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Volk und Land · 1919-01-16 · Heft 3 (16.1.1919) · p. Seite 87-88

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 3 (16.1.1919)
Date
1919-01-16
Page
Seite 87-88 (sequence 14)
Language
German
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VOLK UND LAND 88 87 genzgrad erfordert, .möglich sein wird, in einem weit kürzeren Zeitraum, als er bisher gemeiniglich angenommen wurde, zur Erlernung und gewinnbringenden Ausübung zu kommen, und daß man künftig nicht imehr wie bisher, die sogenannte Berufstradition als leistungförderndes Moment überschätzen wird. Aber der Krieg hat selbst in Hülle und Fülle j derlei Erfahrungen auf den verschiedensten Be- ' rufsgebieten gezeitigt, die als solche mit dem j Kriegshandwerk nichts zu tun haben. Es gibt fast j keimen Beruf, den der Krieg nicht seinen Interj essen dienstbar gemacht hat. Und vermöge der j bewundernswerten militärischen Organisation war j es möglich, die beruflichen Fähigkeiten eines jeden j an der richtigen Stelle zu verwerten. Darüber hinaus jedoch galt der Grundsatz, daß ein jeder im Notfälle alles können muß. Damit hängt eine neue Bewertung des ungelernten Mannes zusammen, der sich genötigt sah, in kürzester Zeit sich lim jeder Betätigungsstelle, wohin ihn der Zufall geführt hatte, zurechtzufinden. Wie dieses System im Großem funktionierte, zeigte schon, jeder kleine Menschenverband in dem umfassenden militärischen Rahmen. Erstaunlich sind die (Leistungen, die hundert bis zweihundert im der Kompagnie vereinigte Menschen als Gesamtheit aufzuweisem vermochten. Man darf wohl feststeilen, daß diese (soweit irgendwelche Friedensberufseignung in Frage kommt) im allgemeinen wahllos zusammengestellte Zahl von Menschen, genügt hat, allen und den höchsten Anforderungen zu entsprechen. Und es wurde in der Tat ein Höchstmaß von Teistungen von ihr verlangt. Wo sich die ewig umhergeworfene Kompagnie auch befand, im Graben oder irgendwo in Ruhestellung, innerhalb des ihr zugewiesenen Raumes mußte sie für alles sorgen, was zum Schutze des Lebens und der Gesundheit ihrer Angehörigen erforderlich war, sorgte sie für alles, was Freude und Zerstreuung in das i zwangvolle Dasein des einzelnen bringen konnte, j Sie baute Unterkünfte so primitiv und so komj fortabel, wie es der Zweck erheischte,, und wie! es mit den gerade vorhandenen Mitteln möglich war, und gab ihnen im Lichte des Tages oder unter der .Erde ein solches Maß von Wohnlichkeit, daß die Erinnerung an den heimischen Herd nicht zu schmerzlich empfunden wurde; sie grub tiefe Stollen in die Erde, wenn die Rücksicht auf Sicherheit es gebot; sie schuf Anlagen der Entwässerung, um den zugewiesenen Abschnitt besetzbar zu machen; und wenn es sein mußte, schlug sie Feuer aus dem Stein, um Licht und Wärme zu schaffen. Einen unendlichen Reichtum an Fähigkeiten schien die Natur in diesen Menschengruppen zusammengetragen zu haben. Natürlich gab es im einzelnen Falle immer nur eine beschränkte Anzahl Berufskundiger. Aber die Geringfügigkeit ihrer Zahl fiel nicht sehr ins Gewicht, weil das Gros aus hellen Köpfen und willigen Armen bestand. Der Kundigen Beispiel und Anleitung genügte, um in ganz kurzer Zeit eine große Zahl brauchbarer Leute heranzubilden und die Gesamtheit dahin zu bringen, daß es keine Arbeit gab, die nicht von den Angehörigen der Kompagnie in sachgemäßer Weise ausgeführt werden konnte. Bei welcher Arbeit man die Leute auch sah, immer