Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1919)
- Date
- 1919-02-13
- Page
- Seite 203-204 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649285--0152-2649492- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
203 VOLK UND LAND 204 Summe 'die 5 bis 10 fache Anzahl von Familien ansäßig gemacht werden können, und daß, da von den Anzusiedelnden selbst ein Teil des erforderlichen Kapitals beansprucht werden soll, ein viel weiterer und in seinen Ansprüchen viel geeigneterer Kreis erreicht werden würde.... Es würden vor allen Dingen auch die mit Hilfe der neuen Propaganda zu bewerkstelligenden Sammlungen viel reicher ausfallen, wenn statt eines kleinen, ein großes Resultat in Aussicht steht. Es mag ja netter und „volksfreundlicher“ klingen, wenn den neuen Ansiedlern mehr Geld und mehr Land zugedacht wird. Aber es bleibt dann eben beim Zudenken, und damit ist Nichts getan. Selbst wenn derlei in einem den hohen Erfordernissen entsprechend kleinen Umfang durchgeführt Nvürde, wäre es von jeder Art V o 1 k s h i 1 f e weit entfernt. Die große Mehrzahl — ja, fast die Gesamtheit derer, die sich ansiedeln möchten, wäre auf diese Weise von je der Möglichkeit ausgeschlossen. Der richtige Weg kann nur oer sein, der auf Grund der Erfahrungen einen Maßstab aufstellt, der den Möglichkeiten der Ansiedler und der fördernden Institute in gleicher Weise gerecht wird. Wer über eigene größere Mittel verfügt, mag sich komfortabler einrichten, aber er soll denen nicht im Wege stehen, die auf die Mitwirkung der Allgemeinheit und ihrer Institute angewiesen sind. Persönlich (würde ich übrigens der Ansicht sein, daß 'mindestens zu einem großen Teil die aufzubringenden Gelder auf einer geschäftlichen Basis oder gegen eine bei Wohlfahrtsangelegenheiten nicht unübliche Verzinsung gesucht werden sollten. MEHR SACHLICHKEIT! Von Richard Lichtheim. In Nr. 6 von „Volk und Land“ veröffentlicht Herr Dr. Noack unter dem Titel „Die Organisierung der Wanderung“ einen Aufsatz, der nicht unwidersprochen bleiben darf, und zwar weniger um seines Inhaltes willen, als wegen der mit diesem Inhalt verbundenen Polemik. Es ist bedauerlich, daß manche Zionisten sich berufen fühlen, in kolonisatorischen Fragen das Wort zu ergreifen, ohne sich über die von ihnen behandelten Probleme genügend Rechenschaft gegeben zu haben. Das ist umso weniger erträglich, wenn sie sich gleichzeitig mit äußerster Schärfe des Ausdrucks gegen diejenigen wenden, die auf Grund besserer oder mindestens ebenso guter Sachkenntnis abweichende Meinungen ausgesprochen haben. Der erwähnte Aufsatz des Herrn Dr. Noack ist ein Beispiel für diese bedauerliche Form der Diskussion. Was er vorschlägt, ist keineswegs neu oder originell, läßt sich aber durchaus hören. Er schlägt die Aufstellung eines Katasters aller Auswanderungslustigen vor, um, gestützt auf einen solchen Kataster, der Friedenskonferenz den Beweis erbringen zu können, daß große Teile des jüdischen Volkes, deren Zahl die heutige Bewohnerschaft Palästinas jedenfalls erheblich übertrifft, zur Uebersiedlung nach Palästina entschlossen sind. Von einem solchen Nachweis verspricht er sich bedeutende politische Wirkungen. Der Vorschlag ist einfach, wenngleich die Ausführung vermutlich1 mit erheblichen Schwierigkeiten verknüpft wäre. Auf diese Schwierigkeiten will ich nicht eingehen. Herr Dr. Noack meint ferner, daß auf Grund einer solchen Eintragung eine Organisierung der Wanderbewegung möglich sei (und diese Organisierung scheint ihm erforderlich, wenn man den Strom der Wanderung, ,.sei es hemmend, sei es fördernd“, beeinflussen will. Auch glaubt er, die so organisierten Einwanderer würden das Gefühl erhalten, mit in Reih und Glied zu stehen, sie würden „mehr Geduld aufbringen und es vermeiden, auf eigene Faust in die Unsicherheit zu gehen“. Auch' hiermit kann man sich einverstanden erklären. Ich habe in meinem Palästina-Referat bezüglich der Organisierung der Wanderung ganz ähnliches gesagt. Es ist nun vollkommen unerfindlich, warum Herr Dr. Noack sich gedrungen fühlt, seine Vorschläge mit folgenden polemischen Sätzen einzuleiten: „Wenn wir den Lichtheimschen Kolonisationsplan als Grundlage der Rückkehr annehmen, so müssen wir zunächst das Baseler Programm ändern. Von der Forderung „Heimstätte für das jüdische Volk“ ist da nichts zu merken, und die viel berufene Ethik spielt zusammen mit dem begeistert gerühmten sozialen Geist eine lediglich’ dekorative Rolle“. Was den letzten Anwurf betrifft, so bleibt mir nichts übrig, als ihfn zurückzu weisen. Was ich von sozialer Ethik und Notwendigkeit der Einordnung in den Gemeinschaftsgeist gesagt habe, ist mir bitterer Ernst, und ich gestatte es niemandem, an der Aufrichtigkeit oder Entschiedenheit meiner Meinungsäußerung zu zweifeln. Herr Dr. Noack ist gegen die Gründung von „Gesellschaften zur Ansiedlung von Kapitalisten, die es jedenfalls am nötigsten haben“. Das beweist nur, daß Herr Dr. Noack von der landwirtschaftlichen Kolonisation, die ohne Beteiligung des Privatkapitals gar nicht denkbar ist, sehr wenig versteht. Die landwirtschaftliche Kolonisation aber muß für uns im Vordergrund stehen, denn Palästina wird demjenigen gehören, der das Land bebaut. — Was nun die Berufung Dr. Noadks auf das Baseler Programm betrifft, so glaube ich, das Baseler Programm sch!on seit längerer Zeit durchdacht und erfaßt zu haben. Was will Herr Dr. Noack eigentlich? Glaubt er vielleicht, die Fassungskraft Palästinas könne durch Anlegung eines Katasters der Auswanderer oder sonstige (auch von mir geforderte) Maßnahmen zur Erfassung und Regelung der Wanderung irgendwie gesteigert werden? Die Frage lautet doch, wieviel Menschen wir nach Palästina in Ben ersten Jahren und Jahrzehnten bringen können, und in diesem Punkt weiß Herr Dr. Noack überhaupt nichts zu sagen. Ich habe eine Durchschnittsberechnung aufgestellt, wobei ich annahm, daß im ersten Jahrzehnt durchschnittlich jährlich 20 000 Menschen einwandern, abgesehen von denjenigen Einwanderern, die in den ersten Jahren durch Notstandsarbeiten und Erschließungsarbeiten Beschäftigung finden können. Wie groß diese Einwanderer-