Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1919)
- Date
- 1919-02-13
- Page
- Seite 195-196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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195 VOLK UND LAND 196 mische Triebfedern zu Grunde, in höherem Maße als dem nach Palästina führenden Wege. Trotzdem ist auch hier der volksethische Trieb bestimmend wirksam gewesen; der Trieb, im Einwanderungsland den Volkszusammenhang zu bewahren und das Bewußtsein der Volkseinheit nicht zu verlieren. Vielleicht ist es gerade diese Absicht im Einwanderungslande gewesen, die den vom Ziele der Sehnsucht wegführenden Weg breit und der Masse gangbar gemacht hat. Man könnte eine solche Auffassung mit dem Hinweis auf den gesunden Volksinstinkt wahrscheinlich machen, der immer im jüdischen Volke lebte, und der es auf allen Wanderungen in der langen Zeit des Galuth überall dorthin begleitete, wo es sich stückweise niederließ. Man braucht sich mit solcher Glaubhaftmachung nicht zu benügen und kann sich auf Tatsachen und Erfahrungen aus der Geschichte der letzten Auswanderungsphase unseres Volkes stützen, die den vollen Beweis für das Fortwirken im Volkstrieb wurzelnder sozialistischer Kräfte in seinen Wanderungen bis in die Gegenwart erbringen. Es war die Zeit, da man die Folgen der wachsenden jüdischen Minorität innerhalb der gewaltigen Menschenansammlungen in den Zentren Nordamerikas besorgt erkannte. Es erwuchs die Absicht, eine Abströmung des jüdischen Bevölkerungselements in die Wege zu leiten. Durch eine wohlorganisierte Bewegung wollte man jüdische Massen tropfenweise auf eine Unzahl Punkte im Lande verteilen, um durch solchen Aderlaß die Gesamtsituation der Juden im Lande zu verbessern. Rein ökonomisch wäre gegen eine solche Zerstreuungsaktion nichts einzuwenden gewesen. Erwägt man die Lebensverhältnisse, unter denen die Masse der jüdischen Bevölkerung im Joche eines schändlichen Systems der Arbeiterausbeutung in New York lebte, so kann man geneigt sein, in der Ausführung jener großzügigen Bevölkerungsverschiebungspläne einen gesunden Akt zur Erleichterung der wirtschaftlichen Lage der zurückbleibenden Masse und insbesondere der zu zerstreuenden Elemente zu erblicken. Doch vom Standpunkt der Volksethik bedeutete ein solches *Unternehmen ein Attentat gegen die Integrität des Volksbestandes. Dagegen revoltierte der gesunde nationale Trieb; und in der Tat zeitigte die mit großen Mitteln ins Werk gesetzte sogenannte „Rem oval “-Aktion keinerlei Erfolge. Sie blieb in den ersten Versuchen stecken. Sie scheiterte an dem Widerstand der Massen, die es vorzogen, im Elend auszuharren, wenn es nur um den Preis nationaler Selbstaufopferung beseitigt werden sollte. Bekanntist das für die argentinische Wanderung hemmende Moment, das in der Schwierigkeit bestand, infolge der extensiven Weitflächenkultur des Bodens enge, geschlossene Siedlungen zu bilden und so das nationalreligiöse und kulturelle Bedürfnis der Siedler zu befriedigen. Schließlich sei noch auf das etwa ein und einhalb Jahrzehnte hinter uns liegende Ugandaprojekt hingewiesen, jenen seitens der englischen Regierung dem jüdischen Volke in hochherziger Weise gemachten Siedlungsvorschlag, der jahrelang die Gemüter des jüdischen Volkes in stürmische Erregung versetzte. Damals wurden Kommissionen j ausgesanat, um das Land aut seine Tauglichkeit für eine jüdische Siedlung zu erforschen und zu begutachten. Das Resultat der gutachtlichen Be- | richte war negativ. Aber nicht deswegen lehnte der zionistische Kongreß jenes Projekt ab, sondern! aus der Erkenntnis der Tatsache, daß ein anderes Votum in Widerspruch gestanden hätte mit dem Willen und dem B.di rfnis der national empfindenden jüdischen Masse. Damals war sicherlich die Not des Volkes groß und damit auch der Auswanderungsdrang. Nordamerika galt schon nicht mehr als das Auswandemngsparadies. Es suchte selbst schon nach einem ventil zum Abströmen der sich dort drängenden Massen. Man weiß, daß der Zwang zur Auswanderung die Jewish Territorial-Organisation auf den Plan rief, die ausging, das Land „Irgendwo“ für das jüdische Volk zu suchen. Trotzdem der Widerstand der Massen, der durchaus keine ökonomische Begründung zuläßt. Das Volk fühlte instinktiv — gegen alle anderslautenden Versicherungen —, daß damit seine nationalen Hoffnungen auf Palästina zu Grabe getragen würden — ein Gefühl, das bei der Wanderung über das Weltmeer niemals aufgekommen ist. Damit wäre mit großen Mitteln wahrscheinlich einer Wanderung Vorschub geleistet, die sich nicht in der Linie des! geringsten Widerstandes bewegen sollte. Und man darf wohl sagen, daß ein solcher Versuch im Falle Uganda ein Fehlschlag geworden wäre, selbst wenn die ökonomischen Voraussetzungen besser gewesen wären. Jetzt stehen wir höchstwahrscheinlich vor dem * ginn einer großen Wanderungsepochc des jüdischen Volkes. Man fragt sich, welche Richtung diese Wanderung nehmen wird, und darf sagen, daß sie sich auf der Linie des geringsten Widerstandes bewegen wird, Das heißt negativ, daß diese Wanderung mit noen so großen Mitteln von dieser Linie nicht abgelenkt werden kann. Was es positiv heißt, wird die Zukunft lehren. Man weiß, daß die Masse des Volkes zur Zeit nach dem Orient drängt, und dabei insbesondere Palästina im Auge hat, und daß demgegenüber für die Masse alle anderen Wanderungsmöglichkeiten in den Hintergrund treten. Wie ist das zu erklären? Ist die jüdische Masse mit dem Wanderungsziel Palästina nationaler geworden in ihrem Denken, Fühlen und Handeln? Nationaler als jene Masse, die Nordamerika als ihr Wanderziel wählte? Das wäre eine durchaus verkehrte und jedenfalls durch die Verschiedenheit des Wanderungsweges nicht genügend begründete Annahme. Es ist sicher, daß die nach Nordamerika auswandernden Massen in ihren nationalen Qualitäten in keiner Weise den jetzt auswanderungsbereiten Volksgruppen nachstanden. Die Um-' stände, die den Wanderungswillen bestimmen, die Volksnot und die Volkssehnsucht, bestehen wie früher. Sie sind nur durch das' schreckliche Kriegserlebnis und seine in die Zukunft hinein wirkenden Folgen noch stärker geworden. Geändert haben sich die Möglichkeiten, aus der Not herauszukommen und das Volkssehnen erfüllt zu sehen. Ein Bündel von neuen Tatsachen und Ereignissen führt eine laut vernehmbare und eindringliche Sprache, deren überzeugender Ton mit unwiderstehlictoer