Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1919)
- Date
- 1919-01-30
- Page
- Seite 135-136 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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135 VOLK UND LAND 135 vermögenslosen städtischen Arbeiters eingeht, gibt es andere Oruppen von Zionisten, die jeden „Kapitalismus“, jeden „Kapitalisten“ — das ist nicht etwa dasselbe —, jede Privatinitiative in Palästina beseitigen wollen, für ein sozialistisches Staatswesen eintreten und das Recht des Staates auf den Besitz sämtlicher Produktionsmittel proklamieren. Zunächst ist rein tatsächlich zu bemerken, daß Palästina ein Land werden wird, dessen Bevölkerung zum wesentlichsten Teil aus Ostjuden besteht und daß die Masse der ostjüdischen Bevölkerung durchaus sozialistisch gesinnt ist. Mit diesem Tatbestand muß gerechnet werden, und es wäre außerordentlich erwünscht, wenn in den privatkapitalistischen Unternehmerkreisen, die sich zur Uebersiedlung nach Palästina entschließen, dieser äußerst starke sozialistische Zug in der ostjüdischen Bevölkerung berücksichtigt würde. Aber auch die Sozialisten dieser Richtung wollen folgendes bedenken: Sie begehen eine Verwechslung, vielleicht in gewissem Sinne zusammengehörender, aber nicht identischer Dinge. Sie identifizieren Sozialismus mit Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Vergesellschaftung der Produktionsmittel ist der Sozialismus nicht einmal bei Marx» sondern Vergesellschaftung der Produktionsmittel ist auch bei Marx nicht mehr als ein Mittel zur Durchsetzung des Sozialismus. Sozialismus Ist nichts anderes als Beseitigung des Mehrwerts, und es wird gerade Aufgabe — eine ebenso verantwortungsreiche wie schwere und dankbare — unserer Sozialisten sein, eine sozialistische, d. h. eine mehrwertfreie Gesellschaft aufzubauen, in der der Unternehmer nichts anderes als den Lohn für seine qualifizierte Arbeit und evtl, die Risikoprämie erhält, dagegen die Vergesellschaftung nur in gewissen Betrieben durchgeführt wird, und daß der Privatbetrieb und damit die Privatinitiative erhalten bleibt. Die zionistischen Sozialisten könnten von den Verhandlungen der deutschen Sozialisierungskommission in diesem Punkte außerordentlich viel lernen. Ich kann hier natürlich nicht im einzelnen auf das Problem eingellen, will nur dies bemerken, daß das Obereigentum des jüdischen Volkes am Grund und Boden uns einer mehrwertfreien Gesellschaft zum mindesten außerordentlich nahe bringen wird. Aber dies sei diesen Sozialisten gegenüber betont: Schaffet die Form einer m ehrwert freien Gesellschaft, die Raum für die Privatinitiative hat, aber schädigt nicht unser Werk durch einen „Auslesen- Prozeß, unser Werk, das auch Euch Erfüllung verheißt. DIE WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG PALAESTINAS. Von Professor Daß die Grundlage der palästinensischein Wirt-. Schaft in der Bebauung des Landes zu liegen hat, ist jetzt eine wohl allgemein anerkannte Wahrheit. Eine Verschiedenheit der Ansichten besteht nur in der Schätzung derj Aufnahmefähigkeit des A an des und den zu empfehlenden Wirtschaftsformen. Auch die Frage der Verstaatlichung ‘von Grund' und Boden wird jetzt lebhaft diskutiert. In einer so sozialistisch angehauchten Zeit wie 'der jetzigen gilt freilich fast als Ketzer derjenige, der sich nicht voll und ganz der Bodenreform verschreibt. Aber dennoch heißt es auch hier, kühles Blut zu behalten und die Frage nicht durch irgend welche Theorien voreingenommen, sondern in nüchterner Weise sachlich zu behandeln. Die Befürworter der Verstaatlichung des Bodens glauben, ihn dadurch einer wüsten Bodenspekulation entziehen zu können; sie vergaßen aber, daß jede Bodenspekulation in den Reinerträgen ihre natürlichen Grenzen findet. Wohl mag aus nichtwirtschaftlichen Gründen, wie Freude am Bodenbesitz, Heimatsliebe oder sozialer > Hochschätzung des Schollenbesitzers der Kaufwert des Bodens höher steigen, als eine auf den Ertrag aufgebaute streng wirtschaftliche Kalkulation erlauben würde, aber diese Höherbewertung hat doch ihre ziemlich eng gezogenen Grenzen. Andererseits ist kaum anzunehmen, daß die Reinerträge der Bewirtschaftung schnell oder gar sprunghaft steigen werden, da die Vermehrung der Erträge eine langwierige und schwere Arbeit erfordert und gleichzeitig auch die hierfür nötigen Ausgaben eine Tendenz zum Steigen entwickeln. Anders ist natürlich die Sachlage bei Baugründen nahe aufstrebender Städte; dort sind zweifellos schnelle Steigerungen der Bodenpreise zu erwarten; aber auch hier ist eine Verstaatlichung nicht nötig, man kann durch Wegbesteuern des größten Teiles des Spekulationsgewin- O. Warburg. nes soziale Ungerechtigkeiten beseitigen und hat dadurch gleichzeitig den Vorteil, auch dem Staat bedeutende Mittel zuzuführen. Ebensowenig ist aber auch die Befürchtung begründet, daß die Besiedlung Palästinas stark darunter leiden würde, daß man den Boden nur in Erbpacht gibt. Bei dem ^chon jetzt deutlich in Erscheinung tretenden großen Zudrang nach Palästina und den leider nur in beschränkten Mengen vorhandenen, bzw. für den Staat sofort käuflich erreichbaren Ländereien ist es so gut wie sicher, daß in kürzester Zeit alles, was der Staat in Erbpacht geben will, auch seine Liebhaber gefunden naben wird, wenn es an Privatleute verkauft wird. Zwecks Sicherung einer geordneten Besiedlung ist es zwar natürlich am einfachsten, wenn der Staat das alleinige Verfügungsrecht über . die aufzuteilenden Ländereien erhält. Er kann dann nach großzügigen Plänen das Land parzellieren und je nach den Bedürfnissen der Gemeinschaft kleinere Stücke den Einzelbebauern, besonders den ‘Pflanzern, in Erbpacht, größere Landkomplexe dagegen den Ackerbaugenossenschaften zu mehr oder weniger langer Pacht zur Bearbeitung überweisen. Aber auch ohne das Land selbst in Besitz zu nehmen, ließe sich durch Gesetze verhindern, daß einzelne Privatpersonen mehr Land erwerben, als sie zu bebauen vermögen bzw. als im Interesse der Gemeinschaft liegt. Die Bildung von Latifundien muß im Interesse einer dichten Besiedlung des kleinen Landes unter allen Umständen verhindert werden, das gelingt aber auch lohne allgemeine Boden Verstaatlichung leicht durch entsprechende Gesetze. Weit wichtiger als die Frage, wer der Besitzer des Landes sein soll, ist es, mit aller Macht die größtmögliche wirtschaftliche Nutzung des Landes zu erzwingen. Bisher ist noch der größte Teil des Landes nur extensiv bebaut. Bei der Kleinheit des-