Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1919)
- Date
- 1919-02-06
- Page
- Seite 179-180 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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179 VOLK UND LAND =■==--=■ 180 absolut zuverlässiger und vornehmer Geschäftsführung zehr.en. Findet man sonst noch jüdische Namen, so kann man fast mft Sicherheit rechnen, daß keine Juden mehr dahinter stehen, vv^ie z. B. hei dem sich stark entwickelnden Bankhause Marx & Co. Trotz des hohen Anteils der Juden an der Gesamtbevölkerung, nehmen sie im niederländischen Wirtschaftsleben - Amsterdam selbst nur ganz teilweise ausgenommen — auch zahlenmäßig nicht mehr die führende Stellung ein, wie es z. B. in Deutschland noch der Fall ist. Gewerbe, in denen in Deutschland und in anderen Ländern der jüdische Einfluß überwiegt, haben dort vielfach! gar keine Juden. So ist auch die Presse fast gar nicht in jüdischen Händen, wenigstens was die Verleger und Finamzleute betrifft. Wirtschaftlich hat der Jude seinen Höhepunkt überschritten und ist stark im Begriff, sich zu prdletarisieren oder zu Berufen überzugehen, die körperliche Ansprüche stellen. Deutlich zeigt sichr dies im Straßenhandel und dem Fleischergewerbe — auch beim Handel mit nicht koscherer Ware —, insbesondere ersterer ist fast durchweg jüdisch. Das Schlächterh'andwerk ist für den Juden ein ungewohntes, immerhin aber gesundes Gewerbe, da» vielleicht auch die Möglichkeit physischer Wiederherstellung bietet. Mit oben geschilderten Erscheinungen ist das jüdische Problem in Holland angeschnitten. Wirtschaftlich ist der Durchschnitt der Juden* nicht mehr durch besondere Befähigung von den Nichtjuden gekennzeichnet. Das Fehlen jeglicher Hemmung preßt die Juden nicht in besondere Gewerbe ein, und hat sie der Umgebung angepaßt. Unter den allenthalben in den Niederlanden in! den letzten zwei Jahrzehnten, hervorgetretenen jungen Unternehmern findet man nur wenig Juden; die Führer der Textilindustrie iu Twente, des Schiffbaus in Zuitholland, der Schokolade- und Kakaofabrikation in Amsterdam und anderen Orten, die großen Petroleumleute, die Reeder und Exporteure usw. usw. sind fast ausschließlich Nichtjuden. Wie ist es nun fmit den andern Gebieten des holländischen Lebens? Groß ist die Anzahl der jüdischen Hochschullehrer, groß auch die der jüdischen 'Juristen und Aerzte. Ueberhaupt spielen die Juden im geistigen Leben keine unbedeutende Rolle. Aber tonangebend ist ihr Einfluß nicht einmal in Amsterdam, geschweige denn in der kulturell besonders wichj tigen holländischen Provinz. In der modernen j Kunst sind jüdische Namen mit unter den Füh- ) rem. Neben dem verstorbenen Nestor des niei derländischen Impressionismus Jozef Israels, sein Sohn Izaak, der Dramatiker und Novellist Herman Heijermans (Falkland) der Lyriker Querido. Groß ist auch der jüdische Einfluß im musikalischen Leben, besonders dem der Hauptstadt. Vor dem Kriege herrschte in Holland in der Kunst eine gewisse Stagnation, es ist daher nicht verwunderlich. daß der belebende jüdische Einfluß sich hier stärker geltend machte. Im öffentlichen Leben, besonders in der Politik, stehen die Juden auf dem linken Flügel. Hauptsächlich die Sozialdemokratische Arbeiterpartei S. D. A. P., die der deutschen Mehrheitspartei entspricht, hat starken jüdischen Einschlag. Ein sozialdemokratisches Bollwerk sind die Diamantarbeiter, die meist Juden sind und auch die größte geschlossene Gruppe jüdischer Arbeiter darstellen. Politisch waren sie stets führend, sie haben auch einen der ihrigen, Henry Polak, als ersten Sozialisten in die Kammer gebracht. Im ganzep und großen nehmen die Juden heute in Holland keine Sonderstellung ein. Das Fehlen jeglichen öffentlichen Antisemitismus nimmt jeden Anlaß zu einseitiger jüdischer Berufswahl | und dem besonderen Daseinskampf, der die Juden i sonst so sehr gestählt hat. Man; findet sie in allen i Stellungen, als Offiziere, hohe Staatsbeamte, Minister, Mitglieder des Staatsrats usw. Der1 holländische Jude ist müder geworden. Er hat nicht mehr das elemfntare Streben, wie seine Brüder in den Ländern des mehr oder weni-! ger starken Antisemitismus. Stärker trifft dies bei den Sephardim zu, die ganz patrizialisiert (Sind1, weniger bei den Aschkenasim, die, von ihnen scharf getrennt, aus Deutschland stets frischen Zuzug erj halten. Unter den wirtschaftlich bedeutenden Juden I der jüngeren Generation findet man wohl keinen Sephardi, unter den geistig hervorragenden aber I eine ganze Reihe. Uebrigens sind die Sephardim : an dem wirtschaftlichen Rückgang nicht beteiligt, j allerdings nicht durch wirtschaftliches Streben, son- | dern durch Heiraten untereinander und ihr star- ( kes Aussterben, was bewirkt, daß ihre großen Verj mögen nicht zerbröckeln, sondern immer mehr zu- | sammenwachsen. Im übrigen aber ist das Schicksal der riieder- I ländischen Juden typisch. Es zeigt den Weg, den ) die Juden gehen, denen keine äußeren Hindernisse in den Weg gelegt werden. Das Fehlen des bej ruflichen Zwanges, jedes Ausschlusses von privilegierten Berufen usw. hat dazu geführt, daß die Juden in Holland allmählich ihre soziale Sonderstellung verlieren, sie dringen nach oben und nach unten in alle Berufe ein, geistige und körperliche. So bereiten sie sich schließlich selbst den Weg zur physischen Gesundung durch eine zweckmäßige, der Umgebung und dem Lande angepaßte soziale Struktur. Der holländische Jude ist nicht mehr nur geistiger Arbeiter, fliegender Händler usw. Noch ist er in die Landwirtschaft nient eingedrungen, wenigstens nicht in großem Maße. Vielleicht bringt die Trockenlegung der Zuidersee auch das mit sich. Dann könnten wir in Holland vielleicht erleben, daß die! Freiheit Israel zu seiner alten, gesunden, sozialen Struktur ziurückgeführt hat.