Mannheim
Compact Memory

Volk und Land · 1919-02-20 · Heft 8-9 (20.2.1919) · p. Seite 231-232

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 8-9 (20.2.1919)
Date
1919-02-20
Page
Seite 231-232 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2649276-2649277-2649286--0171-2649512
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

231 VOLK UND LAND 232 bäum, der Feigenbaum gedeihen von altersher ohne i künstliche Bewässerung auch auf dem Gebirge j Juda. Nicht so gut wie in dem fruchtbaren, weil * mehr Lehmboden enthaltenden Galiläa, oder in den herrlichen Ebenen. Aber sie gedeihen und geben selbst ohne erhebliche Düngung immerhin erträgliche Mittelernten. Man kann für Palästina im Minimum .ansetzen: 300 000 ha fruchtbare Ebene, die mit Hilfe künstlicher Bewässerung zu doppelten Jahresernten zu bringen sind, 600 000 ha ebene oder sanft geneigte, für den Ackerbau durchaus geeignete Flächen für eine Jahresernte (dav. 400 000 ha in Hauran), mindestens 1000 000 bis 1200 000 ha mit der Nari-Kruste bedecktes Hügel- und Bergland, sodaß nur vielleicht 500 000 bis 700 000 (—20—25o/o) eigentlich unfruchtbares, weil zu steiles und steiniges Gebirgsland oder Sandböden übrig bleiben würden. DIE VOLKSE RN AEHRUNG. Was ist nun aus dieser Fläche zu machen, welche Menschenmenge kann sie ernähren? Ich' nehme von vornherein an, daß die Kolonisation Palästinas nur soweit einen 5ünn hat, als sie die Ernährung der dort anzusiedelnden Bevölkerung sicherstellt. Der Weltkrieg hat uns ja, sehr zu unserem Leidwesen, darüber belehrt, wie trügerisch alle auf den „weltwirtschaftlichen“ Beziehungen, dem internationalen Handelsaustausch gegründeten Theorien sind, wie nur diejenigen Bevölkerungen in Sicherheit leben konnten, die ihren Nahrungsbedarf aus der heimischen Scholle bezogen. Das bedeutet nun nicht, daß man, um ganz sicher zu gehen, darauf Bedacht nehmen muß, ein Getreidenzw. Nahrungsmittelexportstaat zu werden, wie das mitunter auch bei der Frage der Kolonisation Palästinas in Aussicht genommen wird, nämlich von denjenigen Autoren, denen als das zu erstrebende Ziel eine mittel- und kleinbäuerliche Wirtschaft mit erheblicher Ueberschußproduktion für den Verkauf vorsdiwebt. So t. B. in der Arbeit von Jacob Oettinger (Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina, 1917), der die zu nach st kulturfähige BodenfläChe Palästinas, auf 1,2—1,5 Mill. ha, also etwa die Hälfte der Gesamtfläche, bemißt, auf der 150—200 000 Kleinbetriebe bestehen könnten. Für die jüdische Kolonisation rechnet er nur mit 695 000 ha unbevvässerbaren und 70000 ha bewässerbaren Bodens, worauf er 76000 Familienbetriebe zu gründen vorschlägt mit einem Gesamtaufwande von 1986 Mill. Francs. Er faßt ins Auge: 1. 160 Kolonien mit je 80, zusammen 12800 extensiven Getreidewirtschaften von 200—250 Dunam 18—22,5 ha, für die ein Kapital von je 27 200 Francs erforderlich und rechnet dabei, daß das Grundkapital von 12500 Frcs. sich nur mit 2<Vo zu verzinsen braucht! 2. 250 Kolonien mit je 40, zusammen 10 000 intensiven Viehzuchts- und je 50, zusammen 125C0 Pflanzlungswirtschaften von je 100 bzw.. 60—75 Dunam (=9,1 bzw. 5,5—7 ha Fläche), die auch noch je 22 700 bzw. 28 650 Frcs. Kapital brauchen; auch da soll sich das Bodenkapital von 7500 und 3750 Frcs. nur mit 2o/0 verzinsen, für das übrige Kapital werden allerdings 5o/o einschließlich Tilgung 6% gerechnet. Endlich sind 3. noch weitere 360 Kolonien mit je 50, zusammen 18000 bewässerte Pflanzungswirtschaften, je 20, zusammen 7200 bewässerten ein- und zweijährigen Kulturbetrieben (Gemüsebau), die je 41000 bzw. 13 600 Frcs. Kapital erfordern. Daneben sollen aber noch 21 700 Arbeiterheimstätten mit je 20 Dunam 1,8 ha Bodenfläche gegründet werden, deren Anlage je 5000 Frcs. erfordert, wobei das Grundkapital von 1950 Frcs. sich wieder nur mit 20/0 verzinst. Er rechnet, daß ein jeder Kolonist 6000 Francs aus eigenem Kapital hergeben müßte, das übrige aus dem Nationalfond und nationalkulturellen Institutionen zu beschaffen wäre. