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Volk und Land · 1919-02-06 · Heft 6 (6.2.1919) · p. Seite 175-176

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 6 (6.2.1919)
Date
1919-02-06
Page
Seite 175-176 (sequence 8)
Language
German
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175 genheit, die der Neuaufbau des Landes bietet, Hunderttausenden lohnende Beschäftigunggeben kann. Es wird an uns sein, solche Arbeitsbedingungen zu finden, bei denen die nationalen und persönlichen Interessen in einer alle Teile befriedigenden Weise berücksichtigt werden. Bei den öffentlichen Arbeiten gilt es, von vornherein einem Mißverständnis vorzubeugen. Es soll sich dabei nicht um eine Art Notstandsarbeit handeln, bei der es darauf ankommt, möglichst vielen unbeschäftigten Leuten Arbeit zu bieten, ohne daß der reelle Wert der Arbeit den Aufwendungen gleichzukommen braucht. Unser Fall ist ein ganz anderer: Zwar haben wir bei einer Massenansiedlung vorwiegend ungelernter Elemente eine Unmenge von Leuten zu beschäftigen; aber noch viel größer ist der Arbeitsbedarf des Aufbaus! Aus diesem Grunde brauchen wir auch nicht darauf zu sinnen, wie wir bei wenig Arbeit möglichst vielen Leuten Verdienst schaffen können — ein Gesichtspunkt, der die Verwendung arbeitssparender Maschinen in einer höchst unökonomischen Weise ausschälten würde, sondern wir müssen mit der besten Maschinerie rechnen, um unser riesiges Arbeitsquantum in der wirtschaftlichsten Weise bewältigen zu können. Was wir vor allen Dingen nötig1 -haben, ist also Klarheit über den gebotenen, -dien möglichen und den wünschenswerten Umfang unseres Gesamtwerkes, weil nur auf dieser Grundlage der „wirtschaftliche Generalstab“ errichtet werden kann, den wir brauchen. Wir haben ferner ein beson de res Forum nötig, das der Erörterung aller einschlägigen Fragen dient. Die bisherigen Informationsquellen über Palästina sind auf den neuesten Stand zu bringen; die für ein früheres (meist ganz anders aufgefaßtes) Kolonisationsproblem geäußerten Ansichten und Unterlagen sind zu revidieren usw. usw. Wir müssen uns aber auch darüber klar sein, daß alle frühere Literatur zu diesen Fragen bei weitem nicht speziell genug gewesen ist. Es ist eine neue Literatur zu schaffen, die sich1 mit dem Aufbau Palästinas durch die jüdische Einwanderung befaßt und in der alle Einzelfragen ihre sachkundigen Bearbeiter finden. *) Es liegt keine Ersparnis darin, die Dinge in Angriff zu nehmen, bevor sie gründlich geklärt sind, und wenn auch der Beginn unserer Arbeit nicht etwa bis zum Ende der Diskussion warten kann, und wenn auch vieles selbst auf die Gefahr von Mißgriffen hin ohne Zögern in Angriff genommen werden muß, so müssen wir doch danach' trachten, Arbeit und Vorbereitung in ein vernünftiges, den Erfordernissen unseres Werkes entsprechendes: Verhältnis zu setzen. Schließlich sei hier noch der geeignetsten Formen privater Ansiedlungstätigkeit gedacht. Diese stellen wir uns nicht als isolierte Unternehmungen von Einzelpersonen vor, denn für die rein individuelle Ansiedlung selbst auf dem Lande ist der Jude nicht geschaffen, und für die städtische Ansiedlung kommt sie gewiß nicht in Frage. Wir werden aber hoffentlich den Gegensatz zwischen *) S. a. den ,.Plan einer Schriftensammhing“ von Alexander Levy in diesem Hefte. 176 | Stadt und Land nicht auf unser neues Palästina übertragen. Was wir brauchen, ist die Vereinigung der Vorzüge städtischer und ländlicher Existenz. Diese haben wir am besten in der Form , der Gartenstadt oder des Industriedor- | fes, nämlich derjenigen Vereinigung städtischer : und ländlicher Berufe, wie sie in den wenigen echten Gartenstädten (nicht zu verwechseln mifl den Pseudogartenstädten vorstädtischer und großstädtischer Spekulanten) bisher zum Ausdruck gekomj men ist. | Für die jüdische Gartenstadt in Palästina komj men besondere Forderungen in Betracht, und?war | heute in wesentlich ausgeprägterer Form alsI früher. : Ich habe bereits vor langer Zeit *) auf diese Ansiedj lungsform als die für jüdische Erfordernisse geeigi netste hingewiesen, und es hat mir /dabei von vorn- I herein die Großkolonie mit kleinen Einzelbesitzj tümern vorgeschwebt. Heute, wo wir auf Grund I der Oeffnung Palästinas für das jüdische Volk eine Massen Wanderung zu gewärtigen haben, müssen wir von vornherein aus dem geringen Umfang des Landes und der großen Zahl der Reflektanten die entsprechenden Schlüsse ziehen. Wir sollten dahin streben — auch! unter gebührender Berücksichtigung sozialer Tendenzen —, den „gleichen Landbesitz für Alle“ zu einer programmatischen Forderung zu machen. * Ein Hektar pro Familie wird ungefähr das richtige sein. Um die Bevölkerung einer Gartenstadt mit Gemüse und Obst sowie mit Produkten der Geflügel- und Kleintierzucht zu versehen genügt schon ein Zehntel der gedachten Fläche (nach den neuesten Erfahrungen sogar weniger als ein Zwanzigstel), **) die übrigen 9/io können für Baumpflanzungen dienen, deren Produkte für den Verkauf verfügbar wären, und bei vollem Ertrage für den ganzen Unterhalt einer Familie ausreichen. Diese Landstücke erfordern nicht allzuviel Arbeit. Sie brauchen in dem oben bezeichneten Rahmen noch nicht ein Sechstel einer üblichen und wünschenswerten Arbeitszeit des Eigentümers in Anspruch zu nehmen und werden in den meisten Fällen hauptsächlich von den Angehörigen bewältigt werden. Der Hauptteil der Zeit Und der Arbeitskraft steht für andere Zwecke zur Verfügung. Hier sertzen die handwerklichen und industriellen Berufe sowie sonstige städtische Beschäftigungen ein. Aus ihnen werden die Bewohner! ihr Haupfeinkommen ziehen können, wobei es klar ist, daß diese doppelte Einnahmequelle eben einen Wohlstand bedeutet, wie er in zahlreichen Distrikten, in denen landwirtschaftliche und industrielle Betätigungen Zusammentreffen, zu den Tatsachen gehört — selbst in denjenigen Fällen, in denen Resultat und Entlohnung sowohl der Landwirtschaft wie der Industrie einzeln betrachtet ziemlich ärmlich scheinen! Wir werden in unseren ..Industriedörfern“ darauf zu achten Haben, daß die außerlandwirtschaftlichen Arbeitsgelegenheiten möglichst zahlreich und recht vielfältiger Natur sind, damit nicht etwa der Typus von Gartenstadt entsteht, bei dem die Ge- *) S. u. a. den Aufsatz .Jüdische Gartenstadfkolorfisation“ in „Altneuland“, 1900. ••) S. „Volk und Laind“, S. 59/60, Besprechung von | Leberecht M i g g „Jedermann Selbstversorger.“ VOLK UND LAND

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