Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1919)
- Date
- 1919-01-23
- Page
- Seite 115-116 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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115 VOLK und LAND 116 solchen Siedlungen hätten auch die Familienmitglieder ausreichende Betätigung in landwirtschaftlichen Kleinbetrieben finden können. Auf diese Weise wäre sicherlich eine wirtschaftliche Stärkung der Arbeiter und eine befriedigende Lösung der Lohnfrage zu erreichen. Ein Versuch, der vom Bezalel in dieser Richtung unternommen worden war, ist gescheitert. Die Schuld daran dürfte aber auf die unglückliche Wahl der Arbeiter, die inkonsequente Durchsetzung dieser neuen Bestrebung und die allgemeine Krisis, in der sich der „Bezalel“ um diese Zeit befand, zurückzuführen sein. Eine weitere Notwendigkeit ist es, daß der Verein Bezalel nun aber wirklich die Kraft findet, seine unmittelbare Aufgabe „Verbreitung von Kunstgevverbe und Hausindustrie in Palästina und den Nachbarländern“ zu verwirklichen.; Wir werden dabei sogar gern auf die „Nachbarländer“ verzichten. — Zu diesem Zwecke muß der Verein sich zunächst von seinen kommerziellen Unternehmungen zu befreien suchen. Wohl muß er mit der ganzen Energie an der Organisierung von Werkstätten und größeren Betrieben, wie auch von Export- und Verkaufsstellen arbeiten, aber nie an diesen Unternehmungen finanziell beteiligt sein. Seine Geldmittel sollten auf eine Propaganda zu Gunsten des palästinensischen Kunsthandwerkes, auf eine finanzielle Unterstützung der noch schwachen aber hoffnungsvollen Zweige, auf Heranziehung tüchtiger Kunstgewerbler und Künstler und vor allem auf die schulmäßige Ausbildung der Arbeiter und Meister verwendet werden. Die Frage der Heranbildung der Arbeiter und des Nachwuchses für unser Kunstgewerbe möchte ich hier ebenfalls etwas näher besprechen. Die kunstgewerbliche und gewerbliche Erziehung sind nicht voneinander zu trennen. Ihr gegenseitiger Einfluß ist so groß, daß wir gar nicht eine Grenze zwischen beiden ziehen können. Besonders aber ist dies der Fall in Palästina, wo das Kunstgewerbe einen mehr industriellen Charakter hat und die Neigung zeigt, eine wirtschaftliche Rolle für die breiteren Schichten der Handwerker zu spielen. Man muß, wenn man von der kunstgewerblichen Erziehung spricht, auch von der Erziehung eines tüchtigen Handwerkerstandes überhaupt sprechen. Das, was bis heute in Palästina in dieser Beziehung geschehen war, spricht weder von System noch von Zielbewußtsein. Die türkische Regierung hat erst in der allerletzten Zeit etwas Sorge für die gewerbliche Ausbildung zu zeigen begonnen. Die einzige in Damaskus bestehende Schule, in der 100 Schüler in der Drechslerei, Tischlerei und Schlosserei ausgebildet werden, kann kaum einen größeren Einfluß auf das Damaszener Kunstgewerbe und Handwerk ausüben. Für unsere Zwecke kann sie überhaupt nicht in Betracht kommen zumal die dortige jüdische Bevölkerung überhaupt keinen Gebrauch von ihr machen kann. Zur Ausbildung des jüdischen Handwerkers wurde von der ,,Alliance israelite universelle“ vor 30 Jahren eine Handwerkerschule in Jerusalem gegründet, die Werkstätten für Tischlerei, Schmiederei, üeßerei und Weberei einrichtete. Ein paar weitere Werkstätten (z. B. Haarnetz-Arbeiten) sind nadh kurzer Dauer eingegangen. Die Schule erforderte etwa 60 000 bis 65 000 Frs. jährlich für ihren Unterhalt. Sie hat zu ihrer Verfügung ein großes Gebäude, das mit ziemlich guten Werkstätten eingerichtet war. — Rein pädagogisch