Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1919)
- Date
- 1919-02-06
- Page
- Seite 187-188 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649284--0141-2649480- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
187 VOLK UND LAND 188 Kriegsmaterial Davis Trietsch' hat in seiner Abhandlung „Massenwanderung und Massensiedlung“ in dieser Zeitschrift darauf hingewiesen, wie sehr wesentlich die großen Schwierigkeiten der vor uns liegenden Aufgabe dadurch zu mildern seien, daß unser Werk des Aufbaues mit der Demobilisation der Millionenheere des Weltkrieges Zusammenfalle*). Es handelt sich um jene Einrichtungen, die in riesenhaftem Umfange für den Aufenthalt, die Verpflegung, den Nachschub der Truppen, von den kriegführenden Parteien getroffen worden sind; um Unterkunftseinrichtungen für große Truppenmassen, Baracken- und Zeltmateriaf für Lazarettzwecke; um jene ungeheuren Läger von Gegenständen, die der Truppen- und Materialbeförderung gedient haben, die mit dem Wegfall des Kriegszustandes zum Teil einer neuen großen Verwendungsmöglichkeit harren. Es ist bekannt, wie gerade der Nordrand der Sinaihalbinsel als Etappengebiet bei der Eroberung Palästinas von den Engländern weitgehend mit Verkehrseinrichtungen, Wasserversorgung, Zelt- und Lazarettlagern uswr. ausgestattet worden ist. Sven Hedi,n, hat in seinem Buche „Jerusalem“ ein anschauliches Bild von dem Umfange dieser Anlagen gegeben. Es liegt nahe, die UnWirtschaftlichkeit des Abbaus und des Rücktransportes vieler Materialien da : zu betonen, wo die Möglichkeit einer Verwertung an Ort! und Stelle besteht. So ist es verständlich, daß auch nichtjüdische interessierte Kreise sich dieses eminent praktischen Gedankenganges (bemächtigen. Die englische Zeitschrift „Palestfnc“ schreiot folgendes : „Das Problem der Verfügung über das britische Heeresgut in Palästina beschäftigt jetzt die VerWalfangskörper. Die Palästinaarmee verfügt über einige Hunderttausend Pferde und Maulesel neben einer sicherlich beträchtlichen Anzahl von Kamelen. Da nicht alle diese Tiere nach Europa ge- . j bracht werden können, bemüht sich General | Allenby durdhzusetzen, daß sie an Ort und | Stelle verkauft werden, was er als außerordentlich nützlich für die Entwicklung des Landes ansieht. Sicherlich .werden die Transporttiere für die Entwicklung des Landes von enormem Wert sein. Durch Palästinas j Armut an Vieh war bisher die Landwirtschaft gelähmt und wird weiter viele Jahre gelähmt sein, wenn nicht dieses Manko so schnell wie möglich behoben wird. Ferner hat die Armee ein ungeheures Lager von Apparaten angehäuf t: Motorlori es, Motorräder, Maschinen und alles, w^as eine auf dem Marsch befindliche Armee braucht. Einige dieser Vorräte werden zweifellos nach England zurüdkgebracht werden; aber manches sollte in Palästina Zurückbleiben, um an Ort und Stelle verwendet zu werden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Palästina ist trotz der Eisenbahnen, die dort während des Krieges gebaut wurden, sehr knapp an Verkehrsmitteln; die Motorlories und Motorräder könnten daher von unschätzbarem Wert für Transportzw'eckc sein. Ferner muß die britische Armee während ihres Zuges durch die Wüste und die wasserlosen Gegenden eine große Anzahl von B ohr- und Pumpapparaten errichtet haben, die dem Lande im Frieden von größtem Nutzen sein können. Man sollte so viel von den Apparaten in Palästina zurücklassen, wie dort vorteilhaft untergebracht werden können. Natürlich ist die britische Regierung dem britischen Volkev von dessen Geld sie angeschafft wurden, verantwortlich für diese Vorräte, und sie muß daher suchen, den besten Preis dafür zu erzielen. Da aber wahrscheinlich die Ueberschwemlmung dös britischen Marktes mit Heeresvorräten auf die Preise drücken wind, und da außerdem die Frachtkosten hinzukämen, wäre es höchst wahrscheinlich in jeder Hinsicht vorteilhafter, in Palästina zu verkaufen, was das Land braucht. In dieser Beziehung sollte sich das Kriegsamt mit der Zionistischen» Organisation in Verbindung setzen, und im Verein mit ihr darüber beraten, was das jüdische Palästina braucht Sicherlich wird die Zionistische Organisation das Kriegsamt in dieser Angelegenheit bereitwilligst unterstützen.