Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1919)
- Date
- 1919-02-06
- Page
- Seite 177-178 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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177 VOLK UND LAND 178 snmtheit der Bewohner in industrieller Hinsicht von einem einzelnen Unternehmer abhängig ist. Was die Landwirtschaft (neben dem eigenen Gartenbau) betrifft, so wäre, vorausgesetzt, daß sich die örtlichen Verhältnisse dazu eignen, dahin zu streben, daß der eigentliche Ackerbau, die Viehzucht und andere extensivere Dinge im gemeindlichen Genossenschaftsbetriebe bewältigt werden. Wir kämen damit dem Typus der Ballodschen Ackerstadt sehr nahe, bei welchem eine Einwohnerschaft von möglichst 20 bis 30 000 sich aus der unmittelbarsten Umgebung ernährt. An eine so große Einwohnerschaft denken wir allerdings für unsere palästinensischen Ackerstädte für9 erste nicht; aber größer als unsere bisherigen Zwergkolonien müßten sie schon von Anfang an sein. Es sollte dahin gestrebt werden, daß unsere neuen Kolonien schon vom ersten oder zweiten Jahre an wenigstens 1000 Einwohner haben, weil anders für ein geordnetes Gemeindewesen, für Arzt und Schule nicht in ausreichender Weise gesorgt werden kann. Die Siedlungen sollten auch von vornherein so angelegt sein, daß sie möglichst rasch auf ewa 5 bis 6000 Einwtohner anwachsen können. Dies ist besonders insofern als eine ,Art unterer Grenze anzusehen, weil für kleinere Siedlungen die erforderlichen Verkehrsverbindungen kaum zu schaffen sein werden. Was wir brauchen sind Kolonien, in denen der städtische Jude seine kulturellen Bedürfnisse voll befriedigen kann, in denen Landwirtschaft keine Vereinsamung und Isolierung bedeutet, in denen ein Gemeingeist herrscht, der sich in 'genossenschaftlichen Zusammenschlüssen und besten sozialen Verhältnissen äußert, in denen vielfältige Betätigung und Anregung und jede Verbindung körperlicher und geistiger Arbeit geboten ist. Dieser Kolonietypus kommt auch dem der A c h u s a erfreulich nahe. Während aber bei der | Achusa bisher im allgemeinen weniger an eine [ starke Einwohnerschaft und an kleine Flächen gedacht war, und während sie vor allem bisher fast I ausnahmslos die handwerkliche und industrielle Be- ' rufseignung der Juden brach liegen ließ, sollen in diesem neuen Typus alle Neigungen, Fähigkeiten und Möglichkeiten der Juden und Palästinas vereinigt werden. Nur so können wir eine Form der Siedlung finden, die der Eigenart unseres Volkes und unseres Landes am besten angepaßt ist. Wir können uns auch vorstellen, daß solche Groß-Siedlungen als Industriekolonien beginnen und daß sich Ansiedlergruppen vom Typus der Achusa anschließen. Das Achusasystem mit seinen mehrere Jahre vor der Uebersiedlung beginnenden Einzahlungen bietet ja auch einen Arbeitgeber größten Stils für eine jüdische Arbeiterschaft, und es hat selbstverständlich seine bedeutenden Vorteile, wenn Achusagesellschaften — statt isoliert vorzugehen - sich an einen kolonisatorischen Kern nach Art der hier geschilderten Gartenstadt lanschließen. Selbst wenn die Achusainteressenten für ihre eigene Person nur mit einer beschaulicheren Existenz gerechnet haben, so werden handwerkliche, industrielle und sonstige städtische Möglichkeiten doch in vielen Fällen für sie selbst, in fast allen aber für ihre Familienmitglieder und ihre* Nachkommenschaft in Betracht zu ziehen sein. Die besondere Eignung der Juden auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet und die Gunst des palästinensischen Klimas werden Zusammenwirken, um aus unserem neuen Gemeinwesen eine Vereinigung der besten sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen zu schaffen, die auf der ganzen Welt zu finden sein werden. Von uns hängt es nunmehr ab, uns von hergebrachten hinderlichen Auffassungen frei zu machen und alle verfügbaren Kräfte für das uns bevorstehende große Werk heranzuziehen. DIE STELLUNG DER JUDEN IN DEN NIEDERLANDEN Von Dr. Theodor Metz.*) Die Zeiten, in denen die holländischen Juden dem Wirtschaftsleben der Niederlande einen unverkennbaren Stempel aufdrückten, sind vorbei. Mit j dem tragischen Untergang Lodewijk Pincoffs, des Propheten und Grundsteinlegers von Rotterdams Größte, ist der letzte ganz große Jude des holländischen Wirtschaftslebens dahingegangen. J Noch immer aber findet man im privaten Erj werbsieben im Einzelfalle hervorragende Köpfe j unter den jüdischen Fabrikanten und Kaufleuten; Hollands, wenn sie auch keinen Einfluß mehr auf die Struktur des holländischen Erwerbslebens haben, j Allen voran steht heute-die Weltfirma van den j Bergh, deren Margarinefabriken in den verschiej densten Ländern, speziell Holland, Deutschland und England, den größten Speisefettkonzern in Europa j darstellen. Die van den Berghs gehören noch mit zu den ganz Großen; sie sind aber weitgehend internationalisiert und wurzeln stark in England und Deutschland. Eine führende Rolle spielen auch die Gebrüder Philips mit ihrer Glühlampenfabrik! in Eindhoven. Die Philips haben Holland von der Einfuhr fremder Glühlampen unabhängig ge- > macht und führen ihre Birnen sogar stark nach allen Weltgegenden aus. Einflußreich sind jüdische Unternehmer allenfalls noch im Diamantenschleifgewerbe, in der Konfektion und als Warenj hausbesitzer. Sie spielen daher in den Niederlanden j nach deutschen Begriffen nur eine mindere Rolle. | Das Bankgewerbe ist weniger von Juden be- ' herrscht als anderswo. Jüdische Banken findet man gehäuft nur in Amsterdam an der Effekteni börse. Der Provinzbankier, der in Holland eine auffallend große Rolle spielt, ist durchweg nicht- | jüdisch. Die noch vorhandenen jüdischen Bankhäuser sind feudalisiert,' sie stellen alte renommierte | Firmen dar, die nicht mehr auf große Ausdehnung rechnen und nur von altem Ruhm und dem Ruf *)*D er Verfasser hat in seiner Tätigkeit als Syndikus der deutsch-niederländischen Handelskammer genaue Einblicke in das holländische Wirtschaftsleben gewonnen.! (Die Red.)