Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1919)
- Date
- 1919-01-23
- Page
- Seite 111-112 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Ul - i-sas-T-rrr:-r-= VOLK UND LAND - ■ - 112 DAS KUNSTGEWERBE PALAESTINAS Von J. Syrkin, z. Zt Wilna. (Schluß.) Wenn also die Tätigkeit des Vereins „Bezalei“ im wirtschaftlichen und organisatorischen Sinne als unzureichend betrachtet werden muß, so hat doch der „Bezalel“ eine Möglichkeit zur Konzentration des kunstgewerblichen Könnens undWollens in Palästina gegeben. Das was bis jetzt in den Ateliers geschaffen worden ist, ist von höchstem Interesse. An erster Stelle steht die Metall-Bearbeitung. In der Werkstatt für Damaszener Arbeiten werden meistens die für diese Technik üblichen Artikel angefertigt. Qualitativ sind die Arbeiten als weit über dem Durchschnitt stehend zu bezeichnen. Die Gefäße sind sauber ausgeführt, und man weiß hier auch durch geeignete Metallfärbung die dekorativen Effekte der Arbeiten zu erhöhen. An manchen Stücken sieht man schon die ersten Anfänge eines individuellen, künstlerischen Suchens, ohne dabei vom orientalischen abzuweichen. Als ein ganz hervorragendes Beispiel möchte ich hier eine Vase anführen, die von einem Wiener Mäzen bestellt war und sich zur Zeit in einer Sammlung befindet. Das ist eine wirklich bedeutende und vor allem originelle Leistung auf dem Gebiete der Damaskus-Technik. Was hier zu empfehlen wäre, ist eine dekorativere Anwendung der hebräischen Schrift. Das läßt sich aber nicht von heute auf morgen machen. Eine Neuigkeit mindestens in dem Maßstabe wie es im „Bezalel“ angewendet wird, ist die Aetztechnik, die hier häufig zu sehen ist. Das Ornament ist hauptsächlich ein naturalistisches und hat einen unverkennbaren Landescharakter. Die Metallätzung wird allein oder in Verbindung mit anderen Metalltechniken angewendet. Das Silberfiligran-Atelier hat technisch und künstlerisch einen ganz besonderen Erfolg zu verzeichnen. Mit diesen Arbeiten sind vor dem Kriege im „Bezalel“ etwa 50 Mann beschäftigt gewesen, in überwiegender Zahl Jemeniten. Die letzteren haben sich als außerordentlich gute Filigranarbeiter gezeigt. Die meisten waren schon in ihrer Heimat als Silberschmiede tätig gewesen, ein Gewerbe, das eine ziemliche Ausdehnung unter den Juden im (Jemen hat. Mit bewunderungswürdigem Fleiß vermochten sie sich im Laufe der Zeit den neuen hohen Anforderungen anzupassen. Man fing mit den überall üblichen kleinen* Schmuck- und Andenkensachen an. Allmählich ist man aber zur Herstellung von Gebrauchsgegenständen übergegangen. Es ist hier gelungen eine durchaus wertvolle Flächenkunst durch Auflöten der Filigranfäden zu erzielen. Die Zeichnungen zeigen eine Originalität und einen Geschmack, die sie aus den Reihen der sonstigen Filigranarbeiten günstig herausheben. Auch' die kleinen Schanucksachen sind im künstlerischen Sinne unvergleichlich besser als zum Beispiel die Filigran arbeiten aus Italien oder Pforzheim. — Eine weitere Erziehung der jemenitischen und heimischen Silberschmiede in dieser Technik und ihre weitere Verbreitung sind Aufgaben, die bei der Förderung des Kunstgewerbes in Palästina immer im Auge behalten [werden müssen. In der letzten Zeit waren noch zwei weitere. Techniken vom „Bezalel“ übernommen worden: Die Treibarbeit in Metall und die Elfenbeinschnitzerei. Die Treibarbeit im modernen Sinne wird in