Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1919)
- Date
- 1919-01-16
- Page
- Seite 77-78 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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77 ■- . . - VOLK UND LAND 78 die Handarbeit nicht verdrängt, sondern die mit der Hand gearbeitete Ware wird aus praktischen Gründen stets weiter bevorzugt. Die Fabrikation der Rosenkränze wiederum ist trotz der jährlichen Zunahme nicht groß genug, um kostspielige Maschinen dafür aufzustellen. Für die anderen Erzeugnisse der Perlmutterindustrie kommen aber Maschinen überhaupt nicht in Betracht. Unter den Schnitzarbeiten, die auf ganzen Perlmutterschalen ausgeführt werden, habe ich manchmal Stücke gesehen, die eine bedeutende technische Fertigkeit und sogar Formverständnis zeigten. Die O 1 i v e n h o 1 z b e a r b e i t u n g in Jerusalem beschäftigt sich "hauptsächlich mit der Herstellung von Kästchen, Album- und Einbanddecken, kleinen gedrehten Schalen, Rahmen und ähnlichem. Das Einzige, was diese Erzeugnisse als palästinensische kennzeichnet, ist die Aufschrift .Jerusalem“, die fast alle Gegenstände tragen, und das eigenartige Olivenholz. Die Formen und die Auswahl der Artikel machen einen recht ärmlichen Eindruck. Hier ist ein künstlerisches Eingreifen dringend nötig. Durch Anwendung von Intarsien, Meta'.lbeschlag, Schnitztechnik usw. ließen sich die Sachen auch künstlerisch erheblich verbessern. Es gestehen ein paar Kraftbetriebe, die die Fräs- und Schneidearbeiten auch für kleinere Werkstätten ausführen. Die Spitzen industrie besteht hauptsächlich im Norden — außerhalb Palästinas, in Aintab und im Libanon, ln diesen beiden Gegenden sind es Nichtjuden, die diese Industrie betreiben. Das ganz besondere Interesse aber, das wir an einer Entwicklung der Spitzenindustrie in Palästina haben sollten, veranlaßt mich, ein paar kurze Bemerkungen über diese Industrie, auch soweit sie Syrien betrifft,, zu machen. Die Herstellung der Spitzen in den erwähnten Gegenden wurde erst im Laufe der letzten Zeit eingeführt, und zwar hauptsächlich durch die Missionen. In Aintab werden 3000 bis 4000 armenische Atädclien mit diesen ArbeLen beschäftigt. Die Produktion soll sich dort auf ungefähr eine halbe Million Francs belaufen. Nach Angaben des deutschen Konsuls in Beirut werden im Libanon von christlichen Frauen und Mädchen irische Spitzen im Werte von etwa 1 Million Francs angefertigt. Die Preise der Spitzen sind außerordentlich niedrig. Die Erzeugnisse werden hauptsächlich nach Amerika exportiert. In der allerletzten Zeit wurden seitens der Missionen auch in verschiedenen Gegenden des eigentlichen Palästina Schritte unternommen, um diese Spitzenarbeiten auch hier einzuführen. Auch jüdischerseits ist die Bedeutung dieser Industrie erkannt worden, und es werden bereits in Jaffa, Jerusalem, Tiberias und Safed eine Anzahl jüdischer Mädchen mit Spitzenarbeiten beschäftigt. Ueber diese Bemühungen von jüdischer Seite werde ich weiterhin noch berichten. Der qualitative Wert der allgemeinen Marktware der Spitzen ist ziemlich niedrig einzuschätzen. Die Spitzen sind meist aus grobem Garn gearbeitet und nach uninteressanten Mustern ausgeführt. Trotzdem ist es, wie wir sehen, den Missionen gelungen, in kurzer Zeit einen erheblichen Erfolg zu erzielen. Wir dürfen das als einem wichtigen Beweis der Entwicklungsfähigkeit der Spitzenindustrie in Palästina betrachten. Es wird häufig behauptet, daß die hier angeführten Gewerbe zu den sogenannten S c h w i t z - industrien gehören. Hinsichtlich der Perlmutterarbeiten stimmt es ganz und gar nicht; ein Perlmutterarbeiter (Säger oder Feiler) verdient M. 2.