Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1919)
- Date
- 1919-02-06
- Page
- Seite 169-170 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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169 VOLK und LAND 170 stolzes Gefühl geweckt und eine gemeinnützige Gesinnung. Aber trotz meiner scharf ablehnenden Stellung zu jeder Luxusproduktion, die doch nur für eine kleine Schicht von Menschen berechnet ist, die ihrerseits meist nichts für die Gemeinschaft produziert, muß ich doch die große erzieherische Bedeutung der Spitzenschulen anerkennen und einsehen, daß ihre Einrichtung für den Anfang vielleicht der einzig mögliche Weg war. Es war wahrscheinlich für die Städterinnen, die in dem heißen Klima an das Haushocken gewöhnt sind, besonders leicht, gerade für diese ruhige Arbeit, die keine starken, anstrengenden Bewegungen erfordert, sich zu entschließen. Auch hat diese Industrie fraglos die leichte Absatzfähigkeit im Auslande und die geringen Materialkosten für sich. Die Mädchen wurden in der Tat an Ordnung und Sauberkeit gewöhnt und lernten die Arbeit, die ihnen bald einen Verdienst von 20—40 Mark monatlich gewährte, schätzen. Sie übten sogar einen gewissen Einfluß im Sinne der Sauberkeit auf das Elternhaus aus, und da der Verdienst der kleinen Mädchen oft zur Unterstützung der ganzen Familie diente, lernten aucli die Eltern und Geschwister die Arbeit achten. Wie groß der Einfluß der Spitzenschulen aber auch sein mag1 — es ist ja mit ein paar solcher Schulen nur wenig getan, es muß für die weitere Entwicklung der Spitzenindustrie j und besonders für die Schaffung neuer Er-! werbsqu eilen für Frauen und Mädchen energisch gesorgt werden. Um den mannigfachen Aufgaben, die der Frauenarbeit in Stadt und Land in Palästina harren, gerecht zu werden, müssen die Frauen Palästinas und des Auslandes sich zu einem großen Frauenbünde zusammenschließen. Der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina sucht diesen Zusammenschluß in die Wege zu leiten. Die Grundj linien und Prinzipien seiner Tätigkeit machen, es der | palästinensischen Frau, ebenso wie den ausländii sehen Jüdinnen zur Pflicht, sich ihm anzuschließen, j ihn tatkräftig zu unterstützen, damit eil seine Tätig- J keit mit der nötigen Großzügigkeit ausbreiten und | von wahrem Segen für das Land und für das j zu neuem Leben erwachende Volk werden kann. DIE ORGANISIERUNG DER WANDERUNG Von Dr. F. Noack. Wenn wir den Lichtheimschen Kolonisationsplan als Grundlage der Rückkehr annehmen, müssen wir zunächst das Baseler Programm ändern. Vom der Forderung, „Heimstätte für das jüdische Volk“ ist da nichts zu merken, und die viel berufene Ethik spielt zusammen mit dem begeistert gerühmten sozialen Geist eine lediglich dekorative Rolle. Sind wir denn ein Unternehmen zur wirtschaftlichen Erschließung Palästinas? Oder sind wir eine Bewegung zur Rettung und Erneuerung des jüdischen Volkes? Warum in aller Welt geht man denn dauernd vom Lande und seinen Erfordernissen aus, nach denen sich das jüdische Volk richten muß? Ist es nicht viel notwendiger, vom Volke und seinen Bedürfnissen und Notwendigkeiten auszugehen? (Ergibt sich dabei — was eigentlich schon geklärt sein müßte — daß Palästina den Bedürfnissen des jüdischen Volkes nicht genügt, dann haben wir nur die Konsequenz zu ziehen und unser Landprogramm entsprechend zu erweitern.) Da steht man nun im leeren Lande, untersucht den Boden und mißt ihn ab, stellt Kolonisationsprogramme auf, streitet sich über die Fassungskraft, die Besiedlungsform, und hebt zum Volke, das sich neugierig und verlangend am Zaune drängt, vor Ueberstürzung warnend, den Finger. Man verlangt von einem Volke, dem es an nichts so fehlt wie an Landwirten, eine lediglich landwirtschaftliche Einwanderung. Diese Einwanderung fördert man allerdings auf seltsame Art: man gründet Gesellschaften zur Ansiedlung von Kapitalisten, die es jedenfalls am nötigsten haben! Handel und Industrie will man möglichst ausschalten: deshalb überläßt man sie der privaten Initiative, d. h. dem ungehemmten Ausbeutertum. Man j theoretisiert sich die Gehirne wund «und Tichtet i sich nicht einmal nach den eigenen Theorien, j Man verfügt über das Volk, ohne es gefragt zu i haben. Wer will eigentlich nach Palästina gehen? Wie ist die Berufsverteilung der Wanderer beschaffen. Kein Mensch weiß das. Man geht von | der Berufsschichtung des ganzen jüdischen Volkes aus — was falsch ist, da gewisse Bevölkerungsteile bekanntlich seßhafter sind als andere. Wir müssen — wie Trietsch mit Recht verlangt, — uns durch Schaffung einer Majorität den politischen Reclitstitel erwerben. Aber wenn wir idiese selbst in zwei Jahren haben, dauert dies schon zu lange. Wir müssen sie in zwei Monaten haben, damit wir der Friedenskonferenz gegenüber unsere Wünsche legalisieren können. Wie das gedacht ist, soll das folgende ergeben: Man hat darauf hingewiesen, (Trietsch u. a;), daß Massenbewegungen — wie uns der Krieg gelehrt hat — durchaus möglich sind. Und das ist richtig, aber man muß dann auch wirklich' das Geheimnis solcher Massenbewegungen erlauscht haben, und das heißt „Organisierung“. Man wird niemals imstande sein, den Strom der Wanderung, sei es hemmend, sei es fördernd, zu beeinflussen, wenn man nicht jeden einzelnen Palästinawilligen in eine große Organisation einordnet, wenn man ihn nicht schon vorher zum Glied des Volkes macht. Und das ist doch eigentlich sehr einfach. Man erlasse einen allgemeinen Aufruf an alle, die bei nächster Möglichkeit oder später nach Palästina wollen. Man erkläre, daß) nur diejenigen, die sich damit in den allgemeinen Organisationsplan einordnen, Aussicht auf Existenzmöglichkeiten finden, daß denen, die auf eigene Faust hingehen, nicht die gleichen Sicherheiten und der gleiche