“ L. W. *) Sp. 109 ff. PALAESTINA Der Orient und die jüdische Massenemigration Fast unbeachtet und vielfach unterschätzt wird in deutschen zionistischen Kreisen die Bedeutung des außerpalästinensischen Orients als jüdisches Kolonisationsgebiet. Jetzt, wo man daran denkt, die jüdische Massenwunderung nach Palästina zu hemmen oder zu regulieren und nach Amerika abfeulenken, sollte doppelt und dreifach auf die Bedeutung des Orients als Absorbtionsgebiet des nach Palästina strömenden Einwanderer- Ueberschusses hinge wiesen werden. Es wäre schmachvoll, bei einer so glänzenden Aussicht zur Verwirklichung unseres Palästina-Ideals, zu einer Zeit, wo die Nachbargebiete Palästinas einer großartigen wirtschaftlichen Prosperität entgegen gehen, nach wie vor die jüdischen Massen nach Amerika und den anderen Galuthländern strömen zu lassen. Nicht minder als Meso- Rotamien, das aus einer Wüste in einen Garten mit vielen Millionen Einwohnern verwandelt wurden und als reichstes Erdölgebiet eine großartige Petroleumindustrie erhalten wird, geht Syrien, Kilikien, Anatolien und der Kaukasus einem raschen wirtschaftlichen Aufschwung entgegen. In diesen Gebieten werden unter der Verwaltung der jetzigen Ententeregierungen, und der Mitwirkung Amerikas schon. in nächster Zeit große wirtschaftliche Bauarbeiten, wie Verkehrsbauten, Stauwerke, Kanalbauten, Hafenbauten, Tiefbohrungen usw. in Verbindung mit den großen Irrigationsarbeiten, mit der Kultivierung urbaren Bodens, mit der Gewinnung von Mineralschätzen usw. in Angriff genommen werden. Daß unter diesen, Umständen sich für viele Hunderttausende fleißiger Hände, die den menschenarmen Gebieten fehlen und daher von außerhalb ersetzt w'erden müssen, Arbeit und (Brot finden wird, versteht sich von selbst. Und warum sollten wi-r Juden es verschmähen, an diesen Vorarbeiten einer neuen großen orientalischen Kultur Anteil zu nehmen? Ist nicht vielmehr anzunehmen, daß wir hierbei Gelegenheit finden, einen großen Teil unserer Juden, die nicht mehr in Palästina Platz finden, wenigstens im haben Orient eine gesicherte Existenz zu verschaffen und damit rings um den Mittelpunkt in Palästina) einen Kranz reicher und starker jüdischer Siedlungen anzulegen? Ist uns da nicht Gelegenheit gegeben, wieder ein orientalisches Volk auf orientalischem Boden zu werden? Man sollte es sich dutzendfach überlegen, ehe man daran denkt, große jüdische Emigrantenmassen wieder nach Amerika abströmeni izu lassen. Unsere Nachkommen dürfen uns nicht nachsagen, daß wir in einer großen Zeit uns lals unfähige Nachkommen eines Josua und Esra erwiesen (haben. Es mangelt, uns doch wahrhaftig nicht an wirtschaftlichen Möglichkeiten, Zehntausende und selbst (Hunderttausende jüdischer Emigranten in Palästina und dien, übrigen Ländern des Orients unterzubringen. Wir dürfen die Möglichkeit nicht vorübergehen lassen, jetzt, wo die Umstände so günstig sind, starke jüdische Zentren iim ganzen Orient anzulegen. Die bevorstehenden großen Bau- und Meliorationsarbeiten in den erwähntem Ländern sind zwar vorübergehender Natur, dadurch aber, daß sie immerhin jahrelang anhalten werden, .wird uns über das erste Stadium wirtschaftlicher Vorbereitungen /in Palästina hinweggeholfen und den großen Massen wird die Möglichkeit geboten, sich den orientalischen Lebensverhältnissen anzupassen und ijm ganzen prient einen ihren Neigungen und Fähigkeiten zusagenden Erwerb zu finden, ohne (wie Imöglicherw'eisei in Palästina) gezwungen zu sein, einem ihnen fremden und nicht gemäßen Beruf nachzugehen,. Versäumen wir aber die uns gegebenen Möglichkeiten, so w’ird die Tatsache nicht hinwregzuleugnen sein, daß an den Im Entstehen begriffenen großen wirtschaftlichen Unternehmungen im Orient die Juden nur geringen Anteil nehmen und daß die Kolonisation in Palästina, das! von den übrigen jüdischen Zentren räumlich sehr entfernt ist, in langsamerem Tempo vor sich gehen wird, als dies durch die wirtschaftlichen Wechselwirkungen, man denke an Handel und Industrie mit großen jüdischen Siedlungen jm übrigen Orient, möglich wäre.