Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1919)
- Date
- 1919-02-13
- Page
- Seite 199-200 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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109 VOLK UND LAND 200 berichtet hat, ein ha Mandelpflanzung bis zu Frs. 2000.— bringt und daß ein Arbeiter mit Hilfe seiner Familie 4 Hektar bewirtschaften kann, so würde doch höchstens ein Hektar dem Bodenausmaß entsprechen dürfen, das man bei unterstützter Kolonisation dem einzelnen zuweisen kann. Ich habe seit langem ganz allgemein die Ansicht vertreten, daß> ein Hektar tatsächlich als ein erforderliches Ausmaß pro Familie genügen kann, und daß bei geeigneten Methoden und entsprechendem Fleiß aus einem Hektar sehr viel mehr herauszuwirtschaften ist, als der bloße Lebensunterhalt einer Familie nach palästinensischen Erfordernissen. (Reiches Material hierüber z. B. in „Three Acres und Liberty“) Lieber diesen Lebensunterhalt gehen die Ansichten leider noch isehr weit auseinander, daher halte ich es für notwendig, einiges darüber vorauszuschicken. Im Jahre 1900 hatte ich mit der Installation von annähernd 1000 rumänischen Juden zu tun, die sich nach Kleinasien geflüchtet hatten. Die Verpflegung erforderte nicht mehr als Mk. 1.— pro Kopf und Woche, was ein wenig mehr als den Beträgen entsprach, mit denen die türkische Regierung ihre Rückwanderer zwischen Beginn der Ansiedlung Und erster Ernte erhält. (Hierbei kam allerdings in Betracht, daß die Lebensmittel im Großen eingekauft und ohne Zwischenverdienst an die Kolonisten abgegeben wurden. Aber ähnliches läßt sich bei jeder planvollen Kolonisation erzielen. In seinem Bericht über eine Informationsreise nach Saida von November 1902 (abgedruckt in der Zeitschrift „Palästina“, Jahrgang 1903, Seite 203) schlug Dr. S o s k i n als Hilfsaktion für die Juden von Saida folgendes vor: Es sollte in 8—10 km Entfernung von der Stadt eine Besitzung von 60 ha zum Preise von 32 000 Frs. erworben werden, die bei intensiver Bewirtschaftung und bei einer Entlohnung der Arbeiter nach dem reellen Wert ihrer Leistung (gleich 1 Frs. täglich) 40—50 jüdische Arbeiter mit Gemüsebau, Obstbaumzucht, Maulbeerbaumkultur, Seidenraupenzucht, Milchwirtschaft und Produktion von Tafeltrauben und Rosinen usw. beschäftigen könnte. Hierbei sollte die Rentabilität des Betriebes Grundbedingung sein. Daraus geht hervor: daß etwa 45 Arbeiter auf 60 ha eine vielseitige und hinreichende Arbeits- Iegenheit gefunden haben würden, daß der Aritslohn höher gedacbi*. war, als der bisherige Verdienst der Leute in der Stadt, der für die meisten zwischen 3y* und 4y2 Frs. per Woche (und per Familie)! lag, und daß ferner noch ein Nutzen für die Unternehmer gedacht war. Hiernach wird man schließen dürfen, daß die Ansiedlung der 40—50 Arbeiter trotz des hohen Landkreises (das Gut war zum Teil mit alten, ertragliefernden Fruchtbäumen bestanden) auf kaum mehr als 1000 Francs per Familie alles in allem gekommen wäre und daß die nach Soskins Vorschlag als Arbeiter entlohnten Leute gerade so gut als selbständige — etwa genossenschaftlich arbeitende — Kolonisten einen Verdienst haben würden, der ihrem Lohne plus dem Betriebsüberschuß entsprochen haben würde. Kein Zweifel, daß bei Arbeit für sich selbst und unter einem System, das ihnen den vollen Ertrag ihrer Arbeit sicherte, wesentlich höhere Erträge herausgekommen wären, als in der von Soskin vorgeschlagenen Form. Die Leute hätten also auf