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Volk und Land · 1919-01-16 · Heft 3 (16.1.1919) · p. Seite 85-86

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 3 (16.1.1919)
Date
1919-01-16
Page
Seite 85-86 (sequence 13)
Language
German
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85 VOLK UND LAND 80 DER WELTKRIEG ALS ERZIEHER Von Dr. L. Die Zeit der Erfüllung ist uns in greifbare Nähe gerückt. Das Traumbild unserer Hoffnung soll in Wirklichkeit gewandelt werden. Aus luftigen Wolkenhöhen der Sehnsucht steigt es hernieder auf die blutgetränkte, eisendurchwühlte, ungastliche Erde und stellt uns vor die ebenso beglückende wie harte Aufgabe, ihm ein irdisches Gewand zu geben und alles Rüstzeug, das die rauhe Oberfläche der Weltwirklichkeit erfordert. Jetzt handelt es sich darum, aus der Theorie Praxis werden zu, lassen, und wohl auch aller Theorie zum Trotz manche Aufgabe im Augenblick zu lösen, die eine geruhige Betrachtungsweise bisher vielfach dem Auswirken erheblicher Zeiträume vorbehielt. Wir wissen, daß das jüdische Volk, dessen ganze Existenz eine Anomalie ist, in seiner augenblicklichen beruflichen Zusammensetzung eine Mißbildung darstellt. Wir suchten und suchten jm Galuth hier regulierend einzugreifen; wir erstreben eine gesunde Berufsgliederung im Lande unserer Zukunft und haben uns an den Gedanken gewöhnt, daß unser künftiges Volksgebäude dort auf der Grundlage des landwirtschaftlichen Berufes sich erheben müsse. Und zugleich haben wir uns gewöhnt, in einer solchen Volksnotwendigkeit eine große Erschwerung für unser Kolonisationswerk zu sehen, da, wie es heißt, die Landwirtschaft nicht in der Linie der Fähigkeiten unseres Volkes liegt. Und so hat man sich in der Theorie vielfach damit abgefunden, um dieses notwendigen Fundamentes willen mit einem langsamen Tempo in der Aufbauentwicklung Palästinas zu rechnen. Aber auch die sonstwie erforderlich werdende Umstellung in der beruflichen Zusammensetzung des Volkes rechnete mit Zeiträumen der Vorbereitung, die jeder Ueberstürzung abhold war. Wie dem nun auch sein mag, festzustehen scheint es, daß die mannigfachen Ereignisse des Weitkrieges in ihrer Fortwirkung mit einer verstärktet Auswanderung der Juden besonders aus den Ländern des Ostens rechnen lassen und daß im Gegensatz zur Emigrationsbewegung der letzten 30 Vorkriegsjahre eine starke Wanderungswelk: nach dem Orient zu erwarten ist. Diese Bewegung könnte nach Oeffnung der Grenzen in solcher Stärke einsetzen, daß alle bisherigen Aufbau- Ideologien durch die Macht der Tatsachen überrannt werden. Wir würden dadurch Entwicklungen gegenübergestellt, die noch vor wenigen Jahren unserem praktischen Denken schwer vorstellbar schienen, die aber jetzt nach allem Undenkbaren, was die verflossenen Kriegsjahre uns haben erleben lassen, viel von ihrer Ungeheuerlichkeit verloren Jiaben. Der Weltkrieg, der Situationen und Aufgaben von niemals geahntem Ausmaß hat er stehen lassen, hat aus ,sich heraus auch die Mittel und Kräfte geboren, ihrer tHerr zu werden. Und so wäre es fast eine Art-ausgleichender Gerechtigkeit, wenn der Krieg, der den Juden Wunden geschlagen hat wie keinem anderen Volke, nunmehr, wo er ihm ganz neue Wege der Entwicklung vofechreibt, ihm auch zugleich die Möglichkeiten an die Hand gibt, die cs befähigen, ihren reißenden Strom zu bändigen. Eines hat der Krieg gezeigt: — wie leicht es den Menschen geworden ist, sich auf ihn einzustellen, in denkbar kurzer Zeit ihn als Beruf zu erlernen