Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1919)
- Date
- 1919-01-30
- Page
- Seite 153-154 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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153 VOLK UND LAND 154 Interesse des Verkehrs eine gewisse Leichtigkeit und Bequemlichkeit am Platze gewesen wäre. So «forderten manche Dinge eine Unsumme von Zeit und Geld, die durch ein einfaches Telephongespräch gut und glatt hätten erledigt werden können. Auffallend ist das Damiederliegen des Fischereigewerbes in einem Lande, .das von der Natur zur Ausübung dieses Bemfes wie geschaffen ist. Die langgestreckte Meeresküste, die Flußläufe, der Kinerethsee laden förmlich zum Fischfang ein. Es ist nicht verwunderlich, daß nach dem Zeugnis der Geschichte der Fischereiberuf ehemals im Lande geblüht hat. Der hemmende Einfluß der türkischen Behörden hat alle Versuche und Ansätze zum Scheitern verurteilt. Als vor einigen Jahren eine Gruppe jüdischer Proselyten, die Fischer vom Fach waren und hervorragende Fischnetze aus ihren russischen Dörfern mitgebracht hatten, um die Erlaubnis baten, im» Mittelmeer Fische fangen zu dürfen, wurde ihnen ihr Gesuch ohne Begründung abgelehnt. Jetzt kommt die Nachricht, daß zum erstenmal den Juden Jaffas gestattet worden ist, eine große Fischerei im Mittelländischen Meere einzurichten. Damit ist ein neuer jüdischer Wirtschaftszweig im Lande ins Leben gerufen, dem Fachleute eine erfolgreiche Zukunft Voraussagen. Die letzten Nachrichten aus Palästina lassen erkennen, daß man wie bisher die yemenitisdien Juden als ein wichtiges Bevölkerungselement für den Aufbau Palästinas einschätzt. In der Erkenntnis des Wertes dieser Juden für das Land ist im Verlauf der letzten Jahre mancherlei geschehen, ihre Lage in kultureller und sozialer Beziehung zu bessern. Die Erfolge sind nicht ausgeblieben. Die Versuche die yemenitisdien Juden der Landwirtschaft zuzufünren, dürfen, wie berichtet wird, als ge lungen bezeichnet werden. Die Yemeniten haben es auch verstanden, sich in gewissen Zweigen der Landwirtschaft zu spezialisieren, so z. B. in der Honigproduktion. Als Beispiel hierfür wird auf die yemenitische Kolonie in Nachliel hingewiesen. Im Jahre 1915 gab es in der Kolonie 10 Bienenstöcke, die yemenitisdien Juden gehörten; 1916 war ihre Zahl 94, und im Jahre 1918 war sie auf 350 gestiegen. Aus diesen Zahlen dürfte ersichtlich sein welche unausgenützten Möglichkeiten hier noch gegeben sind. Das Palästina-Amt ist gegenwärtig damit beschäftigt, ein Projekt auszuarbeiten, das die Hingabe größerer Darlehen an yemenitische Juden für landwirtschaftliche Arbeiten ermöglicht. Organisationen im Lande Palästina steht augenblicklich unter dem Zeichen der Vorbereitung zur konstituierenden Versammlung der palästinensischen Judenheit. Die WahÜbewegung, die das ganze Land lebhaft beschäftigt, hat alle Parteien auf den Plan gerufen. Orthodoxe und Sozialisten sind eifrig bemüht, sich eine stattliche VertreterzaM für die konstituierende Versammlung zu sichern. Ein neuer Bürgerverband „H aesrach" ist entstanden und entwickelt unter der Leitung der Herren Diesengoff und Benzion eine lebhafte Tätigkeit. Dieser neue Verband hat bei den jüdischen Kolonisten eine gute Aufnahme gefunden, während die Kreise des HapoSl-Haza'ir, die in der Neugründung ein Zeichen zelotisdier Reaktion erblicken, ihn stark bekämpfen. — Organisation und Fortschritt regt sich auf vielen Gebieten. So wird von der Gründung eines Verbandes der Ingenieure berichtet. Als Aufgaben des Verbandes bezeichnet die Satzung: 1. die Entwicklung der Arbeit und Industrie in Palästina; 2. Informationen über praktische Versuche und wissenschaftliche Forschungen, die im Lande bereits unternommen wurden und jetzt fortgesetzt werden sollen; 3. Herbeiführung eines ständigen Kontakts mit den Ingenieuren im Auslande zwecks Einführung und Vergrößerung von Modellen. Die Tatsache der Konsolidierung des jüdischen öffentlichen Lebens wird am bemerkenswertesten durch die Tatsache der Gründung und Organisierung einer Wachmannschaft illustriert. Schon im August 1918 bildete sich eine Gruppe der jüdischen Wächter in Jerusalem und Jaffa. Der zionistischen Palästmakommission ist es rasch gelungen die Beziehungen zwischen dem Vereine