Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1919)
- Date
- 1919-02-13
- Page
- Seite 209-210 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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209 VOLK UND LAND 210 Außer unter den Infektionskrankheiten leidet | die Gesundheit der Juden in Palästina auch darunter, daß in den Häusern der Juden, in ihrer Kleidung und Ernährung vieles zu wünschen übrig bleibt. Was zunächst die Wohnung anbetrifft, so sind viele Häuser in ihrer Ba,uart durchaus nicht den Anforderungen des Klimas angepaßt. Wände und Dach sind so gebaut, daß der Innenraum im Sommer! glühend heiß und im Winter eisig kajt ist. Es fehlen rationelle Durchlüftung und schattige Balkons oder Bäume. Die Fenster und Türen ermangeln des notwendigen Drahtnetzes, zum Schutze gegen Fliegen und Moskitos, die in nahen Tümpeln und Abfallhaufen ausgezeichnete Brutstätten haben. Fußböden und Wände geben in Ritzen und Rissen allem möglichen Ungeziefer Unterschlupf. Die Fliegen werden, obwohl sie die Dysenterie übertragen, nirgends energisch bekämpft, im Gegenteil durch Umherstehenlassen von Speiseresten und dgl. angezogen und machen durdi ihr massenhaftes Auftreten den Aufenthalt in den Kolonistenhäusem und Farmen zur Qual. In der Ernährung spielen die Fleischspeisen eine viel zu große und die Hülsenfrüchte eine viel zu kleine Rolle. — Schließlich und vor allem ist das Gefühl für peinlichste Sauberkeit im Haus und in der Körperpflege in keiner Weise entwickelt. Dieser Umstand ist besonders unangenehm, denn er bringt in das häusliche Leben der Kolonistenfamilien den Geruch der engen, stickigen Wohnungen aus den Straßen des osteuropäischen Galuth hinüber. Es ist besonders die Schuld der Frau, die es nicht verstanden hat, hier. Wandel zu schaffen und Ordnung und Sauberkeit in die’ Häuser zu bringen. Nach dem Kriege muß unter allen Umständen in diesen Verhältnissen von Grund auf eine Reform einsetzen. Es muß eine Oberste Sanitätsbehörde („Gesundheitsamt“) für das ganze Land geschaffen werden, die folgende Aufgaben hätte: 1. Alle Ländereien in Palästina, die infolge ihrer sumpfigen oder feuchten Beschaffenheit als Brutstätten für die Anopheles-Mücke in Frage kommen, müssen verzeichnet und in systematischer Folge durch Trockenlegung assaniert werden. 2. Die Oberste Sanitätsbehörde übt zugleich die oberste Bau- und Gesundheitspolizei in allen bewohnten Ortschaften aus. 3. Da Palästina, in dem vor dem Kriege die Syphilis so gut wie unbekannt war, während des Krieges leider wie viele andere Länder verseucht wurde, und da zu befürchten ist, daß auch unter den Einwanderern aus Europa sich luetisch infizierte Personen befinden werden, so muß, um einer weiteren Verseuchung Einhajt zu gebieten, die zwangsweise Untersuchung und Behandlung der Einwanderer und der bereits ansässigen luetisch verdächtigen Personen durchgeführt werden. 4. Im Interesse der Volksgesundheit muß gefordert werden, da,ß die Heirat zwischen zwei Personen erst dann gestattet wird, wenn Braut und Bräutigam Sich gegenseitig amtsärztliche Atteste über ihren Gesundheitszustand zugestellt haben. 5. Alle Aerzte in den jüdischen Stadtvierteln und Kolonien sind veipflichtet, über die in ihrem Wirkungskreise beobachteten Krankheiten laufend an die Oberste Sanitätsbehörde zu berichten. 6. Falls irgendwo Infektionskrankheiten auitreten, soll die Oberete Sanitätsbehörde sofort durch ihren Vertreter an Ort und Stelle die Ursachen erforschen und die nötigen Maßnahmen zur Bekämpfung der Krankheit treffen. 7. Besondere fliegende Desinfektions-Kolonnen sollen unter Aufsicht der Obersten Sanitätsbehörde von einer jüdischen Kolonie zur anderen ziehen. 8. In jeder Kolonie ist seitens der Obersten Sanitätsbehörde auf Errichtung und Erhaltung eines hygienischen Bades hinzuwirken. Q. Das in Jerusalem schon bestehende bakteriologische Institut ist von der Obersten Sanitätsbehörde zu übernehmen und auszubauen. TELL -AWIW ALS BEISPIEL UND GEGENBEISPIEL Von Dipl.-Ing. Ich komme einer Aufforderung der Schriftkv tune gern nach, den Versuch zu machen, Tell-Awiw uncT das dort Geschaffene einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Ein solcher Versuch ist schon deswegen am Platze, weil der Erfolg dieser ersten städtischen Siedehing leicht dazu verführen konnte, bei neuen Gründungen das dort befolgte Verfahren kritiklos zu übernehmen. Daß aber Tell-Awiw ein Erfolg war, können selbst seine Gegner nicht bestreiten. Noch im Frühjahr 1913, als ich es zum ersten Male sah, war es eine ziemlich bescheidene Kolonie von meist ebenerdigen Häuschen, die sich um den einzigen größeren Bau, das Gymnasium, gruppierten. Still und abgeschieden lag es weit hinten an der staubigen Nabluser Landstraße, vom Jaffaer Zentrum durch schmutzige Juden- und Araberquartiere getrennt, dem Meeresstrande durch unwegsame Dünen tiefen Flugsandes unerreichbar fern, umlauert von feindseligem Gesindel, so daß ein abendlicher Spaziergang auch nur wenige hundert Meter über die Grenzen der Kolonie zum Wagnis wurde. Und 1*/* Jahre später? Eine rastlose Tätigkeit hatte die Bodenfläche der Kolonie um ein Vielfaches vergrößert, nach allen Seiten, vor allem aber nach dem Meere zu hatte sich Tell-Awiw gedehnt und gereckt, eine Pradits&raße von 2 km Länge, die von dem Her- Joseph Loewy. zen der Kolonie bis nach .dem Strande hinführte, war im Bau, ein Kinematographentheater mit geräumigem Festsaal fast vollendet, ein großes Krankenhaus im Entstehen, eine stattliche Synagoge geplant, eine große Zahl zweistöckiger Häuser entstanden, dabei trotzdem eine wahre Wohnungsnot, eine 'unglaubliche Nachfrage nach Baustellen. Das Terraingesichäft blühte. Eine Reihe von Gesellschaften war an der Arbeit, die anstoßenden Flächen arabischen Bodens in unseren Besitz zu bringen, darunter war ein Kauf, der uns ein herrliches Stück des Strandes sichern sollte, kurz vor dem Abschluß, eine gut fundierte moderne Kalksandstein-Fabrik, die dem Arbeiten mit dem elenden arabischen Bruchstein ein Ende machen sollte, war kurz vor der Inbetriebnahme, da machte der große Zauberer Weltkrieg dieser Entwicklung ein jähes Ende. Wie gebannt stehen die Kräfte still, die hier am Werke waren, und wir können diesen Stillstand des Schaffens dazu benutzen, die hier befolgten Methoden auf ihren Wert oder Unwert kritisch zu prüfen. Es ist zunächst von Wichtigkeit festzustellen, welches die treibenden Kräfte waren, che hier zum Erfolge führten. Da steht sicherlich an erster Stelle zionistischer Geist und zionistische Tatkraft, die vor allem die Gründung des Gymnasiums ermöglichten und so den Kern