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE GESICHTSPUNKTE. An diesem Entwurf des Autors, dem offenbar i argentinische Verhältnisse, wo man noch aus dem Vollen wirtschaften kann, vorgeschwebt haben, läßt sich aussetzen, daß er 1. einen für jeden Beteiligten viel zu hohen Betrag festsetzt, ein viel zu hohes Gesamtkapital verlangt, von dem zudem fast 1/4, über 450 Mill. FrCs. nur mit 20/0, also zu einem Zinsfuß zu beschaffen wären, der in absehbarer Zeit völlig undenkbar ist; 2. daß> er das Problem der Unterbringung großer Massen dei nach Zion ausschauenden Juden nicht löst, weil eben nur 1/2 Million Köpfe auf diese Art angesetzt werden können, während vielleicht die zehnfache Anzahl mit Freuden nach Palästina ziehen würde, sofern nur die Existenzmöglidikeit daselbst geboten wäre. Den Aermeren, und das ist doch die Masse, dürfte es zudem keine besondere Freude bereiten, auch im Heiligen Lande nur als Arbeiter Unterkommen zu können. Da gilt denn doch wohl als ethisches Grundprinzip, daß eine Scheidung zwischen Herr und Knecht im neuen Heim der Juden im gelobten Lande der Väter, nicht bestehen darf. . . . Es sind das eben Reminiszenzen an amerikanische, australische und argentinische Verhältnisse, wo aber der Unterschied bestand, daß ganz große Landgebiete, ganze Kontinente der europäischen Besiedlung offen standen, dabei dann der anfänglich mittellose Einwanderer durch Fleiß und Sparsamkeit sich allmählich so viel erwerben konnte, daß er spätet selbst in die Klasse der selbständigen Landwirte, der Farmer aufsteigen konnte. Soll also jemand ein Interesse daran finden, als Arbeiter bzw. als Knecht auszuwandern, sei es auch ins Heilige Land, so muß ihm auch die Möglichkeit des Aufstiegs vor Augen geführt werden; dies ist aber bei den, beschränkten Verhältnissen Palästinas nicht mehr gut denkbar, wenn bereits fast alles verfügbare Land im vorhinein von den „reicheren Einwanderern“ vorweggenommen ist. Ich glaube daher, daß das vorherrschende Problem des Zionismus darin besteht, festzustellen, ob nidht ganz große Volksmassen in Palästina unterzubringen wären Zu einem billigeren Satze als 25 000 Francs für die Familie, bei welchem Vermögensbetrag der russisch-polnische Jude in seiner Heimat durchaus behaglich leben kann, nicht erst seinen Beruf, seine alten Gewohnheiten vollständig aufgeben, hart arbeitender Bauer und Landarbeiter werden muß. MOE GL ICH K EITEN DER MASSEN- SIE DiUNO. Meines Erachtens ist dies vollkommen möglich, d. h. eine billige Ansetzung von Miliionenmassen in Palästina, sofern man dabei erstens landwirtschaftliche Höchstkultur, ausgiebigste Anwendung von Maschinen, intensivste Bodenkultur, künstliche Düngemittel, Hackkultur, künstliche Bewässerung ins Auge faßt. Dabei darf man allerdings nicht einzelwirtschaftende Kolonisten, die sich erst an harte Händearbeit gewöhnen müssen, voraussetzen, sondern eine Zusammenfassung der ebenen, insbesondere der der künstlichen Bewässerung zugänglichen Flächen in intensive Großkulturen bzw. Großbetriebe, wobei der Arbeitsbedarf ein verhältnismäßig geringer wäre und durch ein bloßes Aufgebot von 1—2 Jahrgängen jugendlicher Altersklassen gedeckt werden könnte. Die Grundvoraussetzung ist außerdem die der Lebensmittel- und Faser- (Bekleidungs-) stoff-Autarkie, d. h. also die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.