Mannheim
Compact Memory

Volk und Land · 1919-01-16 · Heft 3 (16.1.1919) · p. Seite 73-74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 3 (16.1.1919)
Date
1919-01-16
Page
Seite 73-74 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2649276-2649277-2649281--0071-2649407
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

73 VOLK UND LAND 74 den Handwerkern als einem zusammenhängenden Stande sprechen kann. Das führte zu einem argen Rückgänge des einst blühenden Handwerks, und wenn wir an die Gesundung der städtischen Wirtschaftsverhältnisse herantreten wollen, so müssen wir zunächst dem Handwerk unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Es soll hier gleich auf die außergewöhnlichen Bevölkcrungsverhältnisse in den Städten Palästinas hingewiesen werden. Der Zuwachs der jüdischen Bevölkerung in den palästinensischen Städten ist nicht in erster Linie auf Grund des Abströmens aus der Landwirtschaft, sondern durch die Einwanderung von Erwerbsunfähigen erfolgt, die hauptsächlich aus religiösen Motiven nach Palästina kamen. Und so entstand in (erusalem, Tiberias1 Safed und sogar teilweise in Jaffa ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung, der außerhalb jeden Berufes lebt. Diese Erscheinung hat dazu geführt, daß eine Oranisation zustande kommen mußte, um diesen evölkerungsteilen Hilfe zu bringen. Das war die Chalukah. In den letzten Jahren sind mehr als 7 Millionen Francs jährlich durch die Chaluka ohne jede Gegenleistung verteilt worden. Es wurde auch kein Versuch gemacht, diese Hilfe in irgendeine annehmbare Form zu bringen. Man darf das aber nicht auf schlechten Willen der Leiter der Chaluka j zurückführen; vielmehr war die Chaluka ihrer Auf-! gäbe nicht gewachsen. Will man diesem Uebelstande wirklich Abhilfe bringen, so muß es äuf j Grundlage der Hebung des Gewerbes geschehen, i Wir müssen dabei von der Entwicklung der schon bestehenden Gewerbe ausgehen. Unser nächstes Programm soll eine durchgreifende Sanierung der Existenzverhältnisse der Handwerker durchzusuchen und einen Uebergang des berufslosen Be- I völkerungsteiles zum Handwerk bewirken. i Zu den Gewerben in Palästina, die bis heute noch eine fühlbare Rolle spielen, gehört auch das Kunstgewerbe. Merkwürdigerweise hat sieh das Kunstgewerbe bei dem allmählichen Verfall des Handwerks zu erhalten vermocht, so daß es heute unter den Handwerken eine führende Rolle spielt, i Dies erklärt 'sich leicht, wenn man bedenkt, daß das palästinensische Kunstgewerbe aus dem mohammedanischen herrührt und zu den Erben dieses wertvollen künstlerischen Schatzes zählt. Es ist für uns noch bemerkenswert, daß im palästinensischen Kunstgewerbe (mit Ausnahme desjenigen von Bethlehem) meistens jüdische Kräfte beschäftigt sind. Die Blütezeiten des mohammedanischen .Kunstgewerbes fallen naturgemäß mit den Glanzperioden j der einzelnen mohammedanischen Staaten zusammen. Persien hatte, als es vom Islam erobert wurde, in seiner ruhmreichen sassanidlschen Epoche so viele neue Formen hervorgebracht, daß es sogleich bestimmenden Einfluß auf die Kunst des Kalifats gewann. Wir nehmen noch immer die Textilien- und Metallarbeiten, die uns aus jener Zeit erhalten sind, zum Ausgangspunkt aller Studien auf diesem Gebiete. Im engen Zusammenhang mit Mesopotamien gelangten dann im Mittelalter die Tauschiertechnik und die Keramik zu reicher Entfaltung. Im 16. und 17. Jahrhundert entstanden unter den Safa- Vviden die prächtigsten Erzeugnisse der Weberei und Teppichknüpferei, die an technischer Vollendung nicht wieder erreicht worden sind. Von allen mohammedanischen Ländern zeigt Aegypten die ruhigste Entwicklung, die sich von den koptischen Traditionen durch die