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Volk und Land · 1919-02-06 · Heft 6 (6.2.1919) · p. Seite 163-164

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 6 (6.2.1919)
Date
1919-02-06
Page
Seite 163-164 (sequence 2)
Language
German
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163 VOLK UND LAND 164 verstehen, diese Ersatzqualitäten zu erwecken, zu lenken und zu stärken. Wenn wir die unvorbereitete Frau in neue Verhältnisse versetzen, wenn wir sie mit harten Arbeiten, denen sie nicht gerecht werden kann, überbürden, wenn sie dann aus Unkenntnis zu keinem Erfolge kommt, werden Liebe und guter Wille, so groß sie anfänglich auch gewesen sein mögen, ertötet, und die Intelligenz versagt. Daraus erhellt die Notwendigkeit der richtigen Ausbildung unserer Frauen, und dazu muß folgendes geschehen: Der Haushaltungsunterricht muß als obligatorisches Fach für Mädchen in den Volks- und Mittelschulen eingeführt werden. In den Dotfschulen außerdem noch Gemüsebau und Geflügelzucht. Fortbildungsschulen und Kurse sind zu gründen, in denen Haushaltung, Hygiene der Frauen und Mädchen, Hygiene des Hauses, Säuglings- und Krankenpflege, Gemüsebau, Geflügelzucht und Milchwirtschaft gelehrt werden. In den höheren Klassen der Mittelschule müssen Hygiene der Mädchen und Frauen, Säuglings, und Krankenpflege als obligatorische Fläche einige führt werden. Zur Ausbildung der schon erwachsenen, sowohl eingeborenen wie ein wandernden Mädchen, müssen mehrere gut ausgerüstete Mädchenfarmen (ähnlich der vom „Verbände jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina“ in K i n e r e t h gegründeten Mädchenfarm) eingerichtet werden. Die Mädchen gewöhnen sich in solchen Farmen an ein einfaches, geordnetes Leben voll ernster Arbeit. Sie lernen nicht nur jede einzelne Arbeit im Hause, in der Küche, im Garten, im Kuhstalle und im Geflügelhofe selbst zu machen, sondern sie bekommen eine Uebersicht über die ganze kleine Wirtschaft, gewinnen Liebe und Verständnis für sie und werden zu selbständigen, verantwortungsbewußten, nützlichen und ernsten Menschen. Solche gut ausgebildete Frauen dienen nicht nur sich' selbst und ihren Familien, sondern sind überdies ein Beispiel für die anderen, denen sie auch mit Rat und Tat beistehen können. Wir haben in Palästina bereits die Erfahrung gemacht, daß' die haus- und landwirtschaftliche Kultur von den früheren Schülerinnen der obengenannten Mädchenfarm des Verbandes jüdischer Frauen, in verschiedene Wirtschaften! verpflanzt wurde. Die in Kinereth ausgebildeten Mädchen haben viele andere ungelernte in kleinen Frauengenossenschaften im Gemüsebau beschäftigen und ausbilden können. Die weit ausstrahlende kulturelle Wirkung solcher Anstalten und ihrer Zöglinge darf nicht übersehen werden, und wird kaum einem anderen Volke so von Nutzen sein, wie uns, die wir leider die kulturellen Einrichtungen des Alltaglebens zu gering einschätzen. Es mag ein Beispiel zur Illustration angeführt werden. Zur Linderung der Wohnungsnot unter den Arbeitern wurden in verschiedenen Kolonien Arbeiterhäuser gebaut. Nach Nawratzki — und das entspricht vollkommen der Wirklichkeit — sah z. B. das Haus in Petach-Tikwah folgendermaßen aus: Zehn Zimmer mit je drei Betten, ein geräumiger Saal, eine kleine Bibliothek. Der Bau kostete 27 000 Mark. Er machte einen guten, kulturellen Eindruck, war doch sogar eine kleine Bibliothek vorhanden! Nur wurden beim Bau ein paar kleine, wohl unwichtige Einrichtungen übersehen, vergessen. Für das Haus, wo 30 Arbeiter wohnen und wo noch 20 bis 40 außerhalb wohnende Arbeiter beköstigt werden sollten, war keine Klosetteinrichtung getroffen worden! Die natürlichen Bedürfnisse sollten rings ums Haus beliebig erledigt werden. Und dementsprechend sahen das Haus und seine Umgebung bald aus. Selbstverständlich bestand im Hause auch kein Wasch raum für die Arbeiter. Die Morgentoilette mußte an den Wasserhähnen vor dem Hause vorgenommen werden, die dadurch immer von kleinen Sümpfen umgeben waren. Ebensowenig wurde für einen Keller oder für eine passende Vorratskammer, für einen Backofen zum Brotbereiten, für eine Waschküche, \vo man die Wäsche der vielen Arbeiter hätte waschen können, gesorgt. Die Kücheneinrichtung war ebenfalls außerordentlich primitiv und zeigte keinerlei Fürsorge für diejenigen, die hier doch schwere- Arbeit zu verrichten hatten. Entsprechend der unrationellen Einrichtung dieses Hauses war auch das Wirtschaften der weiblichen Kräfte. Das waren eben kleinliche, alltägliche Dinge. Die Hauptsache war das stattliche Gebäude mit dem roten Ziegeldach, — im übrigen sah es eben „orientalisch“ aus. So lagen die Dinge drei Jahre lang, bis 1915 auf Wunsch des Palästina-Amtes, das durch das verwüstete Aussehen des Hauses auf das tiefste empört war, eine kleine Gruppe von früheren Schülerinnen der Mädchenfarm kam, um das Haus in Ordnung zu bringen und die Leitung zu übernehmen. Die erste Forderung dieser Mädchen war die sofortige Einrichtung einer Toilette, der Bau eines Backofens und die Anschaffung von Waschgeräten. Die anderen Forderungen mußten sie mit Rücksicht auf den Krieg zürückstellen, während dessen sieh eben nicht alles gutmachen ließ. Nachdem ihre Forderungen soweit erfüllt waren, übernahmen die Mädchen das Arbeiterhaus. Nach Verlauf von zwei Monaten war es nicht wiederzuerkennen: sauber, mit Blumentöpfen auf den Fenstern, das ganze Land vor und hinter dem Hause mit Gemüse bebaut. Jedes Stückchen Boden, jede kleinste Ecke bearbeitet, bepflanzt, nur ein Hauptweg und zwei kleine Nebenwege waren gut abgesteckt und freigelassen worden. Es war absolut unmöglich gemacht, die Umgebung zu verunreinigen, — nicht einmal ein Stückchen Papier wurde jetzt vor das Haus geworfen. Die Kost wurde erheblich besser und billiger, der Arbeiter bekam seine Wäsche sauber gew aschen und in Stand gehalten. Wie anders mußte jetzt das Arbeiterhaus und seine nächste Umgebung auf das ästhetische Empfinden, au,f das Sauberkeits- und Ordnungsgefühl der Arbeiter wirken! So etwas erzieht ohne vieleWorte. Es wirkt langsam aber sicher. — Für die verheirateten Kolonistinnen und ‘Arbeiterfrauen, die ihre Wirtschaft nicht verlassen können, müssen wir mit Hilfe von Wanderlehrerinnen für Haushaltung, Kochen, Konservieren und Einmachen, Gemüsebau, Geflügelzucht, Milchwirtschaft und Gesundheitslehre einrichten. Bei dieser Gelegenheit müssen wir die Frauen organisieren, zum Zwecke gemeinschaftlicher Fürsorge in Bezug auf Hygiene und Verschönerung ihrer Kolonie, Erlangung besserer Gemüsearten und Geflügelsorten,

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