Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1919)
- Date
- 1919-01-16
- Page
- Seite 69-70 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Ziffer von 6 Millionen in naher Zukunft als eine Mindestzahl des Möglichen erscheinen werde"). Nach alledem sollte man die Frage nach der Fassungskraft des Landes für erledigt halten, und es wäre nun zu versuchen, auf welchem schnellsten Wege eine gedeihliche Entwicklung einzuleiten sei. Hierbei ist ein Maxi m u m des Möglichen vor allem aus dem Grunde geboten, weil wir trachten müssen, die politische; Chance, die uns in den Schoß gefallen ist, schnellstens dadurch zu sichern, daß wir die Mehrheit im Lande werden. Sind wir soweit gelangt, Palästina als aufi nahmefähig für viele Millionen zu betrachten, und j halten wir ferner die schnellste Herbeiführung einer! jüdischen Majorität im Lande für notwendig, so; taucht die neue Frage auf, was für Elemente vor allem wünschenswert wären, und weiter, ob in irgend einem Sinne der bestehende Auswanderungsdrang zu hemmen sein würde. Hier glauben Manche (und vielleicht die Meisten), daß eine besondere Auslese erforderlich sei. Nun ist es zweifellos richtig, daß eine gute j Auswahl besser ist als wahllose Einwanderung. j Aber schon, Wenn man sich fragt, ob irgendj wem die Einwanderung zu verwehren sei, dürften Zweifel auftauchen. Es ist selbstverständlich, j daß die Einwanderung ungeeigneter Elemente j gefährlich und zum mindesten unwirtj schaftlich sein würde. Aber auch die Auswahl hat ihre Gefahren, und vor allen Dingen ist die rasche Erzielung der Mehrheit im Lande von so überragender Wichtigkeit, daß man auch Unzuträglichkeiten mit in den Kauf nehmen könnte. Während man auch bei der besten Art von Einwanderern nicht sicher sein kann, ob eine Enttäuschung folgt, möchte ich soweit gehen, sogar die Einwanderung solcher zu empfehlen, die Niemanden enttäuschen werden, weil man keine Erwartungen auf sie setzt! Sogar wenn es uns gelänge, die jüdische Altersversorgung der Diaspora in großem Umfange nach Palästina zu verlegen und zehntausende erwerbsunfähiger Personen aus ihren bisherigen Wohnländern nach Palästina zu verpflanzen, — selbst dann wären wrir um die entsprechende Seelenzahl dem zunächst wichtigsten Ziele der Mehrheitsbildung näher gekommen. Dies ist der krasseste Fall, an den zu denken aber nicht einmal so fern liegt, weil wir das Beispiel Jerusalems vor uns haben, dessen jüdische Zweidrittel-Majorität aus ungefähr solchen Elementen besteht oder doch auf solchen aufgebaut worden ist. Kein Zweifel, daß es für zahlreiche alte Leute, die gegenwärtig von der Fürsorgetätigkeit ihrer Heimatsgemeinden in diesen selbst erhalten werden* die Erfüllung einer Sehnsucht bedeuten würde, wenn sie die Möglichkeit bekämen, ihre Tage im Heiligen Lande zu beschließen. Dem nationalen Gewinn würde also auch ein inneres Moment von hoher Bedeutung zur Seite stehen. Daneben sogar noch ein materieller Vorteil, denn der gesamte Unterhalt stellt sich bei den geringeren Ansprüchen, die das Klima Palästinas an Nahrung, *) Zur Beurteilung der Pläne Prof, ßallods und Oettingers werden wir in kurzem ausführliche Materialien veröffentlichen. 70 Kleidung und Wohnung stellt, hier billiger als in den meisten bisherigen Wohnländern. Was für diesen extremsten Fall gilt, hat tim so größere Geltung, für die Erziehung der J u g e n d , besonders für die Waisenerziehung. Zehntausende jüdischer Waisen w'ürden im nationalen wie im persönlichen und ebenfalls im ökonomischen Interesse besser in Palästina zu erziehen sein als irgendwo sonst. Wir könnten ein riesiges Erzieh ungsw'erk (das selbstverständlich nicht nur auf! Waisen zu beschranken (wäre) in Palästina errichten, und damit in diesem Falle nicht nur der V o 1 k s z a h 1, sondern auch der Zukunft im besten Sinne voranhelfen. Schon das erste hebräische Gymnasium in Jaffa hat hunderte von Schülern aus dem Ausland herbeigeführt, die in ihrer Art, als Vortruppe ihrer Eltern und Verwandten, eine Avantgarde weiterer Einwanderung bildeten. Nebenbei ist dieses Gymnasium dadurch auch zur größten Einnahmequelle der Jaffaer Judenschaft geworden. Man sieht also, daß es sich hierbei um ein in jeder Hinsicht hoch erwünschtes Element handeln würde. Haben wir es hier immerhin mit zwei ziemlich extremen Arten von Einwanderern zu tun gehabt, so könnten wir nunmehr eine lange Reihe von Berufen aufzählen, deren Eignung beim Beginne einer Einwanderung keinem Zweifel unterliegen kann. Hier wird es sich zunächst um jede Art kräftiger und arbeitswilliger Leute handeln. Jede neuere Erfahrung und besonders die Praxis des Weltkrieges haben gezeigt, wie leicht es ist, auch ungelernte Arbeiter zu zahlreichen, selbst recht schwierigen Verrichtungen in kürzester Zeit lieranzubilden. Sicherlich wird auch für das so vielseitige Ansiedlungswerk gelten, was sich in dieser Hinsicht im Kriege hundertfach bewährt hat. Eine besondere Eignung wird selbstverständlich vor allem den zahlreichen Einzelberufen zuz!usprechen sein, die mit Landwirtschaft und Bauhand wrerk, mit Transport- und Maschinenwesen zu tun haben. Daneben kommen zahllose andere handwerkliche, industrielle und son. stige „städtische“*) Berufe in Betracht, die, wenn ihnen nicht schon das bisherige Palästina ein Feld bieten konnte, ein solches innerhalb der neuen Einwanderung finden werden. Eine der größten „Industrien“ wäre in unserem Falle die Vorbereitung von Heimstätten für solche Einwanderer, die erst in einigen Jahren zu kommen gedenken und einstweilen die erforderlichen Einzahlungen machen, um sich inzwischen kleine Besitztümer mit tragenden Obstgarten, Häusern usw. herrichten zu lassen. In der entsprechenden Organisation dieser sehr großen Kategorie läge auch die sehr wichtige Möglichkeit, mittellosen Einwanderern von vornherein Arbeitsgelegenheit in weitem Maße zu bieten. „Auf keinem Gebiete“ sagt ein amerikanischer Autor, „hat gemeinsames Vorgehen mehr Aussicht zur Verbesserung menschlicher Lebensbedingungen zu führen, der allgemeinen Gesittung 2u dienen und gleichzeitig die aufgewandten Mittel mit größerer Sicherheit zu verzinsen, *) Die aber ganz und gar nicht an die „Stadt“ "cbunden zu sein brauchen l VOLK UND LAND