Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1919)
- Date
- 1919-01-30
- Page
- Seite 133-134 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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133 VOLK UND LAND 134 den besitzlosen Handwerkern. Sollen wir ihre Einwanderung nach Palästina auf alle Weise zu hindern suchen? Sollen wir ihnen beispielsweise die Vorteile einer registrierten Auswanderung vorenthalten? Ich kann nicht glauben, daß dies Ruppins Ansicht ist. Allerdings findet sich an keiner Stelle seines Aufsatzes ein Wort über diese besitzlosen städtischen Arbeiter. Nach Ruppin hat die Einwanderung dann die wünschenswerte Zusammensetzung, „wenn mindestens 50 o/o der Einwanderer der Landwirtschaft, mindestens 30 o/0 dem Handwerk! und der Industrie, höchstens 10 o/0 dem Handel und höchstens 10 °/o den freien Berufen und den Rentiers angehören“. Wir glauben, daß bei diesen Zahlen das landwirtschaftliche Element viel zu stark vertreten ist, und es scheint, als ob unsere Ansicht von einem der besten Kenner der wirtschaftlichen Verhältnisse Palästinas geteilt wird — von Dr. Ruppin. Ruppin meint mit vollem Recht, daß von einer rein landwirtschaftlichen Bevölkerung eine ebenso starke städtische existieren könnte. Zur Erläuterung sei bemerkt, daß von der Kolonienbevölkerung in Höhe von 12 000 Seelen, 7500 von der Landwirtschaft lebten, während ca. 4500 andere Berufe hatten und 3000 durch die Kolonien ihre wirtschaftliche Existenz fanden. Ruppin nimmt Weiterhin in anderem Zusammenhänge an, daß wir in den nächsten 30 Jahren mit einer städtischen Einwanderung von ca. 600 000 Menschen rechnen müssen (uns scheint diese Zahl sogar zu niedrig gegriffen). Das würde einer rein städtischen Einwanderungszahl im Durchschnitt von ca. 20000 Menschen pro Jahr entsprechen; nach“ Ruppin selbst stehen also einer Einwanderung von 7000 landwirtschaftlichen Seelen 7000' von Ihr abhängige Köpfe gegenüber, also 7000 bei einer Gesamteinwänderung von 24000. Das landwirtschaftlich-tätige Element würde also nach Ruppin selbst snür ca. 20 o/0 betragen. Mit dieser Zahl, die Wir aus Ruppins eigenen Angaben erschlossen haben, nähert er sich Ziffern Oettingers. In einer Besprechung von Ballods Artikel in der „Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung“ schreibt Oettinger im „Juden“: „Mit der Annahme 25 o/0 (landwirtschaftlich Tätigen) für das jüdische Volk, von welchem in Rußland gegenwärtig 31/2—4 0/0 der dortigen jüdischen Bevölkerung in landwirtschaftlichen Berufsarten eine Erwerbsquelle finden, und von welchem in Palästina vor dem Kriege etwa 12o/0 der jüdischen Einwohnerschaft von der Landwirtschaft sich ernährten, stellen wir wohl ein Verhältnis auf, welches vom Standpunkte einer erwünschten normalen Umschichtung der Berufe volle Befriedigung uns zu verleihen imstande sein wird.“ Wir glauben, daß auch die Zahl von 25 0/0 von landwirtschaftlich tätigen Juden innerhalb der Gesamteinwanderung für die nächsten Jahre noch zu hoch gegriffen sein wird. Denn gerade in der nächsten Zeit, wir gehen vielleicht in einem besonderen Aufsatz noch ausführlicher darauf ein — werden durch Notstandsarbeiten, Häfen. Wege, Eisenbahnen usw., durch eine starke Bautätigkeit, eine große Anzahl von ungelernten Arbeitern Aussicht auf Broterwerb in Palästina erhalten. Noch einige Bemerkungen zu Ruppins Angaben über die Einwanderung der handeltreibenden Bevölkerung. Ruppin gibt an, nachdem er die nach ihm wünschenswerte Voraussetzung der Einwanderung beschrieben hat: „Nun ist aber die Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa, das für die Auswanderung hauptsächlich in Frage kommt, von dieser wünschenswerten Zusammensetzung der Einwanderer diametral verschieden, denn die -Kaufleute und Angehörigen der freien Berufe bilden hier die große Mehrheit und die landwirtschaftlich Tätigen eine ganz kleine Minderheit. Man kann sich diese verschiedene Zusammensetzung am besten unter dem Bilde einer Pyramide veranschaulichen. In Osteuropa wird die breite Basis der Pyramide von den Kaufleuten gebildet, die schmälere Mitte der Pyramide nehmen Handwerker und Industrielle ein und an der ganz schmalen Spitze stehen die landwirtschaftlich Tätigen.“ Dazu ist zunächst zu bemerken, daß wir kaum von einer breiten Basis von Kaufleuten und einer schmälern Mitte von Handwerkern sprechen können, denn in Rußland leben vom Handel nur ungefähr 3 °/o mehr als vom Handwerk (38,6 gegenüber 35,4), also die beiden Berufsgruppen halten sich so ziemlich die Wagschale. Es wäre aber, darin stimmen wir mit Ruppin völlig überein, für unser ganzes Kolonisationswerk ungünstig, wenn die Handeltreibenden denselben Prozentsatz der Einwanderung bilden, den sie unter den Berufen Osteuropas einnehmen. Wir glauben jedoch, daß nach den bisherigen Erfahrungen bei der Auswanderung, diese Befürchtung zwar besteht, aber nicht in so hohem Maße. Denn bei der Einwanderung von Juden nach Amerika bildete das handeltreibende Element nur ca. 5 bis 6 °/o im Durchschnitt der Einwanderung. Auf die Gründe, die recht mannigfacher Natur sind, will ich an dieser Stelle nicht eingehen. Ruppin selbst bemerkt zu diesem Tatbestände:*) „Bemerkenswert ist die geringe Zahl von Händlern und Kaufleuten, die davon Zeugnis gibt, daß die Auswanderung doch wenigstens einigermaßen von rationellen Motiven geleitet wird, da in den Vereinigten Staaten der jüdische Handwerker aus Osteuropa immer noch bessere Chancen hat als der Händler.“ Noch eins ist bemerkenswert. Ruppin spricht an dieser Stelle von zahlreichen Berufen: Kaufleuten, Handwerkern, Industriellen, Angehörigen der freien Berufe, in der Landwirtschaft Tätigen, aber auch hier ist der Arbeiter mit keinem Wort erwähnt. Wir wollen natürlich nicht im mindesten behaupten, daß Ruppin nicht mit einer starken ungelernten Arbeiterschaft rechnet, die zur Auswanderung drängt. Aber er hat in seinem ganzen Aufsatze diese Schichten und das Verhalten des Auswanderungsamtes ihnen gegenüber mit keinem Worte erwähnt, und es kann bei einem Leser, der mit der Materie nicht vertraut ist, so der Eindruck erweckt werden, als ob diese Schichten für eine Einwanderung nach Palästina nicht in Frage kämen. Dieser Umstand kann nicht deutlich genug betont werden, und es wäre — um es zu wiederholen — nur erwünscht, wenn Ruppin seine Gedanken über dieses Problem selbst äußern würde. Während Ruppin selbst in seinem Aufsatze zu wenig auf die Bedürfnisse des ungelernten *) Dr. A. Ruppin: „Die sozialen Verhältnisse der Juden in Rußland“. Berlin 1906, p. 12.