Epochen der Tuluniden, der Fatimiden und der Mameluken verfolgen läßt. Im frühen Mittelalter brachte es die besten Metallarbeiten, hervorragende Werke des Metallgusses und einer erstaunlich vielseitigen Keramik hervor, während später die Tauschierschule von Kairo und die Holzschnitzerei seinen größten Ruhm bilden. Schon seit phönizischer Zeit war die Tauschiertechnik in Strien zu Hause. Svrien, das anfangs mit Mesopotamien und "in späterer Zeit mit Aegypten politisch verbunden war, hat unter den Mamelukenfürsten mit seinen Emaillegläsern, seinen Brokatstoffen und Metallarbeiten die Bewunderung der ganzen damaligen Welt erregt. Durch die Berührung mit Mossul ist eine weitere Entwicklung des Ornamentes von geometrischen zu figuralen Arabesken erfolgt. Interessant ist hier festzustellen, daß schon zu jener Zeit die Juden eine bedeutende Rolle in diesem Metallhandwerk spielten. Das Glaubensbekenntnis der einzelnen Künstler ist oft genug aus den angebrachten Motiven und Szenen zu ersehen. Der Einfluß der mohammedanisch-orientalischen Arbeiten auf das Kunstgewerbe, der christlichen Welt war damals groß genug, besonders groß war er in dem keramischen und textilen Kunstgewerbe. So ist es der Fall bei der Lüster-Keramik von Deruta, bei den sogenannten sarazenisch-italienischen Stoffen des 13. und 15. Jahrhunderts. §ogar die venezianische Glasmalerei hat ihre Entstehung dem Einflüsse von Damaskus zu verdanken. Die Damaszener Tauschiertechniken sind dem europäischen Kunstgewerbe durch die Vermittlung von syrischen Handwerkern unter dem verstümmelten Namen von „Alla Damaschina“ oder „AIP Azemina“ zugeführt worden. Je mehr wir in die Geschichte des europäischen Kunstgewerbes eindringen, desto klarer tritt die Bedeutung des Orients vor unsere Augen, und auch bis auf den heutigen Tag unterliegt das europäische Kunstgewerbe diesem Einflüsse. Zwar ist es mit den Blütezeiten des mohammedanischen Kunstgewerbes vorbei! Aber trotzdem ist es an manchen Stellen in Palästina bis heute ein wichtiges Moment der Volkswirtschaft geblieben. Der orientalische Stil und die Entstehung im Heiligen Lande haben den Erzeugnissen trotz der oftmals sehr mangelhaften technischen Ausführung die nötige Anziehungskraft verliehen. Von dem, was seit jenen Blütezeiten in Palästina geblieben ist, stehen an erster' Stelle die Möbel-Inkrustation, die Intarsien- sowie schließlich die Kupfer- und Messingarbeiten. Diese Zweige haben ihren Hauptsitz in Damaskus. An zweiter Stelle stehen die Jerusalemer und Bethlehemer Erzeugnisse der sogenannten „Objets de piete“, ferner müssen noch die Silberschmiede- und Filigranarbeiten, die keinen lokalen Sitz haben, erwähnt werden. Die Textilarbeiten haben ihren kunstgewerblichen Charakter zwar verloren, werden aber noch immer im orientalischen Stile gehalten, so die Seidenweberei in Damaskus. Die Teppichknüpferei ist eigentlich nie nach Palästina gelangt, und nur in dei: letzten Zeit sind einige Versuche in dieser Hinsicht gemacht worden. Dagegen ist die einst so blühende Keramik und Glasindustrie gänzlich verschwunden. Die erstere begnügt sich heute mit der Erzeugung meist primitiver Tongefäße, während von der letzteren eine ganz unbedeutende Glasperlenfabrikation in Hebron und eine in Damaskus übriggeblieben ist. Gehen wir nun näher auf die einzelnen Zweige ein: Die Damaszener Ho 1 zarbeiten ,bestehen aus Holzeinlegearbeiten, Holzschnitzereien und einer eigenartigen Drechslerarbeit, die unter dem Namen „Muscnrabie“ bekannt ist. Bei den Einlegearbeiten wird als Material verschieden gefärbtes Holz, Perlmutter und Knochen verwandt. Die Muschrabiearbeiten bestehen aus kleinen ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.