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Volk und Land · 1919-01-23 · Heft 4 (23.1.1919) · p. Seite 105-106

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 4 (23.1.1919)
Date
1919-01-23
Page
Seite 105-106 (sequence 7)
Language
German
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105 VOLK UND LAND 106 Rußland, wie stark auch die jüdische Politik die Juden als solche erziehen muß, damit sie nicht als erste ihre Brüder zur Walstatt schleifen. Von den russischen Randstaaten erweckt besonders Litauen unser Interesse. Es geht um die Erhaltung des jüdischen Charakters von, Wilna. Polen erhebt Anspruch auf Wilna, und Rußland sucht es mit Waffengewalt zu erobern. Wilna hat keinen polnischen, keinen russischen, keinen litauischen Charakter. Es ist eine jüdische Stadt, die jüdischste Stadt Europas, eine Hochburg jüdischer Kultur. Um Wilna herum liegen dutzende altjüdischer Kleinstädte mit regem jüdischen Leben, mit einer fleißigen, aufgeweckten, bewußt jüdischen Bevölkerung. Manche berühmte Jeschibah zeugt vom jüdischen Wissen der Litvvaken. Wie arm wäre unser Volk ohne ein. jüdisches Litauen. Wenn irgendwelchen Juden, dann muß den litauischen ihre Existenz mit allen Machtmitteln, welche dem jüdischen Volk zur Verfügung stehen, erhalten bleiben 1 Die Juden anderer Länder. Von den Juden Georgiens und Armeniens muß von berufener Stelle gesprochen werden. Die Juden Persiens haben nicht nur unter der Kriegsfurie gelitten. Seit langem sind sie geknechtet und mißachtet. Wenn einmal ruhigere Zeiten kommen, dürften auch ihre traurigen Schicksale bekannt werden. An 40 000 Volksgenossen leben in Persien in fürchterlichster Bedrängnis. Der Friedenskongreß wird über Persiens staatliche Einrichtungen Klarheit bringen. Wenn dabei die Stellung der Juden vergessen wird, müssen wir damit rechnen, daß auch hier Not und Elend, Entrechtung und Knechtung zu einem Dauerzustände würden. (Die ökonomische Lage der Juden Bagdads und Jemens liegt ähnlich. Djeabe ssynischen Juden sind über die Tagesereignisse unserer Zeit vergessen worden. Von den sonstigen, afrikanischen Juden fallen die Marokkos an Frankreich. Was mit den tripolitani sehen Juden im Kriege geworden ist, wissen wir nicht. Wir wagen es schon nicht mehr, gute Nachrichten von ihnen zu erhoffen. Die Juden in Palästina. Nur über Palästina waltete ein guter Stern. Die Tatsachen sind bekannt. Die Entente hat die Begründung einer öffentlich-rechtlich gesicherten jüdischen Heimstätte gutgeheißen. Aber fängt nicht erst gerade damit die weltpolitische Arbeit des) jüdischen Volkes an? Ist es möglich, für einen, solchen Zweck zu arbeiten, ohne sich großzügig zu verständigen? Noch stehen einzelne jüdische Gruppen der alten Welt schmollend beiseite und haben zwar ihre theoretische Bereitwilligkeit zur Arbeit für ein jüdisches Palästina zu erkennen gegeben, aber praktisch keinerlei Schritte unternommen, dieses Wollen in eine Tat umzusetzen. Die Zeit drängt. Die Massenauswanderung steht vor der Türe, Tausende streben nach Erez Israel. Mit dem Friedensschluß muß der Aufbau des Vaterlandes beginnen. Die ganze Welt schaut auf die Juden, welche das neue, große Experiment, ein heimatloses Volk zu repatriieren, durchzuführen gedenken. Mit dieser Aufgabe steht, die jüdische Ehre auf dem Spiele. Es läßt sich im Rahmen dieses Aufsatzes kaum ausdriieken, was für eine Bedeutung die Durchführung der zionistischen Idee fiir das jüdische Volk hat. Zusa m m e n f a s s u n g. Im Leben des jüdischen Volkes ist eine Schicksalsstunde angebrochen. Ehe Juden der alten Welt sind in ihrer überwiegenden Majorität, in ihrer politischen Stellung vor neue Entschlüsse gestellt, in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Der ökonomische Zusammenbruch einzelner Länder, die Verschiebung von Handel und Wandel, die territoriale Veränderungen der Industrien, die Abnahme der Bedeutung Mitteleuropas am Welthandel und Weltmarkt sind die auflösenden Faktoren, die gerade diejenigen 'Elemente der Staaten in ihrem Sein erschüttern, die nicht von dem Ertrag des Bodens leben, sondern mit den moderneren Formen des Wirtschaftslebens verknüpft sind. Die Weltwirtschaft hat von jeher die Struktur, die Entfaltung der Judenheit erheblich beeinflußt. Weber, Sombart, Feuchtwanger u. a. haben zu diesen Fragen Stellung (genommen. Der Stand unserer Erkenntnis ist heute wohl der, daßi die Juden in den Orten aufblühender Wirtschaft sich zusammenschließen und die Tendenz der Entwicklung günstig beeinflussen. Aber ihre Wanderungsbestrebungen gehen nicht wirkungslos vor sich. Bevor die jüdischen Massen aus dem Osten sich Neuland in- Amerika verschafften, gab es unzählige mißglückte Versuche zuerst in England, Deutschland, Frankreich, Südafrika, Kanada und Südamerika, den Boden für eine Masseneinwanderung günstig zu gestalten. Und . wie schwierig war die Durchführung der Millionenauswandernng! Wer den ungeordneten Durchzug der Pogromopfer Rußlands in den achtziger und neunziger Jahren in Erinnerung hat, wird die Wiederholung nicht herbeisehnen. Noch wissen wir nicht, was die nächsten Monate alles bringen werden, aber eines steht fest: Große Ereignissebereiten sich vor, denen wir fast ungerüstet gegenüberstehen. Auch die letzten Umwälzungen im Januar stellen die jüdischen Gemeinden Rußlands, Oesterreichs und Deutschlands vor neue Aufgaben. Die Trennung von Kirche und Staat wird nicht ohne Reibungen, ohne neue Arbeit überwunden. Mühen also auf allen Fronten. Darüber hinaus geht aber die Bedeutung der großzügigen Arbeit: die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina. Da aber Palästina — ungeachtet einer sehr großen Fassungskraft — in. den nächsten Jahrzehnten doch nur einen Bruchteil der sehr rasch wachsenden Judenheit aufnehmen kann, bleibt die große Mehrzahl der Juden anderwärts zu versorgen. E>as jüdische Volk zählt 15 Millionen Köpfe. In der Palästina-Arbeit erschöpft sich unser Aktionsradius keineswegs. Es ist nur ein Ausschnitt — wenn auch vielleicht der wertvollste. Neben diesen vielfach trüben Ausblicken in die Zukunft ist noch ein weiteres, wertvolles Ergebnis der Weltkriegszeit zu verzeichnen: die Anerkennung der nationalen Rechte des jüdischen Volkes. Gerade die Einräumung Palästinas als jüdisches Land durch die GroBemachte, ist ein so gewaltiges Faktum, daß nur die Geschichte ihre Bedeutung würdigen kann.

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