Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1919)
- Date
- 1919-02-13
- Page
- Seite 211-212 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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211 VOLK UND LAND 212 für die erste Siedelung schufen. Eine zweite Chance des Erfolges war das unleugbare Geschick der führenden Leute und ihre unermüdliche Arbeitsleistung. Ferner entsprach der ganze Grüni dungsgedanke einem praktischen Bedürfnis. Schließ- I lieh aber wirkte der Anreiz, die Wertsteigerung j des Bodens spekulativ ausnützen zu können außerj ordentlich anregend auf das Privatkapital. Es ist mir nicht ganz klar, ob man bei der Gründung von Tell-Awiw die schweren Bedenken gegen die Ausnutzung des Bodens durch das Privatkapital nicht kannte, oder ob man fürchtete, durch das Ausschalten dieses Faktors das Gelingen der ganzen Unternehmung in Frage' zu stellen. Jedenfalls hat damals sogar die Verwaltung des Nationalfonds ihre Grundsätze verleugnet und durch Gewährung von Darlehen an die kapitalschwachen Gründer den Uebergang des Bodens in private Hände nicht nur begünstigt, sondern überhaupt erst möglich gemacht. Es gibt heute wohl nur noch wenige denkende Menschen, die in der Zulassung der Spekulation mit ihren Auswüchsen nicht eine schwere Schädigung unseres Kolonisationswerkes erblicken, vor allem die Nationalfonds- Verwaltung selbst, die neuerdings alles tut, um ihren Grundsätzen Geltung zu verschaffen. Aber die Frage ist, ob es iilbemaiuipt; noch möglich ist, die Geister zu bannen, die man seiner Zeit gerufen hat. Diese Frage möchte ich unbedingt bejahen. Natürlich ist auch hier unser Haupthindernis die Geringfügigkeit unserer öffentlichen Mittel, jedoch läßt sich schon mit relativ kleinen Mitteln viel erreichen, was ich an zwei Beispielen nachweisen möchte. Das erste Beispiel sei die Schaffung eines - neuen städtischen Mittelpunktes inmitten einer Reihe ländlicher Siedelungen, sagen wir etwa auf dem Boden von Mesrah, in der Nähe des Bahnhofs Afule im Emek Jsrael. Dort konnten wir vor dem Kriege den für gartenstädtische Zwecke geeigneten Boden noch zu einem Durchschnittspreis von Frs. 60.— pro Dunam erwerben und waren in der Lage mit einem Kostenaufwand von Frs. 200 000.— für Bodenerwerb »und vielleicht Frs. 300 000.— für Straßenbau, Wasserleitung usw. eine ideale gartenstädtisChe Kolonie zu schaffen, die in Folge -der niedrigen Anlagekosten eine hohe Verzinsung zuließ, ohne daß dies dem Gedeihen der Kolonie irgendwie hätte schaden können. Diese hohe Bodenrente ließ sich wiederum zur Bestreitung kultureller Bedürfnisse wie Schulen, Krankenhäuser usw. verwenden, die auch im Interesse der ländlichen Siedelungen ringsherum liegen, durch deren Bestehen sich die Gründung eines städtischen Mittelpunktes überhaupt erst ermöglichen ließ. In einer solchen Kolonie ist das Aufkommen einer privaten Bodenspekulation überhaupt unmöglich. In der Nähe von Siedelungen wie Tell-Awiw, die in voller Entwicklung begriffen sind, ist eiine radikale Lösung im obigen Sinne bei beschränkten Mitteln naturgemäß nicht möglich. Dazu sind die Bodenpreise schon viel zu hoch. Trotzdem kann auch hier noch sehr viel erreicht werden, wenn man auch nur ein entsprechend kleineres Bodenstück erwerben könnte. Diese Parzelle, mag sie noch so klein sein, wird' immer je nach ihrer Größe eine mehr oder weniger hemmende Wirkung aut die Bödenpreise des benachbarten Geländes autsüben und so die schlimmsten Wirkungen der Bodenspekuilation auch dort beseitigen. Mehr noch wie auf ländlichem Gebiet liegt hier der Keim des Erfolges in einer ziel bewußten gemeinnützigen Bodenpolitik. Mögen sich die Ansätze, die hier bei der Nationalfonds-Verwaltung vor dem Kriege erkennbar waren, zu einer derartigen fruchtbaren und segensreichen Aktion ausgestailten. (Dieser Aufsatz wurde lange vor Kriegsende geschrieben. Er ist im wesentlichen noch heute aktuell bzw. aktueller als zur Zeit seiner Niederschrift, denn nunmehr beginnt die Epoche, in der Palästina in den Brennpunkt westlichen Wirtschaftslebens tritt. Meinen Optimismus inbezug auf die Fähigkeiten unserer Leitung muß ich jedoch stark einschränken. Wenn man die Aufsätze Ruppins und Oettingers liest und Herrn Lichtheim als ihren gelehrigen Schüler von der Tribüne des Delegiertentages reden hört, so möchte man glauben, daß unsere Leitung sich dem Wahn hingibt, Palästina ließe sich durch einige Leitartikel von der an seine Grenzen andringenden europäischen Wirtschaft abschließen. Sicherlich wird der Boden Palästinas in kürzester Zeit seinen Besitzer wechseln und dadurch einen Spektrlationswerf erlangen, der in späteren Jahrzehnten sehr schwer abzubauen sein wird. Unsere Leitung dagegen wird wohl sicher in der Theorie weiter gewaltig dafür Pippaganda machen, daß der Boden in den Gemeinbesitz des Volkes kommt; sie wird sich aber praktisch auf minimale Landkäufe beschränken, und damit wäre dem Volksganzen und der Palästinasache nur wenig gedient. J. L.) DER EIGENWERT DER KONGRESSBEWEGUNG IN DEUTSCHLAND Von C. Z. Klötzel, Berlin. Die Kongreßbewegung in Deutschland unterscheidet sich in einem sehr wesentlichen Punkte von den entsprechenden Kundgebungen des jüdischen Willens in den Ländern des Ostens und in Amerika. Denn während dort die nationale Basis für alle jüdischen Parteien — von der Minderheit der bewußten Assimilanten abgej sehen —, die natürliche Plattform gemeinsamen I Handelns bildet, steht in Deutschland eine natio- ' nal gesinnte Minderheit einer antinational gesonnenen Mehrheit gegenüber, und was im Osten und in Amerika eine Selbstverständlichkeit ist, wird in Deutschland zum Korif liktpunkt: das Bekenntnis der Kongreßteilnehmer zum jüdischen Volk. Jüdische Volkszugehörigkeit, dort ein Grundelement i des jüdischen Lebens, das ohne weiteres vorausgesetzt wird und jeden einzelnen Juden so erfüllt, daß er sich seiner nicht erst ^bewußt“ zu werden braucht, wird hier zum Standpunkt, der errungen sein will und zu dem man sich ausdrücklich bekennen muß als einer, der s,im Bewußtsein seiner Zugehörigkeit zum jüdischen Volk an der Zukunft eines lebendigen Judentums mitarbeiten will.“ Daraus ergibt sich zunächst die folgende Erscheinung, die außerhalb Westeuropas Befremden erregen muß: die Kongreßbewegung wird wichtiger als der Kongreß! Das schwierigste Problem ist. nicht die Durchführung des Kongresses, sondern seine Konstituierung. Wäh-