Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1919)
- Date
- 1919-01-16
- Page
- Seite 83-84 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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83 VOLK UND LAND 84 Schlacht- und Arbeitstieren, Brennmaterial (meistens Holz), Lebensmitteln usw. Die zweite Art der Handelstätigkeit war, daß sich zahlreiche Kaufleute nach den verbündeten mitteleuropäischen Staaten begaben, dort die freigegebenen Industrieerzeugnisse einkauften und einen regen Paketverkehr nach Syrien unterhielten, der ziemlich hoch veranschlagt werden kann. Auch konnte man hier die Bildung einer Art Konsortien beobachten, indem mehrere Firmen zusammentraten (meist Mohammedaner) und einen sprachkundigen Vertreter nach Europa entsandten. Die Lieferungen bestanden zumeist aus Kleineisenwaren, Farben, Medikamenten, Knöpfen elektrischen Insta’lationsartikeln und Galanteriewaren. Der dritte Weg, welcher nur von kapitalkräftigen Firmen betreten wurde, war der Handel mit den Beduinenkarawanen, die aus dem östlichen Arabien kommend, eine bedeutende Menge Waren ins Land brachten, wie Zucker, Kaffee, Reis, Stoffe u. dergl. Bei dem großen Mangel an Schlachtvieh (nur Schafe) verlegten sich viele Kaufleute auf den Viehhandel. Viele dieser Händler reisten im Frühjahre den kommenden Beduinen entgegen, wodurch sie die Tiere bedeutend billiger erstehen konnten, andererseits aber das Risiko des schwierigen Transportes selbst tragen mußten. Die Ernte trug ebenfalls zu einem kräftigeren Pulsieren des Handels bei, da der Getreidehandel, außer einigen Wochen zur Erntezeit selbst (wegen Einnahme des Zehents), frei war. Freilich hatten diese Einkäufer mit Transportschwierigkeiten zu kämpfen, die gegen Ende des /ahres tatsächlich den Verkehr mit Zereaüen lahmlegten. Im allgemeinen muß man sagen, daß die syrischen Kaufleute im Berichtsjahre gut verdient haben, da sie das Umsatteln zur rechten Zeit verstanden. Der Platz hat an seiner altbewährten Solidität nichts eingebüßt, trotzdem die verschiedenen Abgaben an die Regierung, die sich im Laufe des Berichtsjahres wiederholten, sehr hohe waren und auch sonst mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen war. Zu erwähnen ist auch der nicht unbeträchtliche Handel mit im Lande lagernden europäischen Waren, welche von den Küstenstädten nach Damaskus gebracht wurden. Die Stadt Damaskus war durch ihre Bahnverbindungen und durch die Kriegslage zum Zentruih Syriens geworden, und der Konsum durch diedurchreisenden Militärformationen hatte sich erheblich gesteigert. Die Damaszener Kaufleute verstanden die dadurch gegebene Lage richtig auszunützen, indem sie aus den weitab vom Verkehr zu liegen gekommenen Küstenstädten die dort aufgestapelten Warenlager nach Damaskus brachten, wo sie ausgezeichneten Absatz fanden. So kann man mit Recht behaupten, daß trotz des vierten Kriegsjahres von einem empfindlichen Warenmangel nicht die Rede sein konnte. Wohl trug diese Art des Geschäftes zur Verteuerung der Waren bei und im allgemeinen waren die Damaszener Preise 30 Prozent höher als jene der anderen syrischen Städte. Trotz der verhältnismäßig guten Ernte des Jahres 1917 waren im ganzen Vilajet Syrien die Lebensmittelpreise durch das ganze Jahr in stetiger Steigerung begriffen. Diese Teuerung hatte ihre Ursache in den schwierigen Verkehrsverhältnissen, weil der fühlbare Mangel an rollendem Material infolge der Kriegsereignisse an der Palästiinafront einen Privatgüterverkehr nur in geringstem Umtange zuließ. Die hierzulande gebauten Bahnen waren von Anfang an nur als Lokalbahnen gedacht und deshalb, abgesehen von der Strecke Rayak—Aleppo, schmalspurig ausgeführt, also militärischen und privaten Anforderungen zu gleicher Zeit nicht gewachsen. Nachdem nunmehr die minder fruchtbarere Umgebung der großen, im Norden befindlichen Städte auch in Friedenszeiten den Konsum nicht bewältigen kann, waren die Preise von Zerealien in Damaskus, Homs und Hama sehr hohe und differierten durch das ganze Jahr um das Doppelte von den. im eigentlichen Getreidezentrum, dem Hauran und Dschebel Druz, geforderten Preisen. Diese Verkehrskalamität machte sich bei allen Lebensmitteln fühlbar um! hatte selbstverständlich eine bedeutende Rückwirkung auf das gesamte geschäftliche und finanzielle Leben. Geld-, Bankwesen und Kredit. Der Geld verkehr nach der Monarchie und nach Deutschland war im Berichtsjahre, besonders zu Beginn wegen der günstigen Kurse ein reger tmd betrug für die Stadt Damaskus allein in Form von Ueberweisungen annähernd 200 000 L. tqu.