und Seide sind schon jetzt in ziemlichem Umfange verfügbar und würden bei rationellerer Wirtschaft in noch viel größeren Mengen zu gewinnen sein. Ke klimatischen Verhältnisse sind sowohl der Wollschafzucht wie dem Baumwollbau und der Seidenkultur außerordentlich günstig, und auch der Anbau der Agave würde in vielen Landesteilen eine der vorteilhaftesten Arten der Bodennutzung darstellen. Wie schnell beispielsweise der Baumwollbau mittels neuer Bewässerungsanlagen auf einen großen Umfang gesteigert werden kann, ist bekannt. Aber auch die Baumwollindustrie läßt sich in sehr kurzer Zeit entwickeln. Beispielsweise hat Japan die Zahl seiner Spindeln in der Zeit von 1883 bis 1913 von 44 000 auf 2300 000 gebracht. Was aber noch vor kurzem Jahrzehnte in Anspruch nahm, läßt sich auf Grund der letzten Fortschritte jetzt schon in wenigen Jahren

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