Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1919)
- Date
- 1919-01-16
- Page
- Seite 71-72 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLK UND LAND 72 71 als bei einer systematisch darauf gerichteten Tätigkeit, Leuten zu ländlichem j Eigentum zu verhelfen!“ j Wir glauben, hier die Möglichkeit gezeigt zu! haben, daß in kürzester Zeit zehntausende von alten Leuten, zehntausende von Kindern und viele zehntausende von ungelernten und gelernten Arbei- [ tern nach Palästina einvvandern könnten, ohne daß j im großen und ganzen Besorgnis am Platze wäre,! Gegenüber denjenigen, die ein möglichst niedriges j Mindestmaß der Einwanderung und die Ablenkung | der „großen“ Auswanderung nach anderen Ländern empfehlen, möchte ich noch auf einige Einzelmög- - lichkeiten hinwfeisen. Eine der „jüdischsten“ Industrien und gleichzeitig eine, die sich für Palästina vorzüglich eignen würde, ist die Zigarettenindustrie, die im benachbarten Aegypten in großer Blüte steht, obwohl dort aus fiskalischen Gründen der Tabakbau verboten ist. Die Welt kennt zahlreiche einzelne Zigarettenfirmen, deren jede viele Zehntausende von Arbeitern beschäftigt. Es ist danach nicht zu zweifeln, daß auch zehntausend jüdische Zigarettenarbeiter in Palästina eine Existenz finden würden. Für derlei ist keine lange Vorbereitung nötig und eine sozusagen nationale Industrie dieser Art könnte sogar den größten Teil des in dieser Branche üblicherweise sehr hohen Reklameetats sparen. Es wäre durchaus möglich, zehntausend Zigarettenarbeiter, die einer gesamten Seelenzahl von dreißigtausend entsprechen dürften, innerhalb eines oder zweier Jahre in Palästina anzusiedeln. j Genau dasselbe gilt für eine Frauen inj dustrie wie die Trikotagenf abrikation.! In Aleppo und in den benachbarten Städten Nordsyriens waren vor zehn Jahren bereits 8000 deut- 1 sehe Strickmaschinen im Betrieb, was bei entsprechender Ausnützung der Beschäftigung von etwa 20 000 Arbeitskräften (oder der Existenz von ungefähr 40 000 Seelen) entsprechen wird. Auch hier handelt es sich um eine Industrie, die keiner langen Vorbereitung bedarf, und deren Markt sicher wäre. Die kleine Spitzenindustrie, die ich vor etwa 10 Jahren für Palästina empfohlen habe, und in der vor dem Kriege annähernd '400 Mädchen und Frauen beschäftigt waren, habe ich eigentlich erst daraufhin propagiert, daß ich von einer ähnlichen Industrie auf den kanarischen Inseln hörte, die dort innerhalb einer kurzen Entwicklungszeit über zehntausend Mädchen und Frauen beschäftigte und ihnen allein an Arbeitslohn etwa 10 Millionen Franken im Jahre brachte. Alle diese Beispiele, denen zahlreiche andere hinzuzufügen wären, scheinen mir darzutun, daß man bei dem Vorhandensein eines so großen Auswanderungsdranges, wie wir ihn vor uns sehen, keinesfalls die Furcht vor Ueberstürzung angebracht wäre. Die einzige Klasse von Einwanderern, die Befürchtung erwecken kann, wäre die der u n - zuverlässigen Elemente. Aber es ist schwer — wenn nicht unmöglich, solche von vornherein zu erkennen und auszusortieren. Im übrigen aber wird eine große Einwanderung und Ansiedelung, wie wir sie zu erwarten haben, bei richtiger Führung einen solchen Geist aus sich heraus schaffen, daß auch zweifelhafte Elemente m i t - gerissen werden und sich dem großen Rythmus unserer Aufbauarbeit einfügen werden. Dies ist übrigens £ine Erscheinung, die man bei zahlreichen Kolonisationen — auch solchen, denen von vornherein jedes ethische Moment fehlte beobachten konnte. (Fortsetzung folgt in Heft 4). DAS KUNSTGEWERBE PALAESTINAS Von J. Syrkin, z. Zt. Wilna. Zu einem der aktuellsten Probleme der Palästina - Kolonisation gehört die Gesundung der städtischen Wirtschaftsverhältnisse, ein Problem, das bis heute noch von keiner Seite ernstlich angefaßt worden ist. Unsere gesamten Organe, die sich mit der Palästina-Kolonisation befaßten, stellten bis heute ihre Mittel nur der landwirtschaftlichen Kolonisation zur Verfügung, und wenn sie hie und da auch einmal an städtischen Unternehmungen beteiligt waren, so hat es sich doch in der Hauptsache um Unternehmungen wie Tel Awiw gehandelt, das endlich doch nur eine Schul-- oder im besten Falle eine Villenstadt geworden ist. Die wirklichen Palästinastädte sind aber bis heute abseits der kolonisatorischen Arbeit geblieben. Es sind weder neue Einwanderungsmögüchkeiten entstanden, noch ist eine wesentliche wirtschaftliche Hebung der schon vorhandenen Bevölkerung erfolgt, — die sämtlichen Informationen, die von dem Palästina-Amt und anderen Informationsbüros verbreitet worden sind, bezeugen dies klar genug. Gewiß ist es nicht aus Mangel an Einsicht geschehen. Vielmehr wirkten hemmend der Mangel an Mitteln und die Kompliziertheit des Problems. Die Technik der landwirtschaftlichen Kolonisation ist doch im Vergleich zu der der städtischen viel einfacher. Im großen und ganzen genügt es ja, I eine Gruppe Landwirtschaftler zu vereinen, ihnen I den nötigen Boden, Kredite und Absatzmöglich-! keiten ZU verschaffen und damit die Verwurzelung S dieser Gruppe zu erreichen. Anders ist Cs mit einer j städtischen Einwanderung, die nur durch eine umj fassende Einwirkung auf die städtische Wirtschaftsj Verfassung erfolgen kann. Solch ein Einfluß erfor- 1 dert aber viel mehr Vorbereitung und Mittel, als wir | sie bisher in Palästina treffen und ansetzen konnten, j Es genügt schon ein oberflächlicher Blick in die Verhältnisse einer Palästinastadt, um ihre Schwächen zu erfassen. Vor allem ist es der außerordentlich mangelhafte Stand des Handwerks, der Grundlage der Stadtwirtschaft in jedem industriell rückständigen Lande.! Die Entwicklung des Handwerks im Orient ist I andere Wege gegangen als in Europa. Vor allem I fehlten ihr sämtliche Wohltaten, die dem euro- J päischen Handwerk die Zünfte gegeben haben, j Während das europäische Handwerk noch heute i mehr oder weniger durch die zwar stark modernisierten Zünfte zusammengehalten wird, sieht jnan heute im Orient gar keine oder nur sehr schwache Spuren einer Handwerkerorganisation. Die alten Esnafs (Zünfte) haben ihre Bedeutung zum größten Teil verloren und sind in Palästina ganz veri schwunden, sö daß man heute dort kaum noch von