Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1919)
- Date
- 1919-02-13
- Page
- Seite 207-208 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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207 208 VOLK UND LAND zustellen, während Palästina, das durch den Krieg viel gelitten hat, diese Möglichkeiten nicht bietet. Es müssen daher, im Einvernehmen mit den Einwanderungskomitees, entsprechende Vorkehrungen getroften werden, die ein klagloses Funktioj nieren des gesamten Apparates gewährleisten; die i Rückkehrenden müssen von dem Momente, da sie j die Galuthscholle verlassen bis zum Eintreffen in stabile Verhältnisse unter steter sanitärer Kontrolle Stehen. Es wären in allererster Linie ärztliche Beratungsstellen zu schaffen, welche die Untersuchung auf gesundheitliche Eignung vorzunehmen, die in Betracht kommenden Leute zu beraten und hygienisch zu schulen hätten. Gerade die Schulung ist besonders wichtig, da nur derjenige die Wohltaten der Hygiene genießen kann, der von ihrer Notwendigkeit überzeugt ist und sich infolgedessen mit Verständnis den entsprechenden Verfügungen unterordnet.; Es wird sich daher empfehlen, durch Vorträge und Verbreitung von Merkblättern über die Infektionskrankheiten, Alkoholismu,s, Lues und Tuberkulose, über hygienische Lebensweise in Palästina (Kleidung, Ernährung und Wohnung) belehrend zu wirken und so das jüdische Volk auch sanitär für das große Werk vorzujbereiten. Alle zionistischen j Organisationen und Gruppen, die auf ihre Mitglieder! erzieherisch einwirken wollen, sollten die j „hygienische Schulung“ zum obligatorischen Unterj richtsgegenstand machen. Nicht unerwähnt möchte | ich bei dieser Gelegenheit lassen, daß sich mir während einer Assanierung in Wolhynien das System der aus der Bevölkerung frei gewählten „Sanitätspolizisten“, die von mir instruiert, aufklärend gewirkt haben, vorzüglich bewährt hat. Hierbei komme ich auf die Personalfrage zu sprechen. In dieser Hinsicht ist folgendes wichtig; 1. Aerzte, Apotheker, Zahntechniker, Dreisten, Sanitätshilfspersonai, welche ihrem Volk in rez-lsrael dienen wollen, sind zur Meldung zu veranlassen u;nd ein Kataster anzulegen. 2. Es sind, nötigenfalls mit Hilfe von Stipendien, tüchtige Malariaärzte heranzubilden und auch auf solche ist zurückzugreifen, die während ihrer Kriegsdienstleistung auf diesem Spezialgebiete gewirkt haben. 3. Augenärzte sind gleichfalls sehr erwünscht; eine Ausbildung in dieser Spezialdisziplin sehr geboten. 4. Gründung jüdischer Aerzteorganisationen eventuell als Ortsgruppen der „Jüdischen Gesellschaft für sanitäre Interessen in Palästina“. 5. Errichtung von Pflegerschulen an jüdischen Spitälern, Heranbildung von Spezialschwestern, Röntgenlaboratoriums- und Fürsorgesch Western, Heranbildung von Hebammen (Mutterpflege, Säuglings- und Kleinkinderfürsorge). Um einen Erfolg ersichtlich zu machen wäre es notwendig, daß die Beratungsstellen, diel Träger der ganzen Aktion, monatlich statistische Ausweise und entsprechende Mitteilungen verfassen und an eine Zentrale leiten würden. Dieses Programm macht nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, es soll nur kurz skizziert allgemeine Richtlinien feststellen und den Ausgangspunkt zu einem weiteren Gedankenaustausdn und zu fruchtbringender Arbeit bilden. Zum Schlüsse will ich nochmals den Mahnruf erheben: Keine Zeit verstreichen lassen, mit der Durchführung der Arbeit sofort