Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1919)
- Date
- 1919-01-23
- Page
- Seite 113-114 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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tri VOLK UND LAND 114 Was die Muster anbetrifft, so hat sich hier eine Tendenz, die nicht zu den glücklichsten gehört, geltend gemacht: das ist der sogen, „jüdische Stil“, leh will es van vornherein als Selbstverständlichkeit hinstellen, daß man in Palästina den Versuch macht, einen jüdischen Stil (so fern schon jetzt davon die Rede sein kann) zu schaffen. Aber das ist eine Aufgabe, die sich nicht die Werkstätten als Ziel stecken sollen. Die Werkstätten haben nur das zu roduzieren, was leicht Anerkennung findet, sie haen die Verantwortung für das Schicksal ihrer Arbeiter zu tragen und dürfen darum nur sichere künstlerische Wege gehen. Die Schaffung des jüdischen Stiles ist eine Aufgabe, die nicht auf die Schultern des palästinensischen Kunsthandwerkers gelegt werden kann. Das ist Sache der jüdischen Künstler, vielleicht einer Schule (im Sinne: Richtung), und erst nachdem sich die neu geschaffenen Werte durchgerungen haben, können sie als ästhetisches Vermögen des Volkes, auch von dem gesamten jüdischen Kunstgewerbe genutzt werden. Ich bin weit entfernt, hier irgendwelche Grenzen für die Einwirkung der einzelnen Künstler auf das jüdische Kunstgewerbe zu stecken. Ich sage nur, daß man in den Bezalel-Werkstätten keine gewagten Versuche in dieser Hinsicht machen sollte. Während dieses Uebel in den Metallwerkstätten keinen größeren Einfluß gehabt hat und ziemlich rasch überwunden war, hat das Teppich- Atelier darunter viel mehr zu leiden gehabt. Man ging nämlich von dem Standpunkt aus, daß man in Teppichen mit vollständig neuen, ausgesprochen jüdischen Mustern auftreten müsse. Die Mittel, die dem Bezalel dazu zur Verfügung standen, waren viel zu klein, um ein Atelier mit üDer 150 Arbeitern ausreichend mit brauchbaren Zeichnungen zu versehen. Es sind zwar einzelne gute und originelle Muster entstanden (so ist u. a. ein Teppich mit Motiven, die den alten hebräischen Münzen entnommen waren, eine zweifellos gute Leistung gewesen). Im großen und ganzen vermochte man aber nicht über eine fortwährende Wiederholung der Magendavid- und Menorah-Motive hinauszugehen. Auch die Farbenharmonien, die erst gefunden werden müßten, ließen zu wünschen übrig. Die Teppiche haben keinen Anklang auf dem Markte gefunden und ihr Absatz hat große Schwierigkeiten gemacht. Mit den Seidenteppichen ging es besser. Mit Ausnahme von ganz kleinen Wandteppichen, die als Schmuck des jüdischen Hauses berechnet waren und dementsprechende Motive hatten, wurden hier als Muster Und Ausgangspunkte die Perserteppiche genommen, und es entstanden wirklich schöne Exemplare. Allerdings ist der Preis auch hierfür ein viel zu hoher gewesen, immerhin haben die Seidenteppiche Aussicht, verkauft zu werden, wenn das Atelier eine kleine Subvention seitens des Bezalel- Vereins hätte. Die Berechtigung so einer Unterstützung liegt für mich in der Bedeutung, die die Teppichknüpferei für die landwirtschaftliche Bevölkerung und ganz besonders für die jemenitischen. Bauernfamilien mit der Zeit bekommen könnte. Nach der Krisis von 1913 ist die Zahl der Teppichknüpferinnen auf etwa 50 bis 60 zusammengeschmolzen. Das Holzbearbeitungs-Atelier hat ein noch traurigeres Schicksal gehabt. Während die Olivenholzerzeugnisse in Jerusalem an die Touristen abgesetzt werden, hat der Bezalel seine Holzarbeiten im Exportweg zu vertreiben gesucht. Die Waren litten sehr bei der schlechten Organisation des Verkaufes unter dem vielen Hin- und Herschicken, so daß das einst 50 Personen starke Atelier zunächst