Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 8-9 (20.2.1919)
- Date
- 1919-02-20
- Page
- Seite 233-234 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649286--0172-2649513- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
233 VOLK UND LAND 234 Ansetzung solcher Menschenmassen, daß für sie in den Großbetrieben gerade die notwendigen Lebensbedürfnisse erzeugt werden können, dabei aber dann noch für eine jede anzusetzende Familie besondere Gartenfamilienheime, daß aus diesen Familiengärten ein nicht unbedeutender Zuschuß für eine behaglichere Lebensführung und sogar für den Verkauf gewonnen werden kann. Die Wirtschaftsverfassung ist dann als eine genossenschaftliche zu denken (Siedlungsgenossenschaft im Sinne Op- - penheimers), wobei dann der Unterschied von Herr und Knecht außer Spiel bleibt. Die Bevölkerung ist als in Gartenstädten, die durchaus als Kulturstätten gelten können, oder wenn man will Industriedörfern (um den Ausdruck von Davis Trietsch ziu gebrauchen) untergebracht zu denken, wobei dann die vollständige Vermählung, die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land erfolgt ist. Für die menschlichen Siedelungen sind die gebirgigen und hügeligen Landesteile als nicht nur durchaus geeignet, sondern bevorzugt anzusehen, weil hygienisch am einwandfreisten, der Malaria am wenigsten ausgesetzt. Es läßt sich berechnen, daß allein die 300 000 ha an bewässerten Tälern und Ebenen mit doppelter Jahresernte und 400 000 ha Haurangelände bei landwirtschaftlicher Hochkultur die Lebensmittel für eine 6-Millionen Bevölkerung hervorbringen könnten, sofern man die Lebenshaltung der Bevölkerung Deutschlands vor dem Kriege als Verteilungsmaßstab ins Auge faßt. Es bliebe dann, wenn man ganz Palästina theoretisch sich als jüdisches Reservat denkt, das ganze Hügel- und Gebirgsland für die menschliche Siedelung, die „Gartenstädte" und „Industriedörfer" selbst übrig, sodaß auf eine jede Familie bei dieser maximalen Bevölkerungsdichtigkeit rund) 1 ha 4 preußische Morgen Gartenland bzw. Baumland entfiele, worauf sehr gut auch noch Geflügel und 1 bis 2 Ziegen für den Bedarf an frischer Milch gehalten und aus der Baumpflanzung und dem Gemüsebau so viel erzeugt werden könnte, daß nicht nur der Bedarf der Familie an Obst und Gemüse gedeckt, sondern auch noch für die Ausfuhr, den Verkauf produziert werden könnte. MODERNER GARTENBAU. An die Gartenarbeit würden sich verhältnismäßig schnell auch Leute gewöhnen, die früher leichte Handwerksarbeit verrichtet haben, oder auch frühere Handelsbeflissene, sobald nur die schwierigsten Arbeiten bei der Ansiedlung, die Anlage der Baumpflanzungen selbst, für die im Kalkgebirge Baumlochsprengungen vorgenommen werden müßten, vorausgetan sind: es ist heute nicht mehr erforderlich, die Aushebung von Pflanzlöchern nach alter Väter Weise in harter Händearbeit mittels der Pickel des Bergmannes vorzunehmen, sondern da werden die furchtbaren Zerstörungsmittel des Krieges, die Todfeinde der Menschheit, als Dynamit, Ekrasit usw. zu seinen besten Freunden. Wohltätig ist nicht nur des! Feuers Macht, sondern noch mehr die der zerstörenden Sprengstoffe, sobald der Mensch sie für seine Kulturzwecke benutzt. Allerdings ist die Anlage von Baumpflanzungen für den Menschen auch so schwierig genug: es genügt in vielen Fällen nicht das Ausheben von Pflanzlöchern, sondern es muß, wenn die Pflanzen schnell und freudig anwachsen, und bald Frucht bringen sollen, das Beschaffen von fruchtbarer Erde aus den Tälern für die Pflanzlöcher eine durchaus wünschenswerte Arbeit sein. Aber auch dazu ist es nicht mehr notwendig, nach