Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1919)
- Date
- 1919-01-23
- Page
- Seite 99-100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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09 VOLK UND LAND 100 führt, die Haupteinwanderung fand im 13. Jahrhundert statt, aus welcher Zeit der bezeichnende Spruch stammt: „Polen ist der Himmel der Edelleute, das Fegefeuer der Bürger, „die Hölle der Bauern und das Paradies der Juden.“ Nach der Annexion der [betreffenden polnischen Gebiete durch Preußen zählte man vor 120 Jahren im Bezirk Posen: 29 782, in Westpreußen 17 888 Juden. Hiernach dürfte heute ihre Zahl fast genau die gleiche sein, wie sie zur Zeit der Teilung Posens gewesen ist, allerdings mit dem Unterschied, daß ihr Prozentsatz unter der allgemeinen Bevölkerung stark zurückgegangen ist. Die überschüssigen Juden sind durch die berüchtigte Ostmarkenpolitik aus ihren Sitzen weggeschleudert worden. Das ist um so bedauerlicher gewesen, als die Ostmarkenjuden eine gesunde soziale Struktur hatten. Im Jahre 1797 fand die Posener Kammer in ihrem Bezirk allein gegen 2000 jüdische Handwerker. 1860 wurden 450 in der Landwirtschaft beschäftigte Juden ermittelt. Inzwischen sind die Handwerksberufe von den Polen besetzt worden. Die Juden, die in Posen zurückblieben, sind in der Hauptsache arme oder aber ganz reiche Kaufleute. Ehe Masse des Mittelstandes ist gelichtet. Ein Auszug aus der Statistik gibt einen Ueberblick über die Entwicklung der jüdischen Gemeinden seit dem Jahre 1840. Es waren Juden in 1840 1905 Wreschen 1352 386 Kurmik 1170 111 Grätz 1620 250 Neustadt (Pinne) 815 186 Schwersentz 1631 208 Rogasen 1650 591 Schwerin 1568 161 Krotoschin 2203 525 Kempen 3577 804 Zierke 350 55 Meseritz 1155 170 Tirschtiegel 305 54 Bomst 419 39 Lissa 3486 996 Rawitsch 1780 428 Borck 591 91 Ostrowo 1327 744 Birnbaum 790 118 In der Mitte des vorigen Jahrhunderts waren 25 Städte vorhanden, in denen die Juden mehr als 20 % der Bevölkerung ausmachten; heute gibt es nicht eine einzige so starke jüdische Gemeinde. Mit wenigen Ausnahmen ist in den meisten Städten Posens und Westpreußens der Anteil der Juden auf durchschnittlich 5 °/o der Bevölkerung, also zu ziffernmäßiger Einflußiosigkeit herabgesunken. Diese Massenflucht in den Ostmarken ist vor allem durch die politische Konstellation verursacht worden. Einseitige Parteinahme für das Deutschtum diskreditierte die Juden unter der polnischen Umwohnerschaft. Dabei schlug der deutschnationale Ostmarken verein eine stark antisemitische Saite an und förderte damit aucli deutscherseits den Judenhaß. Von jüdischer Seite blieb jegliche Volkspolitik aus. Die Juden, die an sich keinen Rückhalt hatten, verstreuten sich in alle Winde. Wertvolle Hochburgen jüdischer Kultur gingen damit verloren, die jüdischeste, kompakteste Masse der Juden im deutschen Staatsgebiet konnte an Ort und Stelle keinerlei Entwicklung durchmachen. Bernhard — ein Nichtjude — übersieht die Situation ganz richtig, wenn er schreibt: sie (die Ostmarkenjuden) gerieten „in eine wirtschaftliche Situation und eine gesellschaftliche Stimmung, dei ihnen den Aufenthalt verleidete.“ Wir stehen jetzt vor' neuen großen Ereignissen. Wer gibt den zurückbleibenden ca. 75 000 Juden, die im polnischen Sprachgebiet wohnen, die Sicherheit, daß sie für ihre jahrzehntelange Anteilnahme für die deutschnationale Sache nicht werden büßen müssen? Wer wird sich der Juden annehmen, wer sie schützen? Lemberg, der grauenhafteste Pogrom der Neuzeit, kann unmöglich schon vergessen sein. Derartig schwere Pogrome entstehen nicht von ungefähr. Die Ansätze hierzu reichen bis zur Boykottbewegung gegen die Juden in Polen und zu den Judenhetzen bei den österreichischen Reichsratswahlen vor etlichen Jahren, iund noch weit früher zurück. Die polnische Zeitung in Posen (Dziennik posnanski) kreischte um die Weihnachtszeit heiser: „Kratzt man ein wenig einen Juden bei uns, dann juckt sich sofort Herr Rothschild in London!“ Wollte Gott, es wäre immer so. Denn nur das kann unsere Stärke, unsere Sicherheit sein: Der Rückhalt der Juden jener Länder, wo sie immer Minoritäten sind und bleiben (werden, an dem Gemeinschaftsgefühl ihrer Brüder im Ausland! Die Geschichte der Juden in Rumänien könnte den Führern der jüdischen Verbände eine Lehre sein. Sollen jetzt diese 75 000 deutschen Juden bedingungslos den Polen überliefert werden? Welche Macht wird es übernehmen, sich dafür zu interessieren, wenn nicht einmal wir Juden uns mit aller Energie für deren Recht und Schutz verwenden? Auf dem Berliner Kongreß des Jahres 1878 war Disraeli, genannt Beaconsfield, der Urheber der Judenschutzparagraphen, welche Rumänien aufgezwungen wurden. Bismarck versuchte damals vergeblich, die jüdischen Organisationen zu interessieren, von ihnen Vorschläge und Interpellationen zu erhalten. Lord Beaconsfield, der als Kind getauft worden war, war der Einzige, der sich der jüdischen Interessen annahm. Glücklicherweise war er bei Bismarck in diesem Punkt auf Entgegenkommen und sogar Verständnis gestoßen. — Wie wenig allerdings mit einem Vertrage — einem Fetzen Papier — getan äst, haben wir in den letzten vierzig Jahren rumänischer Geschichte beobachtet. Aber ohne juristische Grundlagen geht es nun einmal nicht. Die deutsche Judenheit, die den Kongreßgedanken für Deutschland — und umsomehr für die jüdische Welt — ablehnt, überliefert damit den besten Teil ihrer eigenen Volksgenossen der Willkür der Zukunft. Unpolitisch bis dorthinaus, mutlos und indifferent, ahnen 'sie nicht, daß dieser Verzicht die schwersten Folgen haben kann.