beginnen, mit deren Erfüllung wir der jüdischen Aerzteschaft ein ehrendes Denkmal in unserer nationalen Geschichte setzen, denn nur so wird es uns möglich sein, ein gesundes Volk zu einem glücklichen, schönen Leben nach Erez-lsrael zurückzuführen. Im Anschluß an die obigen Ausführungen, die sich vornehmlich mit der Arbeit im Galuth beschäftigen, sind wir in der Lage, dem „Jüdischen Volksblatt“ (Mähriseb-Ostrau) das folgende über die Arbeit in Palästina selbst zu entnehmen : Die Schäden, welche der jüdischen Bevölkerung Palästinas durch die endemischen Krankheiten des Landes, besonders durch die Malaria, zugefügt werden, sind ungeheuer groß'. Diese Tatsache war zwar schon vor dem Kriege bekannt. Gab tes doch Kolonien und Farmen, in denen durchschnittlich jeder Einwohner 30 Tage und noch mehr im Jahre an Malaria litt und dadurch nicht nur an diesen Tagen seinen Arbeitsverdienst verlor, sondern auch noch die Kosten für ärztliche Behandlung zu zahlen hatte. Auch die verheerende Wirkung, welche die Malaria im allgemeinen durch Verminderung der Arbeitskraft und Abkürzung der Lebenszeit hatte, war nicht unbekannt. Wenn trotzdem aus diesen theoretischen Erfahrungen nicht die notwendigen praktischen Konsequenzen gezogen wurden, so lag dies an folgenden Gründen: 1. Eine durchgreifende, Bekämpfung der Malaria, wie sie in anderen Ländern mit Erfolg durchgeführt worden ist, ist nur dann möglich, wenn das ganze Land für diesen Kampf einheitlich organisiert wird. Es ist nutzlos, in einer jüdischen Kolonie die Brutstätten der Anopheles-Mücke, der Ueberträgerin der Malaria-Plasmodien, zu vernichten, wenn neben der Kolonie auf nichtjüdischem Boden noch Brutstätten bestehen bleiben, die sich jedem Eingriffe entziehen. 2. Die bisherige jüdische Kolonisation und besonders die von den Zionisten inaugurierte Kolonisation arbeitete mit außerordentlich geringen Mitteln. Mit diesen Mitteln konnte mit großer Mühe und Not der Boden zur Ansiedlung erworben werden, aber zu einer gründlichen Assanierung, die ja mit großen Kosten verbunden ist, reichten diese Mittel nicht aus. Auch die Käufer, die von den zionistischen Gesellschaften Boden kauften, waren nicht übermäßig mit Mitteln gesegnet und wollten durchaus billigen Boden kaufen. Wäre der Boden noch durch eine kostspielige Assanierung verteuert worden, so würde es noch viel schwerer oder vielleicht unmöglich geworden sein, Käufer zu finden. 3. Unter den Einwanderern nach Palästina bestand häufig kein Verständnis für eine systemamatische Malaria-Prophylaxe, und viele wohlgemeinte Maßnahmen wurden durch dieses mangelhafte Verständnis durchkreuzt. Wir führen im obigen nur die Malaria an, weil sie die wichtigste endemische Krankheit Palästinas ist und weil wahrscheinlich gut Dreiviertel aller Erkrankungen Malaria oder Folgeerscheinungen der Malaria sind. Das Gesagte gilt aber im großen und ganzen für alle in Palästina auftretenden Infektionskrankheiten, wie z. B. Bauchtyphus und Dysenterie. Auch diese würden erfolgreich bekämpft werden können, wenn überall die Trinkwasser- und Abwässerfrage in befriedigender Weise gelöst würde. Dies ist aber bisher unmöglich gewesen, teils weil auch hier eine Assanierung isi den jüdischen Kolonien ohne gleichzeitige Assanierung in der nichtjüdischen Nachbarschaft nicht viel hilft, teils weil die Kosten für gute Trinkwasser, beschaffung und Abwässerbeseitigung in vielen Fällen sehr beträchtlich sind.