Palästina außerhalb des , Bezalel“ nicht geübt Das was von den heimischen Arbeitern als eine Art Treibarbeit gemacht wird, besteht nur in einem Eintreiben der Konturen von sehr primitiven Zeichnungen und kann nur als eine Kuriosität betrachtet werden. Als Beispiel dafür, wie diese Zeichnungen entstehen, möchte ich das Folgende erzählen: Ein marokkanischer Jude, der in Jerusalem diese Arbeiten anfertigte und der als großer „Künstler“ auf diesem Gebiete galt, klebte öfters Illustrationen aus europäischen und türkischen Zeitungen auf das Metall und schlug die Konturen mit Punzen durch. Ich sah ihn einmal, wie er auf diese Weise das Bild von Kaiser Wilhelm in einen Teller eintrieb. Dem „Künstler“ ist es dabei auf die genaue Wiedergabe der Konturen garnicht angekommen... Im „Bezalel “ wurde auch die moderne Treibtechnik eingeführt — eine Technik, ohne die die kunstgewerbliche Metallarbeit schwerlich denkbar ist. Hese Arbeit wurde, wie auch die Elfenbeinschnitzerei, etwa 3 Jahre vor dem Kriege eingeführt. In ziemlich kurzer Zeit wurden gute Resultate erzielt. Auch hier werden meistens Geräte, Schmuck und auch manche Beleuchtungsartikel in Silber, Kupfer und Messing angefertigt. Die ganze künstlerische Auffassung zeugt von einem Willen, eigene Wege zu gehen. Von der Elfenbeinschnitzerei kann leider nicht dasselbe gesagt werden. Hier sieht man in der Hauptsache geschnitzte Basreliefs, die meistens nach Bildwerken bekannter jüdischer Meister ausgeführt sind. Im Gegensatz zu den Filigran- und Treibarbeiten läßt sich hier nichts von Stil verspüren. Als besondere Meisterstücke, die in diesen Ateliers entstanden sind, möchte ich hier anführen: den Einbanddeckel des Goldenen Buches des Jüdischen Nationalfonds, den man seinerzeit in Wien auf dem zionistischen Kongreß und später auf der „Bugra“ in Leipzig sehen konnte, eine Chanukah- Lampe, die auch in Wien zu sehen war, und die sich zur Zeit im Besitze eines russischen Sammlers befindet, eine Thorakrone mit dazu gehörigen Teilen, die die Thorarolle, die von der Krakauer jüdischen Gemeinde dem Kaiser Franz Josef zu seinem Jubiläum dargebracht wurde, schmückt, und ein Schmuckkästchen, das jetzt im Besitze der Hildesheimer jüdischen Gemeinde ist. Ich hätte noch mehrere solche im Privatbesitze über der ganzen Welt zerstreute Einzelstücke anführen können; ich glaube aber, daß die volle Würdigung des schon im Bezalel kunstgewerblich Geschaffenen wohl einer speziellen Monographie bedürfe. Das Teppichatelier ist das äjteste im „Bezalel“ und ist auch der einzige Versuch, die Teppich- Knüpferei in Palästina einzuführen. Es werden jetzt Teppiche in Seide und in Wolle gearbeitet. Die Rohmaterialien, besonders die Wolle, sind englischer Herkunft und sind viel besser als diejenigen, die in Smyrna und auch sogar in Persien verwendet werden. Die Knüpfungsart ist eine sorgfältige und dichte. JDie wunden Punkte der Bezalel-Teppiche waren immer ihr Preis und die Muster. Das erste läßt sich nicht durchdie hohen Löhne erklären. Wäh*- rend in Kleinasien die Löhne etwa 20 bis 40 Centimes täglich bei imbeschränkter Arbeitszeit betragen, verdient eine Teppichknüpferin im „Bezalel“ im Durchschnitt etwa 0.80 bis 1.— Frs. täglich, bei 8 bis 9 Stunden Arbeit; so ist es erklärlich, daß es bis jetzt nicht gelungen ist, einen Herstellungspreis für Teppiche unter 48.— Fr. pro Quadratmeter im Bezalel zu erzielen.