Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 8-9 (20.2.1919)
- Date
- 1919-02-20
- Page
- Seite 227-228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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227 VOLK UND LAND 228 16 (»i. der Parlamentssitze erlangen können, so daß sie eben doch stets inajorisiert werden würden. Das soziale Problem, die Frage einer völligen Umstellung, Umänderung der gewohnten Wirtschaft, wird über ihnen in seiner ganzen Schwere schweben bleiben. Es fragt sich da, was kann die Auswanderung überhaupt, was kann der Zionismus bzw. die Auswanderung nach Palästina leisten? BISHERIGE AUSWANDERUNG. Die Auswanderung, wie 'sie bis jetzt stattfand, hat weder eine erhebliche soziale Verbesserung, noch eine Befriedigung der brennenden Sehnsucht des jüdischen Volkes gebracht. Gewiß, es geht den Auswanderern in Amerika besser als in der alten Heimat, aber ganz heimisch fühlen sie sich dort auch nicht. Es hat auch1 in den letzten Jahren, vornehmlich im letzten Jahrzehnt vor dem Weltkriege, eine Auswanderung nach Palästina eingesetzt, die insofern von großem Wert ist, als sie es ermöglicht hat, wirtschaftliche Erfahrungen und Kenntnisse zu sammeln; es sind bereits etwa 44 000 Hektar in jüdischem Besitz (soweit sich die jüdischen Kolonien erstrecken), der Betrag der direkten Steuern, den diese jüdischen Kolonisten an türkische Regierung zahlten, war auf über 300 000 Mark gestiegen. Dabei sind aber erst U/s °/o der palästinensischen Erde im jüdischen Besitz, und dieser ist im allgemeinen, von einigen 100 Hektar Orangengärten abgesehen, äußerst extensiv bewirtschaftet. Es läßt sich so leicht ausrechnen, daß, wenn ganz Palästina auf diese Art.in jüdischen Besitz übergegangen wäre und bewirtschaftet würde, hier eine Steuerquelle in der Höhe von 20 Mill. Mark allein an indirekten Steuern für den Staat erschlossen wäre. Rechnet man den Steuerertrag aber auf die Kolonistenzahl um, so ergibt sich bei 12 000 Seelen der Koloniebevölkerung ein Steuerdiurchschnitt von 25 Mark auf dien Kopf. Eine Bevölkerung von 4 Millionen würde dem Staate hiernach bereits an direkten Steuern 100 Millionen Mark erbringen. Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, daß die Steuerleistung der Kolonisten schon dadurch im Wachsen war, daß von Jahr zu Jahr weitere, bereits angelegte Pflanzungen in Ertrag kamen. DAS OST JUEDISCHE BEVOELKE RUNGSPROBLEM. Aber würde eine Fortsetzung der bisherigen Art der Kolonisation dasostjüdische Bevölkern ngsproblem lösen? Ich nehme von vornherein an, daß von den in verschiedenen anderen Ländern lebenden Juden nur ein geringer Prozentsatz nach Palästina auswandert. Maßgebend für die jüdische Auswanderungsfrage ist aber nicht z. B. das an sich geringe Bedürfnis der deutschen Juden, wo es z. B. nur 10 000 unter 600 000 gibt, die den „Schekel“, den Beitrag für die Förderung des Zionismus zahlen, maßgebend sind die Verhältnisse in Osteuropa, in Rußland — Polen. In Warschau soll eine neuliche Abstimmung 44 °/o „Optanten“ für den Zionismus ergeben haben. In den kleineren Städten Polens wird dieser Prozentsatz: eher noch höher sein, weil das Elend der großen jüdischen Masse dort größer ist, welcher Masse gegenüber die Zahl der Glücklichen, die es zu materiellem Wohlsein gebracht und den Neid der umgebenden Bevölkerung erregt haben, doch nur eine verschwindend geringe ist. Mag auch die absolute Zahl der Assimilanten, die in der Bevölkerung der Länder,' in denen sie wohnen, aufgehen wollen, noch so groß sein, die Massen, in denen der glühende Wunsch nach dem Lande der Väter, dem Lande der Verheißung, lebt, zählen nicht nach Tausenden, sondern nach Millionen, und das erst beweist uns die ganze Wucht und Schwere des zionistischen Problems, das in der Frage gipfelt: ist in Palästina für eine Millionenbevölkerung, für 3—4 oder gar 6 Millionen Platz? Wenn der Landbedarf für die Millionenmassen verhältnismäßig ebenso hoch ist, wie für die bisherige jüdische Kolonisation in Palästina, dann gewiß nicht, denn wenn auf U-.