*). Erst im November wurden die Uebenveisungen durch die Gründung der Devisenzentrale in Konstantinopel sehr erschwert. Außer diesem Ueberwindungsgeschäft beschäftigten sich die hiesigen Banken nur mit EskontierurojF' guter Platzwechsel. Der übliche Zinsfuß hierfür schwankte zwischen 12 bis lb Prozent. Kredite wurden von seriösen Instituten nicht gegeben, außer an Unternehmen, an welchen die Zivil¬ oder Heeresverwaltung unmittelbar beteiligt war; der Zinsfuß überstieg nie 9 Prozent. Die Devisenkurse, wofür hauptsächlich österreichisch-ungarische und deutsche Wechsel in Frage kamen, wraren zu Anfang des Jahres: eine türkische Lire 32[i> K. oder 21 M., mit Ende des Jahres 29 K. oder 19{._> M. Die hiesigen Kurse differierten während des Berichtsjahrcs oft erheblich von den Konstantinopler Kursen. Von großer Bedeutung für das Geldwesen des Platzes war die umfangreiche Spekulation intürkischen Papiernoten im Umtausch gegen Hartgeld (namentlich Gold). Alle von den Beduinen und Bauern käuflichen Produkte und Vieh waren nur gegen Go’.dzahlung erhältlich. Die Entwertung des Papiergeldes erreichte im August ihren größten Tiefstand, nämlich 19 Piaster Hartgeld (Silber) 100 Piaster Papier. Es wurde das ganze Jahr hindurch in Papier erheblich spekuliert, am meisten in Zeitenin denen Abgaben oder Zwangseintreibuingen an die Regierung in großem Stile gemacht wurden. Im allgemeinen wurde aber der Handel zu mehr als zwei Dritteln seines Umfanges mit Gold- und Hartgeldzahlung betrieben. Die Platzlage war angesichts der großen Teuerung, Lebensmittelknappheit und den Verkehrsschwierigkeiten trotzdem eine gute, solide. Fallimente kamen in nennenswerter Bedeutung nicht vor. Finanzielle oder industrielle Neugründungen erwähnenswerteren Umfanges sind nicht zu verzeichnen gewesen, außer Gründung der Türkischen Nationalbank mit dem iHauptsitz in Konstantinopel. Im Vilajet Syrien wurden hierfür 300 000 L. tqu. gesammelt, wrovott auf die Stadt Damaskus allein 100 000 L. tqu. entfallen. Gewerbe. Bei Beurteilung der Verhältnisse des Gewerbestandes im Berichtsjahre muß Jnan zwei Kategorien auseinanderhalten, nämlich jene Gewerbetreibenden, welche ausschließlich auf europäischerseits gelieferte Rohstoffe angewiesen sind, und solche, welche zumeist hierzulande erzeugte Rohstoffe verarbeiten. Unter den ersteren ist insbesondere das Schneiderhandwerk zu erwähnen, welches infolge des allgemeinen Stoffmangels wenig Arbeitsgelegenheit fand; Anders das Schuhmachergewerbe, welches mit dem hierzulande verfertigten, wenn auch minderwertigeren Leder den Bedarf des Landes an Schuhwerk reichlich deckte. Zu erwähnen sind die hier zwangsweise ansässig gemachten armenischen Gerber aus der Gegend von Amtab, welche gutes Rindleder (Boxcalf), Sohlenleder und Ziegenleder (Saffian) erzeugen. Die Gerberlohe liefern die Blätter des Sumachstrauches, der Gerbprozeß dauert ungefähr zwei Monate. Die Seifen fabrikatioq hatte nach fast zweijährigem schlechten Geschäftsgang wieder ein gutes Jahr, da die Olivenemte gut ausgefallen w’ar. Die mangelnde kaustische Soda wurde in Damaskus nach der Art der Aleppo-Methode durch Aschenlauge mit Kalkbehandlung ersetzt. Die heuer erzeugte Seife war allerdings trotzdem teuer, da die mangelhaften Verkehrsmittel den Transport der Rohstoffe (Oel, Kalk) sehr verteuerten. Die Bauindustrie stand im Berichtsjahre hingegen völlig still bis auf Neubauten der Zivil- und Militärbehörden, da zum Beispiel Zement vollständig fehlte und Bauholz, Traversen usw. nur zu ungewöhnlich hohen Preisen erhältlich waren. *) Friedenswert des türkischen Pfund ■= 18.44 M.