Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1919)
- Date
- 1919-02-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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VOLK JllL LA M D -JUEDISCH^^^^IISCHRIFT FUER POLITIK, WIRTSChJ^UND PALAESTINAARBEIT HERAUSGE6EBEN v6n OAVIS TRIETSCH 13. FEBRUAR 1919 HEFT 7 I. JAHRGANG DIE LINIE DES GERINGSTEN WIDERSTANDES Von Dr. L. Weinberg. Aller Wanderung Richtung ist die Linie des geringsten Widerstandes. In ihrer Fahrtrinne verläuft der Wandenungsstrom mit der Sicherheit eines Naturgesetzes. Diesem Naturgesetz zuwider eine Straße künstlich schaffen zu wollen, wäre ein sinnloses Beginnen. Versuche solcher Art, aus irgend einem Grunde unternommen, sind zum1 Scheitern verurteilt. Sie müssen fehlschlagen, infolge des Widerstandes der Massen, in denen Abneigung gegen das ihnen zugemutete Wagnis die erforderliche Aktivität nicht aufkommen läßt. Damit ist nicht gesagt, daß 'die Wanderung als ein unabänderlichen Gesetzen unterworfener Vorgang sich selbst zu überlassen wäre. Das könnte wie überall, wo rohe Kräfte sinnlos walten, zu einer Katastrophe führen. Vielleicht ist ihr eine sinnvolle menschliche Beeinflussung unentbehrlich, wie planvoller menschlicher Wille alles Wa.’ten der Naturgesetze zur Wohltat werden läßt. Und so wie alle Beeinflussung nur eine geregelte Benutzung der Naturkräfte zum Ziele hat uncf nicht deren Ausschaltung, so ist alle Unterstützung und Förderung der Wanderung nicht Ablenkung von der natürlichen, den ihr innewohnenden Gesetzen entsprechenden Richtung, sondern Leitweg, Regulierung, planvolle Vorbereitung, Beseitigung aller Hemmnisse auf jenem Wege, der sich dem Massenbewußtsein auf Grund eindringlicher Kundgebungen bestimmter Tatsachenkomplexe als der gangbare, ihrem Wanderungsideal nahe kommende eingeprägt hat. So sind jene Richtungen zu erklären, die die gewaltige jüdische Wanderung seit Beginn der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eingeschlagen hat, die breite Straße, die in die nordamerikanischen Industrie- und Handelszentren führte, die schmale Abzweigung in die weiten Ackergefilde Argentiniens, der Wanderungspfad in die Hauptstädte jener Länder, die den Ruf freister staatlicher Einrichtungen genießen, und die viel engere Weglinie, die den Orient zum Zielpunkt hatte und Palästina mit einem gleichmäßig geringen Zustrom jüdischer Menschen versorgte. Die Tatsache, daß neben den breiten und ausgefahrenen, nach Nordamerika führenden Wandertihgsgeleisen anderswohin strebende Abzweigungen und Wegrichtungen einheriiefen, und keine dieser Richtungen zu einem aus* gesprochenen Wanderungsmißerfolge wurde, beweist, daß die Linie des geringsten Widerstandes nicht einheitlich zu verlaufen braucht, daß sie durch i Umstände bestimmt wird, die nicht gleichmäßig auf die Masse der Bevölkerung wirken, daß diese Umstände verschiedene Zielideale in den Köpfen der Volksindividuen erstehen lassen. Zwei Faktoren sind es, auf die der Drang des jüdischen Volkes zur Wanderung zurückzuführen ist: die Sehnsucht und die Not. Die Sehnsucht ist das positive Element, das den Willen zur Wanderung im jüdischen Individuum großzieht. Sie hat in den Jahrhunderten des Galuth den alternden Juden zum Wanderstabe greifen lassen, ihn Sns Land der Väter geführt mit dem Ziele, es j.u sehen und dort zu sterben. Die Not, das negative Element, hat das zerstreute Volk nirgends Ruhe finden lassen und es von Wohnstätte zu Wohnstätte getrieben. Beide Faktoren sind ncch in der letzten großen Phase der Volkswanderung wirksam gewesen. Möglich, daß die Wechselwirkung beider den Drang zur Wanderung erzeugte; aber auch getrennt waren sie erfolgreich am Werke. Die Not hielt Ausschau, und die Sehnsucht hatte ihr besonderes Augenziel. Bestimmend für den Weg “ waren die Möglichkeiten, der Not zu entkommen, den Sehnsuchtstraum erfüllt zu sehen. So ergab die Doppelartigkeit der Motive und die Mannigfaltigkeit der Lösungsmöglidikcit die verschiedenen Wanderrichtungen, deren Zahl und Intensität wir oben angedeutet haben. Die zweifache Gestalt des Wanderungsreizes läßt erkennen, daß nicht lediglich ökonomische' Momente den Willen zur Wanderung hervorriefen, und daß nicht lediglich Hemmnisse wirtschaftlicher Natur die Wanderungsrichtung b:einflußten. Neben den ökonomischen Tatsachen spielten nationale und sozialistische Gesichtspunkte eine Rolle. Und sie spielten eine größere Rolle, als es den Anschein hat. Beide hielten sich die Wage bei der Bildung der Linie des geringsten Widerstandes. So erscheint es durchaus falsch, die noramerikanische Wanderrichtung rein ökonomisch zu motivieren. Wohl liegen ihr in hohem Maße ökono-