*"» des Bodens, dazu noch eines über die Durchschnittsbeschaffenheit hinausragenden Bodenanteils nur 10 000 Kolonisten sitzen können, so wäre die gesamte Aufnahmefähigkeit Palästinas günstigsten Falles mit Millionen jüdischer Kolonisten begrenzt, in Wirklichkeit vielleicht, infolge der großen Ausdehnung wenig brauchbarer Böden, mit weniger als einer halben Million. Palästina zählt aber schon heute eine Bevölkerung, die auf 3A Million bis 900 000 geschätzt wird. Heißt es also nicht,daß wir alle Hoffnung für eine Unterbringung großer jüdischer Volksmassen im Lande der Väter fahren lassen müssen? Da heißt es zunächst, Boden und Klima einer genauen Prüfung zu unterziehen, insbesondere (die Frage der Möglichkeit der Volks Verdichtung bei intensiver landwirtschaftlicher Kultur zu studieren. B E VOE;LKE R UNGS KAP AZI TA ET PALAESTI NAS. Auf die Frage der Bevölkerungskapazität Palästinas, bei hoch entwickelter Industrie, wie sie Belgien, das Rheinland, das Königreich Sachsen aufweist, einzugehen, müssen wir uns versagen, denn wir wissen noch zui wenig, für welche Volkszahl Palästina industriell den natürlichen, Standort abgeben könnte, was an unterirdischen Bodenschätzen vorhanden ist. Bleiben wir also zunächst bei der Frage der landwirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten, so sind diese von einem der namhaftesten deutschen Geologen und Geographen, dem Prof. Philippson, der die Mittelmeergebiete kennt, Kleinasien und den Peloponnes durchforscht hat, energisch bestritten worden: Philipipson erklärt, Palästina sei ein ödes, steiniges Land, in dem es nur vereinzelte eingespren^e, allerdings sehr fruchtbare Täler und Ebenen gäbe, der weitaus überwiegende Teil der Oberfläche wäre verkarstet, es könne keine Rede davon sein, daß Palästina auf seinen 29000 oder gar nur 27 000 qkm Fläche jemals mehr als 1 200 000 Menschen ernähren könnte.*) Auf die Einwendung von Professor Warburg, daß Sizilien, dessen Klima und Regenfall dein von Palästina ähnele, 33/4 Millionen ernähre, obgleich es um y7 kleiner sei, erklärt Prof. Philippson, daß Sizilien weit fruchtbarer sei, nicht von verkarsteten Gebirgen, sondern von lockeren tertiären Ablagerungen (in der Hauptsache wohl von Lehm-Mergelschichten) erfüllt sei, die erfahrungsgemäß feinen sehr fruchtbaren Boden abgeben. Palästina sei vielmehr mit Montenegro und Griechenland auf eine Stufe zu stellen, die ihre 40 bis 60 Menschen pro qkm noch nicht einmal von der Produktion der heimischen Scholle ernähren könnten, sondern einer beträchtlichen Einfuhr bedürften. Zudem komme selbst für Sizilien in Betracht, daß seine 150 Menschen auf einem qkm in äußerster Dürftigkeit lebten.... Hierzu sei bemerkt, daß die landwirtschaftliche Kultur auf Sizilien als eine äußerst extensive bezeichnet werden muß: die 628000 ha Weizenlaiid, die Sizilien a'ufweist, dier Gesamtlänge der Insel, bringen im Durchschnitt kaum über y2 Millionen t Weizen' hervor, 700—800 kg auf einen ha genau *) Berliner Tageblatt, 9. Februar 1916.