Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1919)
- Date
- 1919-01-30
- Page
- Seite 155-156 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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155 VOLK UND LAND 156 sie in unserem Falle als allgemeine Forderung hervor tritt. Im übrigen ist sie eine Erscheinung, die in den Beziehungen des Individuums zum Leben sich dauernd vollzieht und auf die die Fähigkeiten der menschlichen Natur dauernd eingestellt sind. An diesen ewigen Zwang zur Umstellung, an dieses dauernde Bereitsein des Menschen hierzu ist gedacht, wenn von dem unaufhaltsamen Fortschritt auf alten Lebensgebieten die Rede ist. Etwas, was der einzelne Mensich wiederholt im Verlaufe seines Lebens und gewöhnlich mit Glück und Erfolg durchgeführt hat. Etwas, was nur die Müdigkeit jenes Alters nicht mehr zuwege bringt, das nicht die Kraft hat in die Forderungen der Gegenwart sich hineinzufinden. Diese Neueinstellung soll die Aufgabe großer Massen des jüdischen Volkes werden. Es liegt kein Grund vor, der den Zweifel daran berechtigt erscheinen lassen könnte, daß das jüdische Volk einer solchen Aufgabe gewachsen ist. Die Juden haben zu allen Zeiten die Fähigkeit der Neueinstellung und Anpassung bewiesen. Es wird ihnen nichts zugemutet, was sie nicht schon längst tausendmal in der Praxis ihres geschichtlichen Lebens durchgemacht haben. Hier sind Schwierigkeiten vorhanden, deren Größe nicht unterschätzt werden darf, die aber einer Siedelungsarbeit in größerem oder großem Maßstabe kaum im Wege stehen dürften. Anders jedoch ist es, wenn eine Umstellung notwendig wäre, die nicht mehr wie bisher an die von altersher erprobten Fähigkeiten des Volkes anknüpfte, die vom jüdischen Volke verlangte, zu verbrennen, was es bisher angebetet, und anzubeten, was es verbrannt hat; die die grundsätzliche Aufnahme von Berufen erforderlich machte, für die das Volk im Laufe der Diaspora keine Eignung bewiesen hat oder wenigstens kaum nennenswerte Gelegenheit hatte sie zu beweisen. — Man denkt an den landwirtschaftlichen Beruf. Die Juden gelten als nicht geeignet für diesen Beruf. Die Tatsache der augenblicklichen Volkssituation könnte hierfür sprechen. Wahr ist es, daß die Bedingungen, unter denen sie im Galuth ^lebten, die Juden dem Boden entfremdet haben; und es ist denkbar, daß eine viele Jahrhunderte lange Nichtausübung vorhandene Fähigkeitskeime hat verkümmern lassen. Nur neue ErfahnmgstatsaJchen könnten den Beweis für andersartige jüdische Eignung erbringen. Nun hat die Entwicklung der Landwirtschaft in den jüdischen Kolonien gezeigt, daß aus einem jüdischen Stadtmenschen ein Bauer werden kann. Sie hat aber auch zugleich gezeigt, daß diese Umwandlung sich nicht von heute auf morgen vollzieht. Wäre eine Umschichtung solcher Art in großem Maßstabe Grundbedingung für die kommende Siedelungsarbeit, so wäre eine Vorbereitungs- und Umschulungstätigkeit erforderlich, die aus dem Rahmen des Normalen aller Umschichtung wesentlich herausfiele und mit den Bedürfnissen einer sofort einsetzenden Besiedlung größeren Umfangs kaum in Einklang zu bringen wäre. Um so beachtlicher ist die Meinung jener Richtung, die, ohne die Bedeutung landwirtschaftlicher Siedlung für den Aufbau Palästinas zu verkennen, eine gewaltsame Umschichtung zum landwirtschaftlichen Beruf nicht als eine wesentliche Grundbedingung aller jüdischen Kolonisation ansieht. Jener Richtung, die auf dem letzten Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland stark zu Worte gekommen ist, die dem Problem der landwirtschaftlichen Kolonisation Palästinas gerecht werden will, ohne die Lösung des Problems der Verschmelzung des jüdischen Volkes mit dem jüdischen Lande auf anderer Grundlage zu versuchen als auf dem Grunde der sichtbaren Fähigkeiten des Volkes. Eine so gerichtete Auffassung des Problems wird nicht jener Frage den Haupt wert beim essen, wie aus einem jüdischen Händler oder Handwerker ein Landwirt zu machen ist, sondern sie wird fragen, welche Fähigkeiten und Kräfte ihm innewohnen, und wie sie am vorteilhaftesten zum Nutzen des Neulandes verwertet werden können. Und sie wird finden, daß diese Fähigkeiten und Kräfte wichtiger und wertvoller sind als jene durch die Zeitverhältnisse daraus resultierende enge Berufsqualität des Kleinhändlers; daß der Wert dieser Grundfähigkeiten