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Volk und Land · 1919-02-13 · Heft 7 (13.2.1919) · p. Seite 213-214

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 7 (13.2.1919)
Date
1919-02-13
Page
Seite 213-214 (sequence 13)
Language
German
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213 VOLK UND LAND 214 rend dm Osten und in Amerika vielleicht Zweifel darüber entstehen konnten, ob trotz der allen Parteien gemeinsamen nationalen Basis es möglich sein würde, eine Einigung zwischen sämtlichen Programmen herbeizuführen und so den Kongreß arbeitsfähig zu erhalten, ist es beim „Jüdischen Kongreß in Deutschland“ noch sehr die Frage, ob außer den Zionisten sich andere „Parteien“ daran beteiligen werden. Geschweige denn, daß eine Reihe sich widerstreitender Kongreßprogramme zu erwarten sein wird. Wenn man ehrlich sein will, so muß man sagen, die Mehrzahl der deutschen Juden hat den Kongreßgedanken bisher nicht begriffen; die Mim derzahl, die ihn erfaßt hat. und nicht bereits ai# nationalem Boden steht, lehnt ihn ab. Wie wenjg selbst die jüdische Intelligenz in Deutschland den Kongreßgedanken begriffen hat, beweist die Tatsache, daß man ihn ganz allgemein auf die gleiche Linie stellt mit einem sogenannten „Deutschen Judentag“, wie ihn der verstorbene Prof. Philippsohn ^bereits vor Jahren propagiert hat. Schon in seinem ersten Artikel über den Kongreßgedanken glaubte das „Israelitische Familienblatt“ (Hamburg), das sich rühmen darf, oft unterschätzten, kaum zu überschätzenden Einfluß auf einen sehr großen Teil der deutschen Juden auszuüben, seine Leser darauf aufmerksam machen zu müssen, daß die Bezeichnung „Jüdischer Kongreß“ eine Irreführung der jüdischen Oeffentlichkeit bedeute, denn es handle sich um keinen „allgemein“-jüdischen. sondern um einen national -jüdischen Kongreß. Und kurz darauf spricht einer der Führer der jüdischen Lehrerschaft in Deutschland in den Spalten des gleichen Blattes von einer Art „zionistischen Terrors“, der zur Wahl einer „Gesamtrepräsentanz des deutschen Judentums“ nur diejenigen zulassen will, die sich zum jüdischen Volke bekennen. Diese Begriffsverwechslung aufzuklären, muß eine der wichtigsten Vorarbeiten für den Kongreß sein. Zugleich eine der mühseligsten. Denn das deutsche Judentum befindet sich in einer so vollkommenen Ahnungslosigkeit über die Dinge, die sich im jüdischen Leben jenseits der deutschen Grenzpfähle ereignen, ist so wenig eingestellt auf politische Erwägungen, daß man gleichsam mit der Schöpfung anfangen muß, um ihm die Zusammenhänge klar zu machen. Aber diese Arbeit muß geleistet werden, auf die Gefahr hin, daß der deutsche Jude, wenn er endlich begriffen hat, worum es sich beim „jüdischen Kongreß“ handelt, von dieser Erkenntnis spontanen Gebrauch macht und dankend ablehnt. Solche Ablehnung wäre Klärung, also in jedem Fall Gewinn, — mehr Gewinn als zusagende Kongreßerklärungen, die im süßen Schlaf der Ahnungslosigkeit gegeben werden, die stets auch Verantwortungslosigkeit bedeutet. Es wäre vielleicht nicht sehr schwer, dem jüdischen Kongreß in Deutschland einen Vollen Erfolg zu verschaffen, wenn man „politisch“ vorginge und es auf eine Ueberrumpelung absehen würde. Der Kongreßgedanke, so wie sie ihn versteht, ist der Mehrzahl der deutschen Juden überaus sympathisch. Sie sieht durch äußere Ereignisse und innere Interesselosigkeit das jüdische Leben in Deutschland bedroht. Sie fühlt, daß etwas geschehen muß, daß das gesamte deutsche Judentum sich in einer Organisation vereinigen muß, und sie wäre den Zionisten dankbar, wenn deren berühmte „Initiative“ diese Organisation schaffen würde, die „Gesamtrepräsentanz des deutschen Judentums“, - den „Deutschen Judentag“. Und vielleicht könnte der deutsche Zionismus der antinationalen Mehrheit diesen Gefallen erweisen, ohne befürchten zu müssen, daß er nachher „majorisiert“ würde. Denn auf einem Kongreß „majorisiert“ nie eine Zahl, sondern nur ein Programm, hinter dem eine Zahl steht. Eine große Zahl ohne Programm wird einer kleinen Gruppe, die ein Programm verficht, stets unterlegen sein. Und ein Programm des antinationalen deutschen Judentums (zu dem die Orthodoxie nicht zu zählen ist), wer sollte das wohl bringen und wie sollte das wohl lauten? Durch solche Politik würde der Kongreß aber von der historischen Linie abweichen, auf der er sich bewegt. Er kann und will keine „Rettungsaktion“ der deutschen Juden sein, er ist nicht dazu da, eine „Gesamtrepräsentanz“ zu Schaffen, die nach der Lage der Dinge doch weiter nichts repräsentieren könnte, als die gesamte Ziel- und Ratlosigkeit der führenden deutsch-jüdischen Kreise. Es kann einzig imd allein Aufgabe des Kongresses sein, das deutsche Judentum einzureihen in den Volksorganismus des Gesamtjudentums. Wir wissen, daß diese Einordnung und nur sie das deutsche Judentum vor dem Verdorren retten kann, aber nicht nur deshalb wollen wirken Kongreß: die deutschen Juden sollten ihn deshalb wollen! W i r wollen ihn, weil wir es als unsere Aufgabe betrachten, dem jüdischen Volksgedanken alle diejenigen zuzuführen, denen nur die Kenntnis fehlt, um ihn zu bejahen. Dazu verhelfe uns die Kongreßbewegung! Es ist darum sachlich berechtigt, wenn wir der Kongreß bewegung in Deutschland einen Eigenwert zusprechen, ganz unabhängig davon, ob und wie der Kongreß zustande kommt und welche Ergebnisse er zeitigt. Die Kongreß bewegung wird sicher mindestens e i n Ergebnis zeitigen: den klaren Ueberblick über die Zahl derer, die sich' zum „jüdischen Volk in Deutschland“ bekennen und die Möglichkeit, auf Grund dieser Feststellung einen Plan für ihre Arbeit im Volksdienst zu entwerfen. Möglich, daß der Kongreß seinen Gegnern die hochwillkommene Gelegenheit gibt, einmal „unwiderleglich“ festzustellen, daß die Zahl der jüdischen Nationalisten in Deutschland „verschwindend gering“ ist. Was liegt daran? Der Kongreß ist weder Machtprobe noch Parade: er ist Notwendigkeit! Jeder Versuch, diese Notwendigkeit zu schminken oder zu entstellen, muß sich an den Fälschern rächen. Zur Minorität zu gehören, ist meistens eine Ehre. Die Kongreßbewegung ist kein Fischzug Im Trüben, sie ist ein Weckruf an Schlafende. Wer von ihm erwacht und sich auf die Wirklichkeit besinnt, wird es ihm danken. Wer schlaftrunken mitwankt, ist Ballast. Wer weiterschläft, der ruhe in Frieden.

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