hatte man den Eindruck von Gruppen, die aus lauter einseitig berufskundigen Menschen zusammengesetzt sind und nicht aus Menschen, die den verschiedensten Berufsschichten und Bevölkerungsklassen entstammen und nur zufällig im Rahmen der Kompagnie sich zusammengefunden haben. Dieselben Menschen waren Erdarbeiter und Flolzfaller, Bauhandwerker und Zimmerleute, Verfertiger von kunstgewerblichen Gegenständen und Musikinstrumentenmacher; Ihre fertige Leistung, mochte sie einem vorübergehenden Zwecke dienen oder für längere Dauer berechnet sein, war immer etwas Brauchbares, Zweckentsprechendes. Und oft war die Entscheidung schwer, ob man mehr den praktischen Sinn und den häufig zutage getretenen Erfindungsgeist der Leute bewundern sollte oder die Schönheit der geschaffenen Anlage oder des Werkes, deren Pflege bei aller Arbeit man niemals aus dem Auge verlor. In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, was die Bevölkerung in den vom Kriege betroffenen Ländern geleistet und an Werten hervorgebracht hat. Der Krieg war der Zentralpunkt alles Lebens geworden, der Regulator aller Produktion. Was nicht unmittelbar oder mittelbar seinem Zwecke diente, hatte keine Existenzberechtigung mehr. Er stampfte neue Industrien zur Erzeugung bisher unbekannter Hilfsmittel aus der Erde. Bestehende Industrien wurden ins Riesenhafte vergrößert. Ausgedehnte Fabrikationszweige der Friedenswirtschaft mußten der Not gehorchend das Arbeitsfeld räumen. Auf so einseitigen Betrieb war das alte normale Berufsschichtungsverhältnis nicht eingestellt. Der Krieg schleuderte die Arbeitsmenschen aus den gewohnten Geleisen und zwang sie, der Kriegswirtschaftsmaschine als dienendes Glied sich einzufügen, wenn sie nicht von ihren Rädern zermalmt werden wollten. Und diese Umstellung und Einstellung der Arbeitskraft aller auf das eine Ziel vollzog sich mit unwiderstehlicher Exaktheit im Zeitraum fast eines Augenblicks. Man fühlte, daß zur Erklärung dieser auffallenden und vielbewunderten Tatsache der Hinweis auf die hervorragende Organisierung der Arbeit nicht genügte. Man erkannte, mit welcher Leichtigkeit der Auffassung und Anpassungsfähigkeit Tausende und Abertausende auf bisher unbekannten Berufspfaden sich betätigten. Diese Menschen, die aus ihren gewohnten Arbeitsplätzen vertrieben, trotzdem ein jeder an seinem Platze stand, waren das Geheimnis des Erfolges der Kriegsindustrie. Der .Weltkrieg hat so Gelegenheit gegeben, Millionen von Menschen fast aller Kulturvölker, die seine unerbittliche Faust aus normalem Sein, aus Familie und Beruf herausgerissen hatte in ein Neuland des Schreckens und der Entbehrungen, bei ungewohnter und bisher nicht gekannter produktiver Arbeit zu sehen. Diese Millionen haben den Beweis .erbracht, daß ungelernte Menschenhände bei guter Anleitung auf ungezählten Tätigkeitsgebieten Wunder vollbringen können, und daß bei Umstellungen im Kleinen und im Großen die Zeit durchaus nicht als große Hemmerin im Wege zu stehen braucht. Menschen fast aller Kulturvölker sind ein lebendiges Zeugnis dafür. Auch Juden in großer Zahl. Und man darf wohl annehmen, daß das jüdische Volk in der Offenbarung und Ausbildung der durch den Krieg ans Tageslicht getretenen menschlichen Fähigkeiten hinter dem Durchschnitt der Völker nicht zurückstehen wird, wenn die nächste Zukunft ihm gewaltige Aufgaben einer Neueinstellung und Umstellung seiner Existenz zuweist.

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