Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1919)
- Date
- 1919-01-30
- Page
- Seite 131-132 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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131 Araber gegenüber einer arabischen Irredenta in Palästina, die sogar in Palästina selbst die Majorität besitzt, bei den genannten Einwanderungszahlcn auch noch in zehn Jahren besitzen wird. Da die Araber durch den Weltkrieg politisch geweckt worden sind, ist auch die Erwägung nicht stichhaltig, die für die Verhältnisse vor dem Kriege durchaus zutraf, daß wir, selbst wenn wir nicht die Majorität im Lande besäßen, sagen wir bei einer Zahl von 200 000 wirtschaftlich tätiger Juden, durchaus die Leitenden in/Lande wären. Das kann für wirtschaftliche Dinge zutreffen, ist aber nicht richtig für die Tatbestände, auf die es hier ankommt. Dieser politische Gesichtspunkt müßte unserer Ansicht nach bei allen Entscheidungen über Einwanderungspolitik weit mehr berücksichtigt werden. Wir kommen zu der Ruppinschen Arbeit zurück. Er beginnt zunächst mit einer beruflichen Auslese. Palästina ist ein vorwiegend landwirtschaftliches Land, es bedarf in erster Linie einer landwirtschaftlichen Bevölkerung, „ln zweiter Linie sind Handwerker und Industrielle, erst in letzter Linie Kaufleute und Angehörige der freien Berufe (Lehrer, Aerzte usw.) nötig.“ (Der ungelernte städtische Arbeiter wird nicht erw ähnt.) Da die ostjüdische Bevölkerung, die das Hauptkontingent zur Auswanderung stellt, jedoch eine total verschiedene Berufsgruppierung hat, so sei eine Berufsumschichtung durchaus notwendig. Wir gehen noch in anderem Zusam menhangx.auf die zahlenmäßigen Verhältnisse der Berufsgruppen ein. Ruppin geht dann in vorzüglichen Ausführungen auf die Vorbereitung für den landwirtschaftlichen Beruf ein; als beste Form erscheint ihm — und wir können nur voll beipflichten die Organisation in örtlichen Auswanderungsgruppen. Er unterscheidet fünf Gruppen : a) Gruppen von jungen 14—16jährigen Jünglingen und Mädchen, die landwirtschaftliche Arbeiter in Palästina werden wollen. Sie müssen gesund, kräftig und anspruchslos sein. b) Gruppen von körperlich kräftigen, bis 30 Jahre alten Männern und Frauen (am besten Ehepaaren), die in Palästina Kleinsiedler werden wollen. — Auch bei ihnen ist eine mindestens zweijährige Mitgliedschaft vor der Auswanderung als Bewährungsfrist notwendig. — Sie müssen bei der Auswanderung die Ueberfahrtskosten und das zur Ansiedlung in Palästina notwendige Eigenkapital (das bei Zugrundelegung der Preis Verhältnisse vor dem Kriege 7000 Goldfrancs beträgt), sowie eine einfache Wohnungseinrichtung besitzen. c) Gruppen von Pflanzern (Achusa-Gruppen), In diese Gruppen können Leute bis zu 40 oder sogar 50 Jahren als Mitglieder eintreten, doch müssen sie gesund sein, um den Klimawechsel zu ertragen. ... Das eigene Kapital, das jedem Mitgliede (nicht auf einmal, sondern in etwa 5 Jahresraten) zur Verfügung stehen muß, beträgt ca. 25 000 Goldfrancs. d) Gruppen von Handwerkern des gleichen Faches. ... Die Auswanderung soll erst nach zweijähriger Mitgliedschaft und erst dann erfolgen, wenn jedes Mitglied neben einer einfachen Wohnungsausstattung über Ueberfahrtskosten, Unterhalt für die ersten sechs Monate und Kosten für die Errichtung 132 einer modern eingerichteten Werkstätte verfügt (im Durchschnitt für eine Familie von Mann, Frau und zwei Kindern je nach dem Handwerke und den erforderlichen Maschinen und Materialien 3000 bis 5000 Goldfrancs). e) Gruppen von Handwerkern verschiedener Fächer. Für diese gelten ungefähr dieselben Bedingungen wie für d. Diese fünf Gruppen, andere führt Ruppin nicht an, sollen ihre Gründung dem Auswanderungsamte ihrer Heimat mitteilen. Sie gelten dann als „registrierte Einwanderer“ und haben alle Vorteile der „Approbierten“, so u. a. Vergünstigungen bei der Ueberfahrt, freie ärztliche Untersuchung, provisorische Unterkunft, Arbeitsnachweis, Kreditgewährung, Versicherung. Nachdem Ruppin kurz auf die gesundheitliche Auslese eingegangen ist, geht er in dem Endabschnitt kurz — und es erscheint uns zu kurz — auf die Ausmerzung der Antisozialen ein. Dieser Ausleseprozeß fällt nach ihm vor allem den Auswanderungsgruppen zu und soll in Palästina dadurch fortgesetzt werden, „daß auch hier das wirtschaftliche Leben in möglichst weitem Maße auf die Genossenschaft als kleinste wirtschaftliche Einheit basiert wird“. Wir glauben, hiermit ein objektives Bild seines Aufsatzes nachgezeichnet zu haben. Wir hoffen, daß er in allen zionistischen Kreisen die größte Beachtung finden wird. An dieser Stelle soll nur eine Frage des" näheren erörtert werden, die von Dr. Ruppin — zum mindesten in dem vorliegenden Aufsatz — nicht berücksichtigt worden ist. Ruppin spricht von einer Auslese des Menschenmateriais/ klassifiziert es in den oben angeführten fünf Gruppen, die frühestens, seinen eigenen Ausführungen entsprechend, nach zwei, Jahren an eine Uebersiedlung nach Palästina denken können. Und was geschieht bis dahin? Aus welchen Kreisen sollen sich in den nächsten zwei Jahren die Einwanderer rekrutieren? Wie stellen wir uns zu der, großen Auswanderungsbewegung, die unmittelbar nachdem die Grenzen Palästinas geöffnet sind und also politische Gründe eine Einwanderung nicht mehr hemmen können, einsetzen wird? Wie wollen wir — unter der Voraussetzung eines prinzipiellen Einverständnisses — unter diesen Auswanderungsmassen eine Auslese treffen; wie sollen wir sie organisieren; wie sie in Gruppen zusammenfassen? Auf diesen Komplex von Fragen, der uns für die kommenden Jahre der wichtigste zu sein scheint, ist Ruppin im „Juden“ leider noch nicht eingegangen. Wir möchten ihn dringend bitten, dies zu tun, da seine Darlegungen zur Klärnng unserer Aufgaben in den nächsten Jahren ein Wesentliches beitragen können. Ein weiterer Punkt: Bei den fünf Kategorien befindet sich nur eine (die erste), die kein Kapital besitzt. Sonst ist die Mindestgrenze für eigenes Kapital 3000 Francs. Dieser Anforderung kann nur ein ganz geringer Prozentsatz derer, die zur Auswanderung drängen, genügen. Bei der Einwanderung von Juden nach Amerika waren es im Durchschnitt nur ca. 5 %, die ein Vermögen von mehr als 50 Dollar mitbrachten, und 50 % der Einwanderer besaßen überhaupt nichts. Was soll also mit den Besitzlosen geschehen, mit den besitzlosen ungelernten städtischen Arbeitern, oder z. & PÜJ VOLK UND LAND