der Väter Weise diese fruchtbare Erde in Körber auf dem Rücken des Menschen oder in Säcken auf Eselsrücken die Berge hinauf zu transportieren, sondern eine Drahtseilbahnanlage tut es weit schneller und billiger; d. h. es müßten eben für die Gartenanlagen speziell geschulte Arbeiterkolonnen gebildet werden, die mit Hilfe modernster Technik, I mittels Sprengungen die Pflanzlöcher ausheben, und mittels verlegbarer Drahtseilbahnen fruchtbare Erde aus den Tälern, wo sie im Ueberschusse vorhanden ist, auf die Berge schaffen. I DIE KOSTEN DER HEIMSTAETTEN. | Auch die Aushebung von Brunnen und Errichtung j einfacher Häuschen gehört in die Reihe der Vori arbeiten. Die Anlage einer Baumpflanzung würde! bei Anwendung aller Hilfsmittel der Technik kaum : mehr als 1000 Mark auf 1 Hektar kosten, rechnen; wir aber hoch, 1500 Mark. Es würden dafür etwa; 100 Oelbäume, 100 Feigenebensoviel Mandelbäume | und 1000 Rebstöcke langepflanzt werden, dazu 100 Aprikosen- und Pfirsichbäume, die das nordische Baumobst, Aepfel und Birnen, ersetzen wurden. (Orangen gedeihen nur in bewässerten Tiefebenen.) Dabei sind erhebliche Ernten erzielbar. Bei Trietsch („Palästina-Handbuch4' Berlin 1912, und „Jüdische Emigration und Kolonisation" Berlin 1917), sind zahlreiche Rentabilitäten, besonders des Gartenbaus, nachgewiesen, die einem sehr reichlichen Einkommen aus einem Hektar Land entsprechen. Die Errichtung einfacher Häuser würde nebst Brunnen oder Zisternen bzw. Wasserleitungsanlage für 1000 Mark Izu bewerkstelligen sein — man braucht ja im Süden für die vorläufige Unterbringung der Ansiedler nicht so fest und teuer zu bauen wie im Norden, weil der strenge Winter fehlt. Ein Gebäudekapital von 2000 Mark, wie es Oettinger selbst für seine Arbeiterheimstätten vorsieht, ist entschieden zu hoch dann, wenn man den Gebäuden einen bloß provisorischen Charakter verleiht; ein durchaus wohnliches Haus Ist, nach Feststellung Trietsch's schon für 500 Mark zu errichten und auf die Billigkeit der ersten Anlage kommt alles an, wenn ein großzügiger Siedlungsplan gelingen soll. Unter Umständen aber, falls man annimmt, daß eine Anzahl von Familien sich das Mehr an verfeinerten Lebensbedürfnissen, das über die Lieferung von Nahrungsmitteln für die Lebensnotdurft hinausgeht, sich durch industrielle Arbeit verdienen wollten, brauchten die Gartengrundstücke nicht einmal 1 ha groß zu sein, sondern sie könnten auf y4, ja Ys na herabgesetzt Werden, wobei jmmer noch das für eine Familie benötigte Gemüse und selbst das besonders im Süden so erwünschte Obst erzeugt werden könnte; unter der Voraussetzung eines gewissen Zuschusses an Luzerneheu. könnte auch auf einem so kleinen Grundstück (von V* ha) noch eine Ziege gehalten werden. DIE AMELIORATIONSARBEITEN. Das Entscheidende ist: wie sind die fruchtbaren Täler und Ebenen herzurichten, um den Lebensmittelbedarf für eine so große Siedlermasse (von 6 Millionen) zu liefern. Ich würde da etwa 500 hochmoderne landwirtschaftliche Betriebe zu je 600 Hektar in den bewässerbaren Tiefebenen und ebensoviel, aber von je 800 ha Fläche in der Hauran- Hochebene vorscnlagen. Ich rechne allein für die Anlagen für die künstliche Bewässerung in den 300 000 ha Tälern und Ebenen je 1000 Mark für 1 ha, weil gleichzeitig eine ganze Reihe von Staudämmen, Stauanlagen Talsperren zu bauen sein wird, um auch im heißen Sommer genügende Wassermassen zu beschaffen. Für die Hauran-Hochebene, WO man nur eine Jahresernte erwarten darf, genügen 250 Mark für 1 ha zu schaffende Staubecken und Bewässerungsanlagen, weil es da nur eines geringen Zuschusses von vielleicht 50 bis