und seine Handhabungen mit größter Virtuosität auszuüben. Das ist keine Wahrheit von W e i ii b e r g. gestern'. Der Krieg in seiner modernen Gestalt | ist ein Handwerk recht komplizierter Art. Für j wie schwer man dessen Erlernung und gründliche Ausübung bisher gehalten hat, ist daraus zu erj sehen, daß die vordem in Deutschland herrschen-! den Gewalten eine dreijährige Ausbildungsperiode I für erforderlich hielten und sich mit größtem Widerstreben zur teilweisen zweijährigen Dienstzeit bereitfanden. Die wider alles Erwarten und alle Berechnung große örtliche und zeitliche Ausdehnung der Kriegshandlungen machte es notwendig, den Krieg mit ungelernten, nur notdürftig und im schnellsten Tempo vorbereiteten Soldatenmassen zu führen. Wenn man recht würdigen will, wie sehr dieses ungelernte Menschenmaterial im Kriegsberufe unter sachgemäßer Anleitung sich bewährt hat, muß man sich vor Augen halten, daß die Methoden des Krieges, denen der einzelne sich anzupassen hatte, während seiner ganzen Dauer im Fluß waren und daß fast jeder einzelne Mann im Verlaufe des Krieges auf immer neue Angriffs¬ und Abwehrwaffen sich einstellen mußte, deren j Handhabung einen hohen Grad von Intelligenz erforderte. Einige Einzelheiten seien hervorgehoben, die das Maß der Leistung jedes einzelnen Mannes i beleuchten: Um die Handfeuerwaffe, die Gas-! maske, das immer massenhafter in Gebrauch gekommene Maschinengewehr, .die Handgranaten zu gebrauchen und jn gebrauchsfähigem Zustande zu erhalten, ist eine genaue Kenntnis des komplizierten Mechanismus und der stofflichen Zusammensetzung erforderlich. Und zwar handelt es sich bei den meisten Betätigungen nicht um ein bestimmtes, sich immer gleichbleibendes Maß von Kenntnissen, das der einzelne sich aneignen mußte. Man kann fast sagen: täglich ist der einzelne Mann in die Lage gekommen, umlernen und hinzulernen zu müssen; er mußte Situationen gewachsen sein, ,wo er sich der anders gebauten \Vaffen seiner Gegner zu bedienen hatte. Alte Waffen- und Ausrüstungssysteme wurden wiederholt durch neue ersetzt, die eine Umstellung gewohnter Handhabungen nötig machten. Vergleicht man die Kriegsschilderungen und Kriegsbilder aus den Anfängen des Krieges mit jenen des Frühjahrs 1918, so könnte man glauben, daß eine Entwicklung von Jahrzehnten in der Zwischenzeit sich vollzogen habe. Und doch sind es dieselben Menschen gewesen, die sich mit den an sie herantretenden sich überstürzenden Forderungen an ihre Leistungsfähigkeit gut abgefunden haben — Menschen, die, wenn man -von den Spezialwaffengattungen absieht, nach keinem anderen Gesichtspunkte ausgewählt waren, als nach dem nicht etwa übertrieben hoch bemessenen Grad ihrer körperlichen Tauglichkeit. Recht wenig bat zu diesen Leistungen ein etwas mystischer, sozusagen von früheren Generationen überkommener militärischer Geist beigetragen, der angeblich durch -das System der allgemeinen Dienstpflicht gezüchtet worden ist, eine sogenannte Berufstradition, die man auch in anderen Berufen als leistungfördernd anspricht. Denn die Leistungen jener Völker, die bis zum Weltkrieg die allgemeine Dienstpflicht inieht gekannt haben, sind durchaus nicht (hinter jenen der anderen zurückgeblieben. Aus solchen (Kriegserfahrungen heraus darf man wohl schon die Folgerung ziehen, daß es ähnlich wie beim Kriegshandwerk in einer großen Zahl von Berufen, deren Ausübung keine größere körperliche ‘Tauglichkeit und keinen höheren Intelli-

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