Mannheim
Compact Memory

Volk und Land · 1919-01-23 · Heft 4 (23.1.1919) · p. Seite 107-108

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 4 (23.1.1919)
Date
1919-01-23
Page
Seite 107-108 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2649276-2649277-2649282--0093-2649430
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

107 VOLK UND LAND 108 Erstmalig hat damit die Judenheit die Stellung! einer unterdrückten Nation verloren und die Aufnahme in den Bund der Völker gefunden. In der großen französischen Revolution wurde das Recht des einzelnen Individuums aufgestellt, die Freiheit und Gleichheit der Menschen untereinander. Der Weltkrieg findet seinen Abschluß in der grandiosen These, daß die Freiheit und Gleichheit der Völker, des Kollektivbegriffes der Einzelnen, anerkannt werden muß. Zusammen mit den kleinen und kleinsten Nationen haben die Juden ihre Daseinsberechtigung dokumentiert bekommen. Der Weltvölkerbund muß und wird auch ihr Sein respektieren Und schützen. Zum jüdischen Volk sind alle jüdischen Parteien zu zählen. Der Zionismus ist nun in das Stadium der Verwirklichung eingetreten, das jüdische Volk muß über den Rahmen des Zionismus hinausgehen. Der Zionismus war und ist die jüdische Bewegung, aber eine Bewegung nach einem umgrenzten Ziel. Diese konkrete Aufgabe hat etwas imsagbar Grandioses in sich, sie faßt" nicht nur religiöse und geschichtliche Vorstellungen Jn greifbare Formen, sondern sie ist eine ökonomische Realität ersten Ranges. Aber darüber hinaus gibt es poch politische Auswirkungen, welche frei von den Palästina-Bestrebungen getragen sein müssen: der Kampf um die Erhaltung unserer Rechte, unserer Art, unserer Kultur, der jüdischen Sprache im Golus. In der Schule des Zionismus hat das jüdische Volk zu lernen begonnen, als Ganzes zu operieren. In Zeiten, wo Millionen Wanderungen vor sich gehen, wo die Neuordnung der Verhältnisse von 10 Millionen Juden eintritt, sind homöopathische Kuren keine Quacksalbereien, sondern ein Verbrechen. Die Judenfrage kann, von Palästina abgesehen, nicht lokal entschieden werden. Sie ist verknüpft mit tausend Imponderabilien. Sie ist ein Weltp rob lern. Das jüngste Glied des jüdischen Volkes — unsere drei Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten — hat als erstes den Emst der Zeit, die Größe des Augenblicks, die Bedeutung der Einheit begriffen. Die älteste, bodenständige Judenheit, die in Frage kommt, die deutsche, hat das Problem am spätesten erfaßt. Bei dem Zusammenschluß der russischen und amerikanischen Juden wird ,auch die mitteleuropäische Judenheit sich entschließen müssen, an dem großen Werke teilzunehmen. Der jüdische Kongreß ist im Werden, in seinem Rahmen wird es gelegen sein,, jüdische Weltpolitik zu treiben; seinen Fahnen wird unser Volk folgen. MASSENWANDERUNG UND MASSENSIEDLUNG Von Davis Trietsch. (Fortsetzung). Selbstverständlich haben wir es schon bei diesem Stadium der Sache mit Dingen zu tun, die wir keineswegs aus eigener Kraft bewältigen können. Die Ansammlung großer Menschenmassen in den Auswanderungshäfen und schon die Reise dorthin müssen durch Vereinbarungen mit den in Betiacht kommenden Staaten und Ländern ermöglicht werden. In diesen Gebieten wie auch in den Hafenstädten selbst herrschen vorläufig noch Ausnahmezustände, die auch beim besten Willen der dort maßgebenden Faktoren eine gute Abwicklung nicht immer möglich machen werden. Wahrscheinlich wird ein Zusammenwirken der jüdischen Organisationen und der betreffenden staatlichen Gebilde — vielleicht unter Mitwirkung der Schutzmächte — von Nöten sein. Der geordnete Durchzug wird durch eine entsprechende politische Aktion stark gefördert werden können. Neben dieser Frage spielt die der Beschaffung der Mittel eine erhebliche Rolle. Aber auch hier werden sich geeignete Wege finden lassen. Vor allem sind ja die Auswanderer selbst zu einem erheblichen Teil nicht besitzlos. Wir werden trachten müssen, daß die Besitzenden — in dem brüderlichen Geiste, den gemeinsame Not noch immer begünstigt hat — mit den Besitzlosen teilen. In den vollgepfropften Auswandererschiffen ist kein Platz für Klassengeist und für Ueberhebung derer, die ein wenig mehr von ihrem Vermögen haben retten können. Andererseits liegt es in den Möglichkeiten unserer Organisation, alles reichlich zu kompensieren, was die wohlhabenderen Einwanderer jetzt hergeben werden. Zum Teil wird ein Ausgleich auch dadurch herbeigeführt werden können, daß, wer von den Wohlhabenderen schneller reisen will, dies durch eine besondere Gebühr bewirken kann, die der Verpflegung der im Hafen oder in den Etappen Zurückbleibenden zugute kommen wird. (Selbstverständlich liegt es in dem sozialen und reinmenschlichen Grundcharakter der ganzen Aktion, daß das Geldliche nur bei sonst gleichen Verhältnissen einen Vorzug bieten darf, daß aber besondere Not unter allen Umständen den ersten Anspruch auf Berücksichtigung haben muß.) Eine starke Kompensation, die den kolonisierenden Faktor nicht einmal viel zu kosten braucht, kann darin liegen, daß man denjenigen, die an dieser kritischen Stelle des Gesamtwerkes helfend eingreifen, besonders günstige Bedingungen bei dem beabsichtigten Landerwerb stellt. Bei einem großzügigen Ansiedlungswerk in bisher schwach bevölkerten Ländern entstehen ja durch die Einwanderung selbst bedeutende Wertsteigerungen des Bodens — besonders in bevorzugten Lagen, die ja gerade von den Wohlhabenderen am stärksten gesucht werden. Wenn man in dieser Hinsicht diejenigen begünstigt, welche die Uebersiedlung größerer Massen ermöglichen halfen, so liegt darin nicht mehr als eine Gegenleistung insofern, als es ja gerade die Masseneinwanderung ist, die in erster Linie die größeren Wertsteigerungen bewirkt. Schließlich dürften für die Beschaffung der Mittel auch größere a 11 g e m e i n c Fonds zur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.