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Volk und Land · 1919-01-23 · Heft 4 (23.1.1919) · p. Seite 103-104

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 4 (23.1.1919)
Date
1919-01-23
Page
Seite 103-104 (sequence 6)
Language
German
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103 VOLK UND LAND 104 \vo der Feind stark nachdrückt und man die Stadt aufgeben muß. Die Progrome in Galizien, worin die Polen Meister sind, übertreffen an Grausamkeit die Progrome dieses Landes seit vielen Jahrhunderten, wahrscheinlich hat Galizien noch nie in seiner Geschichte solche grauenhafte Judenmetzeleien gesehen. Die Juden Triests dürften ihr Deutschtum bald als überflüssig an den Nagel hängen. Die alte Hafenstadt wird wohl den Italienern zufallen. Dagegen haben die unglückseligen Juden Mährens und Böhmens lange Zeit zumeist die Geschäfte der Deutsch nationalen besorgt, selbst da, wo längst das Tschecbentum gesiegt hatte. Veraltete jüdische Kultus Vorsteher haben die jüdische Sache schwer geschädigt, weil sie jüdische Kultusgemeinden mit deutsch-nationalen Wahlbüros verwechselten. Gerade in den strittigen Grenzbezirken (Prag gehört längst nicht mehr dazu!), mußte der jüdische Charakter der jüdischen Gemeinschaft betont Werden. Diese verkehrte Politik jüdischer IPambssim hat den Juden in den|; Augen der Tschechen schwer geschadet. Im böhmischen Lande wohnen heute etwa 90 000 Juden. ) i Rumänien. I Wie weit die ungarischen Juden Teile an andere Länder abzugeben haben, kann erst der j Frieden ergeben. In erster Linie handelt es sich i wohl um Siebenbürgen, das Rumänien Zufällen! soll. Rumänien steht im Begriff, eine jüdische Bej völkerung von respektabler Größe sich einzuverleiben. Neben der Bukowina und Siebenbürgen gehen die rumänischen, imperialistischen Tendenzen auf ganz Bessarabien, in welcher Provinz Kischineff, Berditschew und andere wichtige Städte liegen, Orte, die in der Mehrzahl von Juden bewohnt sind. Rumänien hat es im Verlauf seiner Selbständigkeit trotz des Berliner Vertrages fertiggebracht, die Juden vollkommen zu entrechten, ihnen wirtschaftlich alle Möglichkeiten zu nehmen (ich verweise diesbezüglich auf die reiche Literatur). Vom ersten Tage der Neubildung muß das jüdische Volk es die Rumänen merken lassen, daß es treu zu den Brüdern steht, welche durch die neue Friedenskonferenz in die Gewalt und Botmäßigkeit der Rumänen fallen werden. Von dem ersten Tage des Friedensschlusses an muß dem rumänischen Volke klar sein, (daß es nur bei vollkommenster Tolej ranz gegenüber den kleineren Nationen im Besitz I der neuen Grenzgebiete bleiben darf. Im Bunde der I Nationen muß auch die Stimfne der ältesten Kulturnation, der friedliebensten der Welt: die jüdische, gehört werden. Bai k an. Das Schicksal der Juden Salonikis ist he- , zeichnend. Von allem Unglück, von Krieg, Feuersnot, Teuerung, von antisemitischen Exzessen, vom . schwersten wirtschaftlichen 'Niedergang ist diese j unglückliche Stadt betroffen. Neben Czernowitz, die j schönste und blühendste jüdische Stadt Europas, geht sie jetzt ihrem Untergang entgegen. j Ich darf als bekannt voraussetzen, daß in, Saloj niki die jüdische Bevölkerung eine gesunde, norj male Struktur hatte, die aus sich heraus nicht erj schüttert worden jväre. In Saloniki waren dje Hafen- ] arbeiter und Handwerker durchweg Sephardim, die mit ihrem Los zufrieden waren. Die unausbleibliche Auswanderung, vor der wir jetzt stehen, wird eine Auflösung der Gemeinde herbeiführen. Ob die Emigranten sich wieder irgendwo in kompakten Massen niederlassen werden, läßt sich noch nicht beurteilen. Denn hauptsächlich da, wo der Jude in einem hohen Prozentsatz der 'Bevölkerung auftritt, übernimmt er körperliche Arbeit, insbesondere schwere (wie z. B. Hafen- und Lastträgerarbeit wie in Saloniki), sonst überläßt er sie den anderen , Volkselementen und steigt zu interessanterer, womöglich geistiger Arbeit empor. Verwandt mit dem Schicksal Salonikis ist das Adrianopels und Konstantinopels. Die Zukunft der Juden des Balkans und Mazedoniens hängt nicht nur von ihrer finanziellen Kräftigung ab; wesentlich ist die Frage, ob die Juden politisch von Anfang an so respektiert wurden, daß die griechischen und bulgarischen Staaten ihnen nicht die Existenzmöglichkeiten unterbinden. Die Judengemeinden, die neu an Serbien , fallen dürften, sind, wie die in Albanien, nicht von wesentlicher Bedeutung. | Finnland. | In Finnland gibt es nicht viele Juden. Firnis i land ist aber das Land, das bis zuletzt die Einwanderung der Juden unterband, pa sich die Finnen | stets darüber beschwerten, daß ihre Rechte von | Rußland unterdrückt wurden, so ist die Rückfrage I vielleicht nicht unberechtigt, wie sich Finnland die! Gleichheit der Menschenrechte denkt, wenn es seinerseits ein großes, bedeutsames Volk als minderwertig hinstellt. Solange es auf der Welt noch' einen Staat gibt, welcher Juden-Ausnahmegesetze kennt, kann von einer Gleichberechtigung der Juden nicht gesprochen werden. Ein gut Teil unserer unwürdigen Stellung als Juden unter den Völkern rührt von der minderen, staatsrechtlichen Stellung her, unter der Juden irgendwo — sei es selbst in unbedeutenderen Staaten — zu leiden haben. Rußland. Die russische Sphinx gibt uns viele Rätsel aujf. Im Chaos der Parteien verwischen sich täglich die Grenzen. Das Baltikum, Weißrußland, Litauen, die Krim, Odessa, »selbst die Ukraine, Buchara und Sibirien sind bald Bestandteile Großrußlands, bald selbständige Gebiete. Rund fünf Millionen Juden i wissen nicht, wie und wohin sie sich staatlich,; wirtschaftlich und sprachlich orientieren sollen. In | diesem Hexenkessel stoßen sich soziale und natio- | nale Gegensätze. In dem bisher reaktionärsten Lande der Welt ist plötzlich ein radikales System geboren worden, das sich heute über alle nationalen, religiösen Formen mit einem Federstrich! hinwegsetzt. Der Jude, der noch vor wenigen Mo- : naten im eigentlichen Rußland kein Wohnrecht, keine Erlaubnis zu arbeiten, zu studieren hatte, ist I heute Minister und Volkstribun. Gleichzeitig aber I werden die zionistischen und jüdischen Organisaj tionen von denselben Juden als Hort der Reaktion verfolgt, die jüdischen Führer verhaftet und jn den | Kerker geworfen. Die traurige Wahrheit, daß der | Jude stets zum Sümdenbock wird, zeigt sich auch hier. Aber nur der Schwache wird getreten, müder, dem niemand beisteht, wird brutal vergewaltigt. Und nicht zum letzten zeigten die Vorgänge in

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