verkleinert und bei dem Uebergang der Werkstätten an di« G. m. b. H. ganz geschlossen wurde. Im Holzatelier war eine Technik eingeführt, die meines Erachtens für die kunstgewerbliche Holzverarbeitung in Palästina von Bedeutung werden könnte: Die Holzätzung. Es würde sehr zu bedauern sein, wenn diese Technik für Palästina wieder verloren ginge. Die Verbreitung der Spitzenindustrie unter den Juden Palästinas hat der ^Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina“ übernommen. Er unterhält Spitzenschulen und Ateliers in Jerusalem, Tiberias, Jaffa und Safed. Die palästinensischen Spitzen werden mit der Nadel gearbeitet, eine Technik übrigens, die in Europa garnicht bekannt ist. Während die sonst in Palästina gearbeiteten Spitzen ziemlich grob sind, wurde die Technik in den Schulen des Verbandes so verfeinert, daß ihre Erzeugnisse heute wohl einen würdigen Platz auf dem Spitzenmarkt einnehmen dürften. Es werden Spitzen in feinem Garn und Seide gearbeitet. Die Muster sind vielseitig, oft sehr originell, und es wird unermüdlich und fleißig auch weiter an ihrer Entwicklung gearbeitet. Im Jahre 1912 waren von dem Verband nahezu 400 Mädchen mit Spitzennähen beschäftigt. Um einen weiteren Markt zu gewinnen und die Konkurrenz mit anderen Erzeugnissen auf diesen Gebieten aufnehmen zu können, hat sich der Verband zu einer Herabsetzung der Löhne gezwungen gesehen. Zunächst bewirkte dies eine Verminderung der Arbeiterinnenzahl, so daß sie auf etwa 200 sank. Dafür gelang es aber, den Absatz sicher zu stellen und dadurch eine weitere Entwicklung zu bewirken. Uebrigens hat sich schon im Laufe des Krieges die Zahl der Arbeiterinnen wieder erheblich vermehrt Wie wir sehen, liegt die größte Schwierigkeit bei der Teppich- und Spitzen-Produktion in der Lohnfrage. Trotzdem können diese Arbeiten von größter Bedeutung für die Entwicklung einer jüdischen Bauernschaft sein. Auch in der Landwirtschaft sind die Löhne so niedrig, daß sie kaum für die Existenz eines alleinstehenden Landarbeiters ausreichen, geschweige für seine Familie. Außerdem muß noch in Betracht gezogen werden, daß die Landwirtschaft eine Saisonarbeit ist, undj so wird die Einführung der Heimarbeit für die Existenz der Landarbeiter zu einer Naturnotwendigkeit. Für den weiblichen Teil der Landarbeiterschaft wird es in Palästina wohl kaum geeigneteres als Teppich- und Spitzen arbeiten geben. Von Bedeutung wären auch auf diesem Gebiete die Korbmöbel- und Mattenflechterei. — Vor allem wird man auch bei dem Absatz der Teppiche und Spitzen möglichst für eine Ausschaltung des Zwischenhandels sorgen müssen. Wie wir sehen, ist die wirtschaftliche Bedeutung des palästinensischen Kunstgewerbes nicht zu unterschätzen. Diese Erwerbsquelle der palästinensischen Bevölkerung weist gewisse Vorzüge auf, die rationell ausgebeütet zu werden verdienen. Was vor allem auf diesem Gebiete fehlt, ist ein geregelter Absatz der Produktion und die Bereitstellung von Kapital für neue Ateliers. Da schon jetzt ein großer Teil der Produktion nach dem Auslande geht, und eine weitere Entwicklung hauptsächlich auf dem Export aufgebaut werden muß, so ist vor allem an die Gründung von Exporthäusern und ähnlichen Unternehmungen zu denken. Das erhöhte Interesse, das Palästina im Laufe des Krieges in der ganzen Welt gewonnen hat, dürfte den geeignetsten Boden für solche Unternehmungen geben. Vielleicht wäre es möglich, weitere Kommanditgesellschaften nach dem Muster der Warschauer „Bezalel-Gesellschaft“ in größeren Zentren Europas und Amerikas für den Vertrieb der Erzeugnisse zii gründen. Bei dem Axisbau nach innen wäre es unbedingt wünschenswert, die einzelnen kunstgewerblichen Betriebe aus der Stadt auf das Land zu verlegen. Bei