der jüdischen Wachmannschaften und den englischen Militärbehörden herzustellen. Die Militärbehörden erließen bald darauf eine Erklärung, daß sie nur solche Gendarmen anstellten, die vom Verein jüdischer Wachleute und der Palästina kommission empfohlen werden. In der letzten Zeit hat sich die Zahl der jüdischen Wachleute stark vergrößert und ihre Tätigkeit sich über Judäa, Samaria und Galiläa erstreckt, ln ihren Zirkularen von Mitte November an die jüdischen Kolonien erklären die jüdischen Wachleute: „Unsere Aufgabe ist, dem neuen Palästina das erwünschte Element für die Bewachung des Landes zu verschaffen — Menschen, die auf der Höhe ihres nationalen Verantwortlichkeitsgefühls stehen und sich darüber klar sind, welche Aufjgaben sie zu erfüllen haben. Unser Verein steht unter der Kontrolle der Palästinakommission und des provisorischen Rates, wir fordern die jüdischen Kolonien auf, Gendarmerievorstände zu wählen, die gemeinsam mit uns das Werk fortführen sollen.“ SOZIALES Umschichtung Darüber sind wir uns Idar, daß die künftige Ein Wanderung nach Palästina ein gewaltiges Problem der Umstellung und Neueinstei hing menschlicher Betätigung ist. Jeder sieht sich dieser Notwendigkeit gegenüber gestellt, der aus seinem altgewohnten und darum Beb gewordenen Lebenskreisen sich loslöst und sidi mit den andersartigen Verhältnissen eines Landes verwurzeln will, das in jeder Beziehung Jür 3m ein Neuland ist. Hier ergeben sich Schwierigkeiten und Hemmungen, die in der Natur der Sache liegen, und die auch für denjenigen bestehen, der m der Lage ist, sein altes Tätigkeitsgebiet in neue Fernen zu tragen. Mag et nun Kauf mann sein oder Landwirt, mag er als Arzt hinüber gehn oder als Handwerker oder Arbeiter, mehr oder weniger muß er sich mit dem abfinden, was der Zwang der neuen Umgebung ihm an Forderungen entgegen stellt, denen auf keine Weise ausgewichen weiden kann. Dabei ist nicht etwa nur an die Schwierigkeiten gedacht, die die Einfügung in ein neues Sprachlind Kulturmilieu mit sich bringt. Es dürfte wohl kein Berufsgebiet geben, das gleichsam wie ein Baum aus der Baumschule, mit allen Wurzeln und Fasern in neues Erdreich hmübergepflanzt werden könnte. Der Kaufmann ist in Formen und Auffassungen des Handels und des Gewerbes aufgewachsen, die neuen landesüblichen weichen müssen, und die ihm auf Schritt und Tritt, hinderlich sind. Audi was den Gegenstand seiner beruflichen Tätigkeit betrifft, ist ein Umstehen und Umlemen erforderlich, das an Spannkraft und Anpassungsfähigkeit gewaltige Ansprüche stellt. Der in nördlichen Klimaten geschulte Landwirt würde, mir gestützt auf seine noch so gründlichen Kenntnisse und Erfahrungen, den Tücken der neuen Ackerscholle und der südlichen Sonne wehrlos ausgeliefert sein. Und der Arzt kann nur dann zum1 Vorteil der Bevölkerung praktizieren wenn er die Gesundheitsverhältnisse der neuen Bevölkerung und die sanitären Möglichkeiten des Landes als Erfahrungstatsachen sich zu eigen gemacht hat. Hier handelt es sich um eine Umstellung, die zwar schon in der Zeit vor der Auswanderung vorbereitet weiden kann, deren schwierigstes Werk aber erst an Ort und Stelle zu leisten ist. Die Praxis ist hier die vorzüglichste Lehrmeisterin. Nur als ihre bescheidene Helferin kommt die Theorie in Betracht, die überall in der Welt ihr Heim* aufsfchlagen kann. Der englische Kaufmann sdiidkt seinen Sohn nach Indien und Aegypten und überall dorthin, wo er sich unmittelbar mit den Erfordernissen seines künftigen Berufes vertraut machen kann. Die erforderiSchen Kenntnisse für Palästina wird man sidi auch kaum anders als in der Praxis an Ort und Stelle verschaffen können. Alle Vorschläge, die einen von dieser Regel abweichenden Weg gehen, sind Verlegenheitsprodukte aus der Not der Verhältnisse geboren. Und ihr unvollkommener Charakter weist im allgemeinen deutlich genug auf den richtigen Weg. So wenn z. B. bei der landwirtschaftlichen Berufsvorbereitimg für Palästina darauf hingewiesen wird, daß dies außerhalb des Landes am vorteilhaftesten dort zu geschehen habe, wo ähnliche Landesverhältnisse wie in’ Palästina herrschen, also etwa in Süditalien, Sizilien oder Kalifornien. Diese Art Umstellung, wie sie bisher hier angedeutet ist, ist nur insofern etwas Ungewöhnliches," als