— bis 2.50 pro Tag. Das Durchbohren der Perlen wird mit M. 0.75 pro Tausend berechnet und ein Arbeiter macht täglich 3000—4000. Die Graveure bringen es sogar auf M. 4.— und mehr pro Tag. Frauen verdienen durchschnittlich 1.4<) M. pro Tag. Allerdings muß in Betracht gezogen werden, daö die Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit einer Stunde Mittagspause dauert, und daß die Arbeit etwa drei Monate im Jahre ganz, oder nahezu ganz stillsteht. Was die Damaszener Arbeiten betrifft, so sind dabei die Arbeitsverhältnisse viel schlimmer. Die Arbeitslöhne betragen für einen erwachsenen Arbeiter 1 Frcs. und etwas darüber, für Mädchen 50 Centimes und für Kinder 10—30 Centimes pro Tag. Wie traurig auch dieser Zustand an und für sicli sein mag, so müssen wir uns doch damit trösten, daß auch in Europa und dabei in den industriell höchst entwickelten Ländern auf manchen Gebieten dieselben Zustände herrschen, besonders in der Hausindustrie. So möchte ich hier die Berliner Konfektion erwähnen, wo nach den Ergebnissen der Berliner Heimarbeitsausstellung im Jahre 190ö die unglaublichen Stundenlöhne von 3—4 Pf. Vorkommen! Eine im Jahre 1912 durchgeführte Umfrage hat ergeben, daß volle 50 o 0 der Heimarbeiterinnen weniger als M. 0.16 Stundenlohn bekamen. In der Drahtwarenfabrikation (bei Nadeln, Geldtäschchen, Schürzenhaltern, Oesen usw.) sind M. 0.50 gewöhnlicher Tagelohn. In der Filetindustrie im Taunus verdient eine geschickte Arbeiterin bei 12- bis 14stündiger Arbeitszeit höchstens M. 0.50 pro Tag! ln der sächsischen Spielwarenindustrie beträgt der Wochenlohn der Heimarbeiter durchschnittlich M. 6.— bis 16.—, einschließlich der Familienmitglieder M. 9.— bis 22.—. Die tägliche Arbeitszeit beläuft sich in der Rqgel auf 11 bis 12 Stunden. Aehnlich ist es in der Sonnenberger Spielwarenindustrie. Bei der Fabrikation künstlicher Blumen kommt eine Arbeiterin nach mehrjährigem Arbeiten bei viel Fleiß und Geschick auf M. 40.— bis 50.— monatlich. Im japanischen Kunstgewerbe verdient bei der Lackindustrie ein Mann M. 1.10 bis 1.20, eine Frau M. 0.50 bis 0.55, ein Kind M. 0.30 bis 0.34. In der belgischen Spitzenindustrie ist der Tageslohn etwa 60 bis 90 Centimes. Der Lohn droht sogar zu sinken, seit im französischen Nachbargebiet yon Calais eine neue Spitzenindustrie auf Löhnen von 50 Centimes pro Tag aufgebaut wurde. Trotzalledem wird für die weitere Entwicklung dieser Gewerbezweige allseitig gesorgt. Ihre volkswirtschaftliche Bedeutung ist trotz des Vorherrschens solcher Lohn- und Arbeitsverhältnisse überall anerkannt. Abhilfe wird in der Einführung eines ausreichenden Arbeiterschutzes, in der Schaffung von Lohnämtern, Gewerkvereinen usw. gesucht. Wenn wir die allgemeinen Lebensbedingungen und Bedürfnisse Europas und Palästinas miteinander vergleichen, so müssen wir einsehen, daß nicht das palästinensische Kunstgewerbe heute am trostlosesten aussieht. Wir werden hier zwar kaum schon jetzt mit einer Einführung eines Arbeiterschutzes rechnen können, aber mit Hilfe von außenstehenden Kreisen wäre vieles zu bessern und zu beheben. Bereitstellung von Kapital, Errichtung von Fachschulen und Lehrwerkstätten könnten sicherlich .viel Gutes bewirken. Für eine Lohnsteigerung gibt der übermäßig hohe Unterschied zwischen den Herstellungspreisen und den Verkaufspreisen Spielraum genug. In der letzten Zeit ist die Erkenntnis der Bedeutung des Kunstgewerbes für die jüdische Bevölkerung der Städte Palästinas in den außenstehenden jüdischen Kreisen wach geworden. Vor allem hat es sich in der Gründung des Vereins „Bezalel“ geäußert, der sich als Ziel die Entwicklung und Hebung des Kunstgewerbes und der Hausindustrie Palästinas stellte. Der Verein hat fast in allen