dem Lande mindestens den doppelten Lohn gehabt, wie bis dahin in der Stadt. Erwiesen ist damit der geringe Bedarf der Lebenshaltung und das geringe Ausmaß an Land. Die Wohnungsfrage ist in dem Soskin'schen Vorschläge nicht erwähnt, vermutlich war auf dem Gute irgend welche Wohngelegenheit. Keinesfalls hätte aber die Wohnungsfrage — wie wir weiter sehen werden, — das Kapitalerfordernis sehr wesentlich verändert. Jedenfalls kann man dasselbe bei diesem Vorschläge, abgesehen von der Wohnfrage. als innerhalb von 1000 Francs pro Familie liegend berechnen. Gute jüdische Handwerker verdienten bei mir in Jaffa 1907 durchschnittlich unter 100 Francs per Monat, was mehr war, als vor meiner Zeit oder bei Anderen. Hier handelte es sich aber um städtische Verhältnisse mit viel höheren Lebensmittelpreisen als auf dem Lande, und mit einem Mietserfordernis von wenigstens 15—20 Francs pro Familie und Monat. Dr. Ruppin gibt in einem Artikel über den Libanon*) an, daß auf den qkm bebauten Bodens dort 1019 Einwohner entfallen. Dies entspricht mehr als 10 Seelen auf den Hektar, was 'wieder 2 Familien gleichkommt. (Allenfalls könnte man 21/2 Familien rechnen, weil die Libanon-Familie bei der starken Auswanderung eher auj 4 als a|uf 5 Köpfe zu rechnen seindürfte.) Nach der betreffenden Arbeit leben die über 400000 Einwohner 'des Libanongebietes von 100 qkm guter und 300 qkm minderer Ackererde. Hieraus ziehen sie an landwirtschaftlichen Produkten 24 Millionen Fr., gleich 600 Francs per Hektar, davon ein Siebentel als Einnahmen aus der Seidenspinnerei, die hier als landwirtschaftliche Industrie gerechnet ist. Aus der Landwirtschaft ziehen n;Cb Ruppin die Libanesen 60 Mark pro Kopf und Jahr, an Geldsendungen ausgewanderter Familienmitglieder aus Amerika kämen im Durchschnitt noch 40 Mark hinzu, sodaß 100 Mark pro Kopf und Jahr der Summe entspricht, die gegenwärtig der gesamten Libanonbevölkerung zur Verfügung steht, und zwar nicht nur für Lebensmittel, sondernauch für die rege Bautätigkeit, die hauptsächlich mittelst der amerikanischen Gelder durchgeführt wird* Neben den Geldsendungen aus Amerika und den landwirtschaftlichen Beschäftigungen werden noch 31/2 Millionen Francs auf den Fremdenverkehr und 21/2 Millionen Francs auf verschiedene Industrien zurückgeführt, im ganzen also 6 Millionen Francs, gleiCh 15 Francs pro Kopf der Libanon- Bevölkerung. Wir hätten also nach dieser dem letzten Friedensstand entsprechenden Arbeit von Ruppin für den Libanon ein Bodenausmaaß von höchstens einem halben Hektar pro Familie und eine Lebensunterhaltsziffer von etwa 100 Mark pro Kopf und Jahr. Der Durchschnitt des Libanon wird für ein Minimum in Palästina als ausreichend betrachtet werden dürfen. Im „Russian Yearbook“ finde ich die Angabe, daß die zahlreichen jüdischen Familien, die an der Peripherie russischer, wohl hauptsächlich südrussischer Kleinstädte sich mit Gemüsebau und Obstzucht beschäftigen,' einen Jahresetat von 300 Rubeln pro Familie haben, wovon sie die Hälfte aus 5hrer kleinen Landwirtschaft ziehen. Ein Bodenausmaß erinnere ich mich nicht, hierbei gefunden zu haben, aber der Lebensunterhalt entspricht ungefähr den früher angegebenen Ziffern. Als — sehr bescheidenes — Erfordernis für den Lebensunterhalt in Palästina gibt Oettinger (bei Siedlerfamilien mit 13 600—41 300 Frs. Kapitalaufwand für *) In der „Deutschen Levante-Zeitung“ vom 16. Januar 1917. Vollinhaltlich wiedergegeben in „Volk und Land“, Sp. 47.