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Volk und Land · 1919-01-23 · Heft 4 (23.1.1919) · p. Seite 101-102

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 4 (23.1.1919)
Date
1919-01-23
Page
Seite 101-102 (sequence 5)
Language
German
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101 VOLK UND LAND 102 Kann denn auch nur ein Zweifel bestehen, daß bei einer Desannexion Deutsch-Polens durch den neuen polnischen Staat den Juden die Sicherheit und Bürgschaft ihrer vollen staatlichen Gleichberechtigung, für die Betätigung ihrer nationalen Eigenart, für die freie Entfaltung ihrer wirtschaftlichen Kräfte, gewährleistet werden muß? Oder überlegt man sich nicht, welche würdelose Rolle diese Juden spielen würden, wenn sie rasch aus dem deutschnationalen Hurrah-Patriotismus in den Hurrah-Patriotismus des neuen Landes hineinkriechen? Die jüdische Weltpolitik fängt nicht erst jenseits der bisherigen deutschen (Grenzen an, sie rührt, wie wir sehen, an das Geschick von über Hunderttausend bisher deutsche Juden, sie tangiert das Glüdk und die Existenz von zwanzig Prozent unserer Gesamtmasse. Nur ein eiliges Zusammentreten des jüdischen Weltkongresse^ kann der politischen Welt diese brennenden Fragen vor Augen führen. Schon haben wir durch die Kirchiturmspolitiker der deutschen liberalen Judenheit kostbare Wochen versäumt. Zeit ist’s. . . Die Juden Oesterreichs. Niemand kann sagen, welches die Grenzen des sich neubildenden Oesterreich sein werden. Unterrichtete Politiker sprechen von einem Wiederaufbau des alten Oesterreich. England will es angeblich. Aber eins ist sicher, wie das Amen im Tempel: die alten Formen des bisherigen Habsburger- Reiches kehren nicht wieder. Fast eine volle Million unglücklicher Juden sollen an Polen ausgeliefert werden. Bedingungslos. Und die Plünderungen, Mordtaten, Verbrechen aller Art geben einen leichten Vorgeschmack kommender Ereignisse. Die polnische Schlachta hat ihre Juden. In Frankreich entschuldigte Clemenceau seine polnischen Freunde wegen Lemberg: Mißverständnisse! . . . Und tausend Leichen lagen auf den Straßen! Ehe ganzen Revolutionswochen in Berlin von November, Dezember und Januar haben 200 Opfer gekostet In Lemberg hat man an zwei Tagen über tausend Juden geschlachtet. Millionenwerte geraubt und vernichtet, die jüdischen Führer gefangen gesetzt, Greise mißhandelt, Mädchen geschändet. Die ganze polnische Tagespresse hat die Geschehnisse von Lemberg totgeschwiegen, und nur kurz von einigen Unruhen, welche die Juden angezettelt hätten, berichtet. Die liberale, deutsche Judenheit schwieg zu diesem Grauen, und nur ein paar sozialistische Führer versuchten auf polnische Abgeordnete einen moralischen Druck auszuüben. Die deutsche judenheit hat kein Auge und kein Ohr für die politischen Dinge, Welche so erschütternd in das Sein der Juden eingreifen, die wir noch vor drei Monaten als Bundesgenossen überschwenglich gefeiert. Nicht nur deshalb ist es ein Unglück, Jude zu sein, weil die fremden Völker uns hassen, sondern noch mehr, weil das eigene keine Sinne für die Schmerzen und Leiden seiner Angehörigen hat. Nach der Statistik handelt es sich in Galizien um über 900 000 Juden — eine recht respektable Ziffer, die sich an neue wirtschaftliche und politische Verhältnisse anpassen sollen. Der Pole wird an seinem neuen Vaterlande Rückhalt finden, der Jude nur neue Schwierigkeiten. Wie die Entwicklung der galizischen Juden sich gestalten wird, weiß ich nicht. Das eine steht für alle Kenner fest: es wird grauenhaft sein. Neben der politischen und persönlichen Verfolgung steht Arbeitslosigkeit, Hunger und Not jeder Art an der Schwelle aller Gemeinden. Hunderte von Ortschaften sind niedergebrannt, und noch immer irren etwa 150000 galizische Juden obdachlos in der Welt umher. 'Sie laufen über kurz oder lang Gefahr, staatenlos zu -Werden. Wien und Prag suchen sich des Zuwachses zu erwehren. Das alte Heimatland hat keine Möglichkeit, sie zu ernähren. Furchtbar haben die jüdischen Gemeinden unter dem Krieg — vom Feind, aber auch vom Freund gelitten. Der Jude wurde von keiner Partei respektiert, von beiden Teilen gleich mißhandelt. Insbesondere haben deutsche Behörden in Galizien aus ihrem Antisemitismus keinen Hehl gemacht. Große Kreditinstitute, ein ge<u*dnetes Schulwerk, Ausbildungsstellen für Handwerker usw. tun dringend not. Aber die eigene Leistungsfähigkeit Galiziens ist am Rande. Die Hilfe der ausländischen Juden ist dringend, dringender noch die Unterstützung durch die polnischen Behörden selbst. Diese muß politisch erkämpft werden. Die Bukowina, Im Buchenländchen waren bis zum Kriege jüdische Abgeordnete im Reichsrat und Landtag, jüdische Bürgermeister und Universitätsrektoren, die zum Gedeihen der Judenschaft das ihre beitrugen. Groß ist das Land nicht. Von ietwa einer Million Einwohnern besteht zirka der zehnte Teil aus Juden, vor allem in den Städten, wo sie stellenweise den ausschlaggebenden nationalen Faktor darstellen. Die Umgangssprache dieser Juden ist jiddisch und deutsch. Die beiden anderen Landessprachen, ruthenisch und rumänisch, werden von ihnen wohl nicht so ganz beherrscht. Nun erhebt Rumänien Aspirationen auf dieses kleine, aber schöne Ländchen, in dem die Juden eine gewichtige Rolle spielent Die sichere Folge wird sein, daß die Juden durch antisemitische Hetzen von dem agrarkonservativen Rumänien politisch und wirtschaftlich geschädigt werden. Aus sich heraus können sie, und ihre Vertreter, Abg. Straucher usw., dagegen nicht viel erreichen. Und das Fünfzehn-Millionen-Volk sieht tatenlos zu, wie auch hier die Rumänen ein kleineres Volk als sie selbst, eine blühende Judensiedlung an sich reißen und sie bald ebenso rechtlos {machen werden* wie die Judgn in Rumänien bis vor kurzem waren. Die Geschichte wiederholt sich auch darin, daß das jüdische Volk seine Aufgabe als Volk vergißt. Weitere Nationalitätenkämpfe in Oesterreich. Ueber die Zukunft Ostgaliziens zu prophezeien, ist eine undankbare Aufgabe. Was in der Morgenzeitung steht, widerruft Schon das Mittagsblatt. Die Leidtragenden bei den Kämpfen zwischen Ruthenen und Polen sind die Juden. Man kämpft nicht wie im Weltkrieg in langer Front, sondern eine Bande überfällt einen Eisenbahnknotenpunkt, plündert unter einem Vorwand die jüdischen Geschäfte, legt der Stadt eine Kriegskontribution auf und wiederholt dieses letztere Experiment in dem Augenblick,

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