Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1919)
- Date
- 1919-02-06
- Page
- Seite 165-166 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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165 VOLK UND LAND 166 Sammlung von Erfahrungen im Konservieren und Aufbewahren von Lebensmitteln. Auch Erziehungsfragen werden in Betracht kommen. Die Frauen selbst werden zudem durch diese gemeinsame Arbeit sozial und politisch erzogen. Bisher beteiligten sich die palästinensischen Frauen herzlich wenig am dem sozialen Leben Palästinas. Das war aber dem Aussehen unserer Kolonien auch sehr anzumerken. Die meisten Kolonien Untergaliläas sahen z. B. ebenso wüst aus, wie das obenerwähnte Arbeiterheim. Das von der ICA gebaute Kolonistenhaus besteht ursprünglich aus 2 Zimmern. Beim Bau desselben wurde außer einem Schuppen für das Vieh, für keinen Nebenraum gesorgt. Im Laufe der Zeit haben manche Kolonisten 1 bis 2 Zimmer angebaut, ebenso eine Küche, aber sehr wenige haben an einen Keller gedacht, geschweige denn an eine Klosetteinrichtung. Wie unhygienisch, unästhetisch, unsauber und unordentlich das ist, kann sich jeder denken, und wie unmöglich es da sein muß, die Kinder gerade auf diesem Gebiete erzieherisch zu beeinflussen. Es ist klar, daß Frauen, die das gleichgültig ertragen, keinen Sinn für einen sauber gepflegten, mit ein paar Blumenrabatten geschmückten Gemüsegarten vor dem Hause haben, und daß sie Schmutz und Unordnung auch im Hause Iselbst übersehen. Ich s^he in diesen Uebelständen außer der mangelnden 'Ausbildung -der Frau, jauch die Wirkung der unkulturellen Umgebung und(des falschen Prinzips, die Bauten für? die ländliche Bevölkerung möglichst billig herzustellen, und sei es auch auf Kosten der Hygiene."’ Ja, man sucht diese Billigkeit stets grade auf Kosten all der unumgänglichen kleineren und größeren Einrichtungen zu erzielen, deren Fehlen das Sauberhalten des Hauses und seiner nächsten Umgebung, sowie das rationelle Wirtschaften und ein hygienisches Leben unmöglich macht. Es wurde in dieser Hinsicht immer stark gesündigt, sowohl beim Bau der Kolonisten- und Arbeiterfamilienhäuser wie auch der Arbeiterheime für die Unverheirateten. Die Arbeitsleistung det Frau und ihre Bedürfnisse wurden nie berücksichtigt. Ich wohnte kurze Zeit /in einem Arbeiterfamilienhause, das von einem Privatbesitzer in Rechowoth gebaut worden war. Das Häuschen bestand aus einem ziemlich geräumigen, hellen Zimmer. Es schien mir auf den ersten Blick für eine Arbeiterfamilie ganz nett zu sein. Ich zog ein und entdeckte jeden Tag neue Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten, die eine große /Mehrarbeit meinerseits erforderten und es mir fast unmöglich machten, mein Häuschen sauber und hygienisch zu erhalten. So war im Häuschen kein Wasser, trotzdem die Kolonie und sogar der Hof, wo das Häuschen stand, Wasserleitung hatten. Ich mußte mir jedes bißchen Wasser holen. Da es mühsam und zeitraubend war, fing ich an mit Wasser zu sparen. Um nicht zu oft hinauslaufen zu müssen, kaufte ich mir eine große „Djara“, ein arabisches Tongefäß. Das nahm mir aber etwas von dem kostspieligen Raum weg, und nicht immer war es mir möglich, hinter dem Tongefäß rein zu machen. Noch schlimmer war es mit dem schmutzigen Wasser. Es war kein Ausguß da, und ich mußte mit jedem bißchen schmutzigen Wassers weit laufen. was wiederum viel unnütze Mühe verursachte. Man kann sich ja die Sache bequemer machen, was viele Arbeiterfrauen auch tun, nämlich das schmutzige Wasser durch das Fenster oder vor die Tür schütten oder in einem Gefäß im Zimmer selbst aufsammeln. Es riecht aber schlecht und sieht im Häuschen und vor der Tür auch danach aus. Es war auch keine Küche da. Es mußte draußen bei offenem Feuer gekocht werden. Wie umständlich, mühsam und zeitraubend es oft bei Wind war, Feuer zu machen, wie ärgerlich, wenn durch den Wind Stroh, Staub und Schmutz ins Essen kam, wie russig die Töpfe'und dadurch auch die Hände wurden, wieviel überflüssigen Aerger und Mühe man bei all dem hatte, wird sich eine europäische Frau kaum vorstellen können. Durch ein paar Wandschränke für Kleider und Wäsche, Geschirr und die allernötigsten Eßwaren, hätte der Arbeiterfrau in dieser Wohnung viel Aerger und Arbeit erspart werden können. Auch etwas mehr Raum hätte sie gewonnen, wenn die aus Petroleumkisten aufgebauten Schränke hätten wegfallen können, aber auch daran hat sniemand rechtzeitig gedacht. Da alle Lebensmittel, die schmutzige Wäsche, die schmutzigen Arbeitskleider, alles, was die Arbeiterfrau besitzt, in demselben Zimmer aufbewahrt werden müssen, wo auch geschlafen und gegessen wird, ist es/ kein Wunder, wenn man nur mit großer Mühe die Fliegen und andere lästige Insekten femhalten kann. Es gelingt das auch nicht immer. Und trotz aller Mängel dieses Häuschens, ist eine Arbeiterfamilie glücklich, wenn sie ein solches hat. Natürlich sind nicht alle lArbeiterhäuser so gebaut. Die meisten haben eine Küche, aber nur eine Miniaturküche. Man merkt all diesen Bauten an, daß man beim Bau, wie schon gesagt, an die Frau und an deren Arbeit herzlich wenig gedacht hat. Es ergibt sich aus dem Obengesagten für uns die Aufgabe, durch den Zusammenschluß der Frauen, das Recht des .Mitsprechens und des Eingreifens beim Häuserbau zu erlangen. Wohl müssen wir Frauen uns vorher darüber klar sein, wie und was Alles beim Häuserbau berücksichtigt werden muß, um did Arbeit der Frau wesentlich zu erleichtern. Aber im Prinzip sind wir uns doch wohl schon jetzt einig, daß, wenn wir im Allgemeinen für möglichste Einfachheit in! Einrichtung, Kleidung usw. sein müssen, auf keinen Fall zugeben dürfen, daß bei der Einrichtung des Hauses an irgend etwas gespart wird, wodurch die Arbeit erleichtert und vermindert, die Erhaltung der Ordnung und der Sauberkeit gefördert werden kann. Die Arbeiterfrau oder die Kolonistenfrau, die für Haus, Garten und Hof sorgen soll, hat eine solche Menge Arbeit zu bewältigen, daß sogar unsere vorbereitete und entsprechend ausgebildete Frau nur schwer damit fertig werden kann. Da wir aber unsere arbeitenden Frauen nicht überbürden und sie nicht in ihrer Arbeit untergehen sehen wollen, da wir ihnen etwas Zeit für sich selbst, ihren Mann und die Kinder gönnen wollen, da wir sie auch noch außerhalb ihres Kreises mit der Arbeit für das Allgemeinwohl beschäftigt sehen möchten, müßte es die Pflicht der gebildeten