steht die Schule auf einem niedrigen Stand. Für das palästinensische Handwerk war die Schule von keiner großen Bedeutung, da die fertig ausgebildeten Elemente stets die Tendenz zur Auswanderung hatten. Ich muß hier sagen, daß ich immer schmerzlich diese Vergeudung an Mitteln gerade in Jerusalem, wo wirklich soviel zu machen wäre, empfunden habe. In Jaffa wurde ebenfalls eine Handwerkerschule im Jahre 1908 gegründet, die von der deutsch-holländischen Chaluka unterhalten wird. Es arbeiten hier ca. 40 Schüler, die neben der Schlosserei und Schmiederei auch das Talmud-Studium betreiben. Es hätte sich gar nicht gelohnt, diese Schule zu erwähnen, wenn sie nicht als Zeichen für eine Stimmungsumwandlung in der Chaluka anzusehen wäre. Auch für die Chaluka ist wohl der Moment gekommen, mit dem alten verderblichen System zu brechen und zur wirklich produktiven Arbeit überzugehen. Hier müßten sich die notwendigen Mittel finden, mit deren Hilfe man in der jüdischen städtischen Bevölkerung einen gesunden und tüchtigen Gewerbe- und Arbeiterstand ausbilden soll. Für die eigentliche kunstgewerbliche Ausbildung sollte der Bezalel Sorge tragen. Wie ich früher schon gesagt habe, sind die Werkstätten erst im Jahre 1913 von der „Schule“ getrennt worden. Das was bis zu jener Zeit unter dem Namen Schule dort existierte, waren etwa 10 bis 15 junge Leute, die im Bezalel ihre künstlerische Ausbildung suchten, der Anstalt aber immer ganz unbefriedigt den Rücken kehrten, da der Bezalel sie in dieser Beziehung nur in ganz unbedeutendem Maße fördern konnte. Im Laufe der 8 Jahre sind nur ganz wenige im Bezalel geblieben, die sich dem Kunstgewerbe widmeten, während die überwiegende Mehrzahl nach Europa zurückging. Seitdem ist die Schule von den Werkstätten getrennt. Der bald darauf einsetzende Weltkrieg hat ihre Entwicklung verhindert. Trotzdem ich in der angefangenen Reorganisation der Schule keine gesunden Grundlagen für eine uns in Palästina notwendige Kunstgewerbeschule erblicken kann, möchte ich doch mit Rücksicht auf die höchst unnormale jetzige Lage in Palästina noch kein Urteil fällen. Wir müssen einen Typus gewerblicher und kunstgewerblicher Schulen schaffen, die unbeschadet der Möglichkeit einer späteren weitergehenden Ausbildung, für den vollständigen Abschluß einer gewissen gewerblichen Bildung eingerichtet sind, und keineswegs gleichzeitig als Vorbereitungsschulen für höhere Anstalten dienen sollten. Dies sei der Fundamentalsatz für die Organisation unserer gewerblichen Erziehungsanstalten, welche nicht der Fort- und Vorbildung, sondern der Ausbildung dienen sollten. Die Entwicklung der ästhetischen Begabung eines Volkes oder einer Gemeinschaft ist ohne die Vertiefung der technischen und manuellen Ausbildung nicht denkbar. Daher ist eine ständige Verbindung nicht nur mit der Gewerbe-, sondern auch mit der Volksschule notwendig. Unsere Volksschule in Palästina muß in erster Linie der empirisch-praktischen Begabung ihrer Schüler Rechnung tragen. Erst wenn wir als Grundsätze unserer Volksbildung in Palästina anerkennen, 1. cfaß wir nicht früh genug in unseren Kindern die produktiven Kräfte und die Freude an der schöpferischen Arbeit wecken können und 2. daß unsere Erziehungsmaßnahmen immer von den Lebensinteressen und Lebenshoffnungen des Arbeiters ausgehen sollen, erst dann werden wir den rechten Weg zu dem Grundstein des neuen Aufbaues Palästinas finden, ohne welchen das ganze Gebäude für uns keinen Wert und keinen Inhalt haben kann: zur j ü d isc h e n A rbeit.