und Kräfte bleibt, wenn der Wert des besonderen Berufskönnens infolge veränderter Umstände eine Mindenmg erfährt. Dieses besondere Berufskönnen des Individuums mag dem Neuland unzuttäglich und darum unverwertbar sein. Aber die dem Individuum innewohnenden Kräfte können es nicht sein. Sie drängen zum Leben und können in die verschiedensten Kanäle geleitet werden. Ist es so, daß der Aufbau Palästinas zwar eine gediegene, den Fähigkeiten des jüdischen Volkes angepaßte landwirtschaftliche Grundlage haben, aber keine einseitige landwirtschaftliche Ausprägung aufweisen soll daß vielmehr alle Wirtschaftszweige, die Industrie una auch der Handel, zu ihrem Rechte kommen sollen, dann wird es an schon jetzt tauglichem Menschen- | material nicht mangeln. Tauglich für die künftige Sied-! Iung sind dann alle, die geistig und körperlich kräftig i sind, gelernte und ungelernte Arbeiter, letztere zu Anj fang in besonders hohem Maße, wo es gilt, die vielfachen Vorbereitungsarbeiten zur Schaffung der Siedelungs- I bedingungen auszuführen. Eine Umschichtung wird sich vollziehen in normalen Bahnen auf der Grundlage des Vorhandenen, ohne daß es einer radikalen Umwandlung der wirtschaftlichen Veranlagung bedarf, die bereits ein Teil der Umwandlung der Volksstruktur im ganzen ist. Damit ist keineswegs deren Ueberflüssigkeit ausgesprochen. Sie bleibt vielmehr in ihrer vollen Bedeutung und Wichtigkeit bestehen. Verkörpert steh doch in dieser radikalen Umwandlung unser alle Neben tendenzen überragendes Hauptstreben — die endgültige Ueberwindung des Galuth. Nur ist diese Umwandlung nicht die Grundbedingung unserer Aufbauarbeit, sondern die Folge, die aus der Normalisierung des Volksdaseins herauswächst. Eh*. L. Weinberg. Zur Frage der Begründung eines jüdischen Berufsamtes schreibt Erwin Kohn in der „Jüdischen Zeitung“ in Wien: Die nahe bevorstehende Verwirklichung der Großbesiedlung Palästinas, die ungeheuerliche Zerstörung des ostjüdischen Wirtschaftslebens und die tiefgreifenden Veränderungen, denen die allgemeine und die jüdische Wirtschaft auf dem übrigen Kontinente unterliegt, schaffen Zustände größter Verwirrung und Beängstigung unter der Jugend. Vagsten Vermutungen, törichtesten Vorstellungen ist Tür und Tor geöffnet. Dabei herrscht nicht mindere Ratlosigkeit bei den für die Berufswahl bisher maßgebenden Personen, wie Eltern, Verwandten. Lehrern. In einer solchen Zeit ist es Pflicht, in voller Erkenntnis der beinahe unüberbrückbaren Schwierigkeiten, die sich einer auf das ganze gerichteten Tätigkeit entgegenstelien und trotz des Umstandes, daß Berufsberatung selbst bei den Völkern mit fortgeschrittenster Kultur und Wirtschaft noch in unsicheren Anfängen stehen, den Versuch einer einheitlkheni Abhilfe in Form eines jüdischen Berufsamtes, das Berufsforschung, Berufsberatung und Berufsvermittlung umfaßt, zu machen. In diesem Amte, das in gleicher Weise die Erfordernisse des Wirtschaftslebens im Galiuth und: im Palästina überblicken muß, soll jeder Jugendliche Rat, Auskunft und Unterstützung in allen Fragen der Berufswahl erhalten. Hier soll ihm Aufschluß über seine beruflichen Fähigkeiten erteilt werden, hier soll er erfahren, wo und in welcher Weise er die Befähigung zu seiner Entfaltung erlangt. Durah engste Beziehungen zu der jüdischen Aiibeitgeberschaft im Galiuth und in Palästina muß ferner dafür gesorgt werden, daß der einmal AuisgebiLdete die entsprechende Betätigung erhalte. Bei der Durchführung dieser Arbeiten werden sich naturgemäß Forderungen an das .jüdische Schulwerk, an die jüdische soziale Fürsojge, alle für die jüdische Wirtschaft maßgebenden Organisationen ergeben, die, weil von einer geschlossenen Masse von Jugendlichen erhoben und mit ausreichenden Tatsachen materiell unterstützt, Gehör finden müssen und werden. Aber über diese Beratung der im entscheidungsfähigen Alter stehenden Jugend hinaus erwächst einem solchen Amte die Notwendigkeit, die planmäßige Berufsumsdiichtung des jüdischen Volkes von Grund auf, von der frühesten Kindheit angefangen, in Angriff zu nehmen. Hier haben Eltern, Lehrerberatung und Gemeindegese tzg ebung einzusetzen. Hier wird auch die Begabtenattsksc durch berufspsychologische Beobachtung vom Besinn der Schule an eingeleitet. Hier wird der Grundstein gelegt zu einem gesunden Aufbau der jüdischen Wirtschaft.